Bald ist wieder Dultzeit! Doch ist das geliebte Volksfest ein wahrer Ort der Zusammenkunft aller?
von Milena Pilz
Schon beim Betreten der Dult mischen sich Gerüche, Geräusche und Eindrücke zu einer eigenen Welt: Bier auf Leder, kreischende Kinder, lallende Gesänge zu Mickie Krause, der ungläubige Blick auf den Preis einer Maß – »Wie bitte, jetzt sind es 16 Euro?« – und irgendwo dazwischen ein Prosit auf die Gemütlichkeit. Diese Atmosphäre prägt die Regensburger Dult, die vom 28. August bis zum 13. September wieder auf dem Dultplatz stattfindet. Die sogenannte »fünfte Jahreszeit« zieht Jahr für Jahr mehrere tausend Besucher:innen an. Viele von ihnen erscheinen selbstverständlich in bayerischer Tracht, kennen die Lieder, die Choreografien und den Moment, in dem plötzlich alle auf die Bänke steigen. Gleichzeitig gibt es jedes Jahr auch Menschen, die staunend vor den Festzelten stehen. Gerade auf einer Veranstaltung wie der Dult, die so deutlich bayerisch geprägt ist, treffen Normalität und Fremdheit unmittelbar aufeinander.
Ein Perspektivenwechsel: Wenn Kirmes auf Dult trifft
Wie fühlt sich ein Besuch auf der Dult für Menschen an, die nicht aus Süddeutschland kommen?
Volksfeste und Jahrmärkte gibt es natürlich nicht nur in Süddeutschland oder Österreich. In Nordrhein-Westfalen heißt das große Fest meist Kirmes, in Ostdeutschland eher Rummel. Auch historische Jahrmärkte, etwa in Magdeburg, zeigen: Solche Feste sind vielerorts Teil regionaler Erinnerung und Kultur. Doch was unterscheidet die Dult von diesen vertrauten Formen des Jahrmarkts?
Eine 25-Jährige aus Kiel kann mit Kirmes sicher etwas anfangen: Sie kennt Fahrgeschäfte, saß schon einmal im Riesenrad und hat als Kind um Zuckerwatte gebettelt. Solche Bilder gehören zu ihren Kindheitserinnerungen. Nun studiert sie in Regensburg, es ist August, und ihre bayerischen Freund:innen wollen mit ihr auf die Dult. »Oh Mann, auf Geisterbahn habe ich eigentlich keine Lust mehr. Aber für eine schokolierte Banane lohnt es sich vielleicht.« Die Trachten ihrer Freund:innen registriert sie zunächst nur mit einem kurzen Hochziehen der Augenbraue. Sie selbst trägt Jeans und Shirt.
Im Bierzelt wird aus der vertrauten Jahrmarktsidee plötzlich etwas Fremdes. Szenen, die sie bisher nur aus Heimatfilmen oder Erzählungen kannte, geschehen nun direkt vor ihr: Menschen in Tracht, volle Bierbänke, laute Lieder, Maßkrüge auf den Tischen. Tragen hier wirklich alle Kleidung, die an das 19. Jahrhundert erinnert? Stehen wirklich alle auf den Bänken? Und kostet eine Maß tatsächlich so viel? Was ist das überhaupt für ein Wort – Maß?
Kurz darauf steht sie selbst auf der Bierbank, staunt über die Größe des Glases und fühlt sich verloren zwischen Liedern, die sie nicht kennt, und Kleidern, die sie noch nie getragen hat. Wird sie sich irgendwann ein Dirndl kaufen? Wahrscheinlich ja. Denn der kurze kritische Blick, den man in Jeans kassiert, ist unangenehm genug, um Anpassung plötzlich naheliegend erscheinen zu lassen – auch wenn die Preise sie beinahe wieder von der Bierbank holen.
