Lampenfieber – der (un)geliebte Wegbegleiter eines Bühnenkünstlers

Händezittern, Schweißausbrüche, Stottern: Das erleben viele Künstler, bevor sie vor ihr Publikum treten. Wie gehen sie damit um? Wird der Auftritt irgendwann zur Gewohnheit? Vier Poetry Slammer berichten von ihren Lampenfieber-Erfahrungen.

Clara Nielsen fühlt sich vor einer großen Menschenmenge sicherer.

Spätestens nach dem Audimax-Slam Master of the Uni-Vers ist Thomas Spitzer den meisten Regensburger Studenten ein Begriff. Seit 2009 tritt er regelmäßig als Poetry Slammer auf. Mittlerweile ist es für ihn mehr als nur ein Hobby. Doch so entspannt, wie er heute auf der Bühne steht, war er nicht immer. »Bei meinem ersten Auftritt bin ich beim Gang auf die Bühne gestolpert, das hat aber zum Glück kaum jemand gesehen.«
Als er im Jahr 2009 zu slammen begann, war er vor seinen Auftritten sehr angespannt. »Ich fühlte mich wie in einem Tunnel, musste mir jedes Mal Mut antrinken, um lockerer zu werden.« Die alkoholbedingte Lässigkeit hatte aber auch ihren Nachteil: Thomas konnte weniger auf Publikumsreaktionen eingehen, was er im Nachhinein als schade empfindet. Mittlerweile überwiegt die Vorfreude, wenn es auf die Bühne geht – ein Zeichen des Fortschritts. Ab diesem Zeitpunkt nahm er seine Auftritte auch deutlicher wahr, sagt er.

Ein Verhaspler als Highlight des Auftritts

Lampenfieber hat der 25-jährige Regensburger aber auch heute noch. Es unterscheidet sich jedoch enorm von seiner Aufgeregtheit als Anfänger. Eine Stunde vor Auftrittsbeginn wird er ruhiger, zieht sich zurück, um später auf der Bühne alles zu geben. Diese Ruhe vor dem Auftritt ist für ihn essentiell. Direkt vorher ist er nur noch bedingt ansprechbar. »Lampenfieber zu haben, zeigt einem, dass es etwas Besonderes ist, auf der Bühne zu stehen.«

Bei Thomas Spitzer hat sich die Aufregung mittlerweile in Vorfreude umgewandelt.

Pannen können beim Poetry Slam immer passieren, aber »man muss wissen, wie man damit umgeht.« So kann ein ungewollter Verhaspler zum Highlight des Auftritts werden. Thomas‘ Tipp gegen starkes Lampenfieber: »Gute Vorbereitung, nicht verrückt machen, denn man selbst ist schließlich sein härtester Kritiker.« Einen klaren Vorteil sieht er in seiner Erfahrung als Poetry Slammer. »Der Auftritt hat etwas von einem Familientreffen, auf dem man alte Freunde wiedersieht. Man muss sich auch nicht mehr so stark profilieren wie anfangs.«

»Wäre ich ganz gelassen, wäre es ja nichts Besonderes«

Als erfahrene Poetry Slammerin kann man Theresa Mergel dagegen nicht bezeichnen. Die 17-Jährige meisterte im Januar ihren ersten Dichterwettstreit in der Regensburger Bar Heimat. Die Anmeldung war eine spontane Idee und Spontaneität war auch beim Auftritt gefragt: Theresa kam ins Finale, hatte aber nur einen Text vorbereitet. Da half nur improvisieren. »Die Leute fanden‘s glaub ich trotzdem ganz gut«, sagt sie. Zwischen damals und heute liegen nur eine Handvoll Auftritte. Bevor sie das Poetry Slammen für sich entdeckte, hatte die Gymnasiastin im Jugendtheater erste Bühnenerfahrung gesammelt. »Poetry Slam ist aber ganz anders. Im Theater spielt man eine Rolle – wenn ich an einem Poetry Slam teilnehme, stelle ich dem Publikum meine eigenen Gedanken vor«, sagt Theresa.
Ihr Lampenfieber bei Poetry Slams schwankt stark. Vor ihrem Auftritt in der Heimat war sie so aufgeregt, dass sie den ganzen Tag nichts essen konnte. Um ihre Aufregung unter Kontrolle zu bekommen, trank sie einen Schnaps. »Wie sehr ich aufgeregt bin, hängt auch vom Text ab, den ich präsentiere.« Um der Nervosität entgegenzuwirken, fährt sie zu den Veranstaltungsorten am liebsten mit dem Fahrrad – das schaffe freie Gedanken.­ Gänzlich verlieren will auch Theresa das Lampenfieber nicht. »Wäre ich ganz gelassen, wäre es ja nichts Besonderes.«

