Zwei Körper – ein Leben

Blau ist für Jungs, rosa für Mädchen. Die Gesellschaft bestimmt das Geschlecht. Damit können und möchten sich einige Menschen nicht abfinden.


Lena (rechts) und Leander (links) am Ufer der Donau
Wenn Lena über den Campus läuft, sind ihr die Blicke sicher. Sie ist sehr groß, ihre brünetten Haare reichen ihr bis über die Schultern und ihr Kleidungsstil unterstreicht ihre Weiblichkeit: Enge Jeans bringen ihre langen, schlanken Beine zur Geltung und eine locker sitzende Bluse deutet ihre Körperformen dezent an. Die Blicke bemerkt sie kaum: »Mit den Jahren habe ich gelernt, wegzusehen, wegzuhören.« Wer mit Lena das erste Mal spricht, bemerkt unweigerlich ihre blauen Augen, die von einem breiten, perfekt gezogenen Lidstrich betont werden. Auf den zweiten Blick fällt noch etwas auf: Auf den Wangen schimmert ein leichter Schatten durch das Make-up. »Mein Bart ist noch ein bisschen da, den lasse ich mir jetzt weglasern«, meint Lena, »und an meiner Stimme werde ich noch arbeiten.« Lena ist transsexuell.

»Ich habe schon immer wie eine Frau gedacht«

Und damit ist sie nicht allein. Lena studiert in Regensburg und ist mit Leander, einem Frau-zu-Mann Transsexuellen, befreundet. 2011 gründete Leander Trans-Regensburg, den Vorläufer der Selbsthilfegruppe Trans-Ident Regensburg. Lena war von Anfang an dabei.

Zu den monatlichen Stammtischen kommen regelmäßig um die 20 Personen, bei denen das biologische Geschlecht nicht mit dem sozialen Geschlecht übereinstimmt: ein Mann, der sich als Frau fühlt oder umgekehrt, Menschen, die sich mit ihrer angeborenen Identität nicht abfinden können und wollen. Daher ist die Bezeichnung als transident passender als transsexuell, denn dieses Empfinden hat nichts mit der sexuellen Orientierung oder Vorlieben zu tun. Als Lena anfing, sich in Jungs zu verlieben, merkte sie – damals noch ein Er –  schnell, dass sie nicht homosexuell ist. Dass irgendetwas nicht stimmt, war ihr aber klar. Im Internet fand sie schließlich die Antwort: »Es hat sich angefühlt, als würde ich mich in die komplett falsche Richtung entwickeln.« Bevor Lena sich dazu entschloss, zu ihrer jetzigen Identität zu stehen, war der psychische Druck auf sie enorm. Unter transidenten Menschen, die sich noch nicht klar für eine Geschlechtsumwandlung entschieden haben, ist die Suizidrate deutlich höher als bei anderen. Lena kann das nachvollziehen. »Ich stand schon kurz vor dem Selbstmord«, sagt sie. Sie spricht offen und sachlich, doch ihre Arme sind vor der Brust verschränkt, so als wolle sie die Gefühle von damals nicht mehr an sich ran lassen.

Lenabearbeitet

Durch das Outing wurde es leichter

Leander wurde ebenfalls im falschen Körper geboren. Dass er transsexuell ist, hat er schon in der Grundschule gewusst, nachdem er einen Artikel über dieses Thema gelesen hatte. Bis die Eltern seine Entscheidung, als Mann zu leben, akzeptiert hatten, machte ihm die Pubertät zu schaffen. Durch das Outing wurde es leichter: »Es war für Niemanden ein Problem. Spätestens als ich auf das Männerklo gegangen bin, wurde ich nicht mehr mit weiblichem Namen angesprochen.« Leander befindet sich momentan mitten in der Geschlechtsumwandlung. »Die Namensänderung ist schon durch, die muss man gerichtlich beantragen. Für die Operationen habe ich einen Antrag gestellt, da machen die Krankenkassen richtig Stress. Ich rufe fast täglich dort an und frage, was los ist.« Der Prozess ist nervenaufreibend, anstrengend und in manchen Fällen entmutigend. Damit die Kasse zahlt, müssen Transidente professionelle Umstimmungsversuche über sich ergehen lassen und Gutachten von verschiedenen Psychologen einholen. Oft bedarf es mehrerer Anläufe, bis die Krankenkasse ihre Lebensentscheidung akzeptiert.

Leander beklagt sich nicht. Wenn er von seinen Erfahrungen erzählt, klingt es nach etwas Alltäglichem. Seine Lippen umspielt ein Lächeln. Seine Körperhaltung ist entspannt. Durch die künstliche Testosteronzufuhr ist sein Körper maskuliner geworden. Er hat ein breites Kreuz, eine schmale Hüfte. Die streichholzlangen, dunkelblonden Haare unterstreichen sein männliches Auftreten zusätzlich. Durch die Hormone ist auch seine Stimme tiefer geworden; obwohl er nicht laut spricht, erfüllt sie den ganzen Raum.

»Frau-zu-Mann ist immer ein bisschen einfacher«

Lena und Leander sind sich darüber einig, dass eine Umwandlung von Frau zu Mann immer leichter ist, als anders herum. »Mädels, die sich männlich anziehen, gibt es öfter, da fragt niemand nach«, sagt Leander und erinnert sich an die Zeit als er äußerlich noch die Frau war, die er nie sein wollte. In der Liebe hat es ein Frau-zu-Mann-Transsexueller auch leichter. »Frauen sind da toleranter als Männer«, meint Lena und Leander wirft schmunzelnd ein: »Obwohl man heterosexuell ist, ist im Scala zum Beispiel der GayDay zur Partnersuche ziemlich praktisch, weil da viele bisexuelle Leute sind. Die finden dich vor und nach der Operation gut!«

Zum Stammtisch der Selbsthilfegruppe Trans-Ident Regensburg kommt seit kurzem auch Paula*, die abgesehen von den bunt lackierten Fingernägeln in ihrer physischen Erscheinung eher wie ein Paul wirkt: »Mir ist erst vor einem halben Jahr klar geworden, dass ich auch eine Frau sein könnte.« Paula ist 22, studiert in Regensburg und möchte im Artikel mit einem weiblichen Namen angesprochen werden. Erst durch den Kontakt zu anderen Transidenten begann er sich intensiver mit seiner eigenen Identität auseinander zusetzen. Jetzt testet er immer wieder aus, wie sowohl sein Umfeld als auch er selbst auf eine weibliche Version seiner selbst reagiert.

Lenas Geschlechtsumwandlung ist abgeschlossen. Sie ist jetzt keine Mann-zu-Frau-Transsexuelle mehr, sondern nur Lena, 25 Jahre, weiblich. Ihr Körper und ihr Wesen passen jetzt endlich zusammen. Und auch Leander, dem noch fünf große Operationen bevorstehen, ist davon überzeugt, den richtigen Weg zu gehen. Bei Paula ist noch alles im Unklaren: »Ich weiß noch nicht, ob ich am Ende tatsächlich als Frau leben möchte«, sagt er. Egal wie er sich letztendlich entscheiden wird, er weiß, dass er nicht alleine ist.

*Name von der Redaktion geändert 

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