Kreatives aus der Schreibwerkstatt: Frau am Fenster

Kreatives aus der Schreibwerkstatt: Frau am Fenster

In der Schreibwerkstatt verfassen Studierende der Uni bei Prof. Jürgen Daiber Kurzgeschichten und Prosa. Wer Interesse hat, bei der Schreibwerkstatt mitzuwirken, findet auf der Website des Instituts für Germanistik mehr Informationen. Wir veröffentlichen jeweils einen Text pro Semester in unserer Heftausgabe. Habt ihr ihn schon in einer Zeitschrift am Campus entdeckt? Weiteren Autor:innen bieten wir eine Plattform auf dieser Website.

von Sabrina Heuschneider

Frau am Fenster

Inspiriert vom gleichnamigen Gemälde Caspar David Friedrichs

 

»Ich bin bald zurück, meine Liebe!«, hatte er ihr über die Schulter hinweg zugerufen, als er sie, nachdem er seinen zweireihig geknöpften Frack über die Weste gezogen hatte, mit einem letzten Blick bedachte und den Zylinder in der Hand haltend aus der Tür seines Ateliers spaziert war. Erledigungen hatte er zu machen – ohne sie. Die Geschäfte der Männer angeblich noch immer alkoholschwangeres Rätsel für die Damen.

Unschlüssig darüber, was sie nun tun sollte, stand sie einige Minuten reglos zwischen den Staffeleien ihres Mannes. Farben und Pinsel türmten sich in zahlreichen Kisten, die einer ganz eigenen Ordnung folgten, die sie nicht wagte, durcheinanderzubringen, indem sie sie säuberte. Bedächtigen Schrittes trugen sie die blassgelben Hausschuhe, in denen ihre makellos weiß bestrumpften Füße steckten, an den einzigen Ort im Raum, der nicht mit Malutensilien und Leinwänden vollgestellt war – das Fenster. Lediglich zwei Flaschen des inspirationsbringenden Branntweins standen dort auf der Fensterbank, eine davon halb leergetrunkene Zeugin der vergangenen arbeitsreichen Nacht.

Mit einem leisen Quietschen ließ sich der Riegel beiseiteschieben, der die massiven Läden, welche den Blick auf die Außenwelt versperrten, an Ort und Stelle hielt. Frische Luft strömte in den Raum, während das eintönige Grau nun endlich den Blick auf die Elbe freigab. Die dunklen Dielen unter ihren Füßen knarrten, als sie sich nach vorne lehnte, um eine bessere Sicht auf das Schiff zu bekommen, das gerade sanft durch das blaue Wasser schneidend vorüber glitt. Das dunkelgrüne, knöchellange Baumwollkleid umspielte ihre Figur und wogte hin und her, als sie nun den Kopf bald nach links und rechts drehte, um die Eindrücke in sich aufzunehmen. Gleichsam einem Vogel, der hoch oben in den Zweigen einer der Pappeln am gegenüberliegenden Ufer saß, blickte sie von oben auf das Treiben der Menschen hinab. Schick gekleidete Herren liefen den Uferweg entlang. Alle in Gespräche vertieft oder zielstrebig eilend, ohne sich der stillen Beobachterin über ihren Köpfen bewusst zu werden. Sie ließ ihren Blick in die Ferne schweifen. Verfolgte sehnsüchtig die eleganten Flugmanöver der Möwen. Die Männer zu ihren Füßen waren nicht das, wonach sie strebte. In diesem Moment, der nur ihr allein gehörte, schloss sie die Augen. Atmete tief die kühle Luft ein, die lockend an ihrem streng zurückgesteckten Haar zupfte und erlaubte sich zum ersten Mal an diesem Tag, sich zu entspannen und ihren Träumen nachzusinnen. Dem Sehnen nach Ferne und Freiheit für einen kurzen Moment Raum zu geben.

So ganz in ihre Gedanken und Sehnsüchte versunken hatte sie nicht bemerkt, wie der Herr des Hauses von seinen Geschäften zurückgekehrt war. Dieser hatte sich, nachdem er den Zylinder zurück an den Haken gehängt hatte, umgedreht und sich beim Anblick seiner Frau, das »Ich bin wieder da!« verkniffen, um sich still und leise an eine seiner zahlreichen Staffeleien zu setzen. Fasziniert von dem Bild, das sich ihm bot, hatte er die Szene in Ölfarben verewigt. Ein Objekt, das in zarten Pinselstrichen vom kundigen Künstler gemalt werden wollte, ohne dass sein Innenleben eine Rolle gespielt hätte. Und genau wie er werden auch zahlreiche Menschen nach ihm nur eine am Fenster stehende Frau sehen, deren Wünsche und Sorgen der Ästhetik untergeordnet sind.

 

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