»Ein kleines Publikum kann träge sein«

Lampenfieber kennt auch Clara Nielsen, die seit acht Jahren slammt. »Manchmal bin ich aufgeregt, manchmal gar nicht, das kommt sehr auf den einzelnen Auftritt an und ob der Text schon erprobt ist.« Für Clara spielt auch die Anzahl der Zuhörer eine wesentliche Rolle: Es mag paradox klingen, aber je kleiner das Publikum ist, desto aufgeregter ist die erfahrene Dichterin. Vor einer großen Menschenmasse fühlt sie sich sicherer, weil sie dort direktes Feedback bekommt und das Publikum mehr mitmacht.
Aufregung auf der Bühne kennt die 27-jährige Bambergerin dagegen nicht: Sobald sie vor dem Mikrofon steht, fühlt sie sich wohl. Nur kurz vorher kann sich die Nervosität äußern. Clara beruhigt sich, indem sie noch einmal ihren Text durchgeht. Lampenfieber löst viele Emotionen in ihr aus, so kann der Auftritt an Qualität gewinnen. »Ein Runterrattern vom Text sollte auf keinen Fall passieren.«

»Respect the poet«

Daniela Plößner ist froh, dass ihr noch kein größeres Missgeschick auf der Bühne passiert ist.

Als Daniela Plößner im Mai beim Master of the Uni-Vers neben Clara Nielsen und sechs weiteren erfahrenen Slammern auf der Bühne stand, fragte sie sich, was sie eigentlich zwischen den Szene-Größen zu suchen hatte. Als sie dann noch gegen Volker Strübing (Sieger der deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaft 2005) antreten sollte, wurde ihr klar, dass das ihr bisher größter Dichterwettstreit sein würde. Kurz vor dem Auftritt zitterte sie noch, als sie dann auf der Bühne stand und in das 1500 Personen große Publikum blickte, wurde sie schlagartig ruhig.
Gegen zu großes Lampenfieber hilft ihr ein Anfangsritual: Mit ihren 1,63 Meter stellt sie sich auf die Bühne, nimmt ihr Textblatt in den Mund und schraubt das Mikrofon beherzt herunter. »Da reagieren die meisten schon mit einem Schmunzeln und es erleichtert mir den Einstieg«, sagt die 21-Jährige. Außerdem weiß Daniela die goldene Regel des Poetry Slams »Respect the poet« zu schätzen. Die Regel gibt den Slammern Sicherheit und die Gewissheit: »Die müssen mir jetzt sieben Minuten zuhören, ob sie wollen oder nicht.« Der Grundsatz schützt die Künstler auch davor, ausgebuht zu werden.

»Mein Horrorszenario: auf der Bühne hinfallen«

Obwohl sie schneller redet und zittert, wenn sie aufgeregt ist, ist ihr noch kein größeres Missgeschick auf der Bühne passiert. Ein persönliches Horrorszenario hat sie trotzdem: »Ich trete meist in hohen Schuhen auf, weil ich dadurch eine bessere Haltung habe und leichter die Poetry Slammerin in mir rauslassen kann. Meine Angst dabei: mal so richtig auf die Schnauze fallen.«
Trotzdem will sie die Nervosität nicht abschalten, denn eine gewisse Portion Lampenfieber helfe ihr, aus dem Auftritt kein langweiliges Alltagsgeschäft zu machen. Wie für Clara Nielsen hängt die Aufregung für Daniela viel mit dem Publikum zusammen: Bei Interessenslosigkeit oder schlechter Atmosphäre fühlt sie sich weniger wohl und ist unsicherer. Aber auch die Moderatoren, die den Slam einrahmen, spielen für sie eine große Rolle, denn sie müssen das Publikum anheizen.

 

Autorin: Jasmin Kohl

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