Bayern als Bühne
Die 25-jährige Kielerin ist mit ihrem Staunen nicht allein. Bayern wirkt für viele Besucher:innen aus anderen Bundesländern wie eine Bühne, auf der Tradition besonders sichtbar wird: Trachten, Festzelte, Blasmusik, Rituale und regionale Zeichen von Zugehörigkeit zählen hier selbstverständlich zum öffentlichen Bild. Gerade deshalb zieht die Dult nicht nur Einheimische an, sondern auch Menschen, die dieses Spektakel aus Neugier erleben wollen.
Natürlich ist Bayern nicht der einzige Ort, an dem Brauchtum gepflegt wird. Auch in anderen Regionen Deutschlands spielen Traditionen eine wichtige Rolle. Die Lausitzer Sorben etwa haben eigene Trachten, Feste und Bräuche, die bis heute Teil ihrer kulturellen Identität sind. Der Unterschied liegt weniger darin, dass nur Bayern Tradition kennt – sondern darin, wie präsent und alltagstauglich sie dort auf großen Volksfesten inszeniert wird.
Viele Besucher:innen aus anderen Bundesländern verbinden Volksfeste vor allem mit Kindheitserinnerungen: Geisterbahnen, gebrannte Mandeln, Kinderkarussells. In Süddeutschland ist das Fest nicht nur ein Familienausflug, sondern auch ein fester Bestandteil der privaten Liste der Party-Orte von Jugendlichen und Studierenden. Zentral dafür ist das Bierzelt: ein Ort, an dem gemeinsam getrunken, getanzt, gesungen wird. Dass ein großes Zelt mit Musik und Bier bei jungen Menschen gut ankommt, überrascht kaum. Interessanter ist, was sich darin zeigt: Auch bei Gen-Z entsteht ein Traditionsbewusstsein zwischen Selbstinszenierung und Zugehörigkeit.
Traditionelle Identität bei jungen Menschen?
Kritische Stimmen hinterfragen die Popularität der Volksfeste bei jungen Menschen. Dabei wird der Jugend mitunter eine Doppelmoral vorgeworfen. Einerseits lehne sie sich gegen Tradition und Brauch auf, andererseits nehme sie an diesen Festen teil. Dass Meinungen ambivalent und veränderbar sein können, sei mal dahingestellt. Feststeht, dass Traditionen durchaus jung, zeitgemäß und sogar woke sein können. Die Dult mit ihrem Bierzelt und den alten Trachten könnte als ein Fest der älteren Generation erscheinen, eine melancholische Erinnerung an die »besseren Zeiten«. Doch es ist ein Fest für Jung und Alt, alle gemeinsam, in einem Bierzelt. Ein Ort der Zusammenkunft. Es birgt eine große Chance, wenn die junge Generation sich zunehmend für Tradition interessiert. Dennoch sind Traditionen nicht automatisch positiv. Es hinterlässt doch ein irritiertes Gefühl, wenn Frauen ihre Dirndlschleife je nach ihrem Beziehungsstatus binden sollen, um für Männer besser aussortierbar zu sein. Tradition kann jung und aktuell sein, aber muss auch veränderbar sein! Denn Tradition lebt davon, dass sie zeitgemäß angepasst, abgewandelt und neu ausgehandelt wird.
Zwischen Kritik und Zukunft
So gerne viele Menschen auf die Dult gehen, lassen sich einige problematische Seiten des Volksfests nicht ausblenden. Dazu gehören nicht nur überholte Geschlechtercodes wie die Bedeutung der Dirndlschleife, sondern auch der hohe Alkoholkonsum unter jungen Besucher:innen und die steigenden Kosten. Wer die Dult liebt, muss diese Aspekte nicht beschönigen. Gerade weil sie ein wichtiger Ort der Gemeinschaft ist, sollte sie offen dafür bleiben, sich zu verändern.
Auch die junge Kielerin sollte sich im Bierzelt wohlfühlen können – mit oder ohne Dirndl oder Liedtextkenntnisse. Wenn der Dultplatz ab dem 28. August wieder zum Treffpunkt wird, kann er ein Ort der Gemeinschaft sein. Damit das gelingt, braucht es nicht weniger Tradition, sondern eine bessere. Tradition, die verbindet, ohne auszuschließen, und die sich weiterentwickeln darf.
Titelbild © Milena Pilz
