Sport sollte ursprünglich dem Ausgleich dienen – als Möglichkeit, sich zu bewegen, abzuschalten und Stress abzubauen. Heute wird er jedoch oft selbst zur Stressquelle: Macht man ausreichend Sport? Entspricht man einem bestimmten Körperideal? Ist man schnell genug oder stark genug? Wer nicht trainiert, fühlt sich schnell faul, undiszipliniert oder es fehlt an Ehrgeiz. Selbst Erholung soll heute häufig effizient, gesund oder »sinnvoll« sein. Dadurch gerät der eigentliche Zweck des Sports teilweise in den Hintergrund: Im Mittelpunkt steht nicht mehr das Wohlbefinden, sondern Verbesserung, Kontrolle und vor allem Vergleich.

von Maria Treffer

Der Sport ist nicht das Problem

Sport ist dabei keineswegs grundsätzlich negativ oder etwas, das abgelehnt werden soll. Im Gegenteil: Sport kann weiterhin guttun, Stress abbauen und sowohl körperlich als auch mental stärken. Das eigentliche Problem liegt nicht in der Bewegung selbst, sondern in dem gesellschaftlichen Rahmen, der sich darum entwickelt hat. Gerade Trends wie coole Running-Outfits können zwar motivierend wirken, erzeugen aber gleichzeitig Druck, auch beim Sport ästhetisch auszusehen. Auf diese Weise wird Sport nicht nur mit Gesundheit verbunden, sondern auch mit Aussehen, Lifestyle und sozialer Anerkennung.

Pace, PB, VO₂max, Zone 2, Carbs & Proteins: Sport wird zum Datensatz

Zudem besteht die Möglichkeit des ständigen Trackens: Pace, Distanz, Höhenmeter, Kalorien, VO₂max (maximale Sauerstoffaufnahme des Körpers unter maximaler Belastung), Regeneration, Schlaf und Trainingsbelastung gehören auch für viele Hobby-Sportler:innen längst zum Alltag. Tracking-Uhren, Apps und Smartwatches machen jede Bewegung sichtbar und übersetzen sportliche Leistung in Zahlen. Dadurch entsteht ein hohes Vergleichspotenzial, das Leistungsdruck erzeugen kann. Eine Joggingrunde ist nicht mehr nur »ein Lauf«, sondern wird durch Statistiken und Auswertungen definiert. Entscheidend ist nicht mehr ausschließlich, wie sich der Körper fühlt, sondern ob die Werte stimmen. Persönliche Bestzeiten und neue Rekorde werden zum Maßstab für Fortschritt. Dabei geht oftmals der Blick dafür verloren gehen, was man eigentlich schon geleistet hat. Selbst ein Halbmarathon kann sich plötzlich »normal« anfühlen, weil er in der »Social-Media-Lauf-Bubble« längst zum Standard geworden ist. Leistungen, die objektiv bemerkenswert sind, erscheinen dadurch weniger außergewöhnlich – nicht, weil sie kleiner geworden sind, sondern weil sich der Vergleichsmaßstab verschoben hat.

»How to become the best version of yourself«  wird zum Dauerversprechen

Social Media vermittelt fortwährend die Botschaft, dass man immer disziplinierter, fitter, effizienter und zugleich ästhetischer werden könne. Vor allem der Ausdauersport hat sich inzwischen zu einer eigenen »Social-Media-Lauf-Bubble« entwickelt. Plattformen wie Strava oder Instagram machen sportliche Aktivität nicht nur sichtbar, sondern inszenieren sie als ästhetisches Erfolgsprojekt und schaffen eine permanente Vergleichsfolie. Läufe werden häufig nur dann geteilt, wenn sie besonders erfolgreich waren. Lauf- oder Gym-Content, Marathon-Vorbereitungen, Morgenroutinen und »Discipline«-Posts schaffen neue Normen und Ideale, die sich ständig verändern. Das Ideal verschiebt sich kontinuierlich nach oben, sodass die vermeintlich »beste Version von sich selbst« immer außer Reichweite bleibt. Sport wird dadurch Teil einer umfassenden Kultur der Selbstoptimierung, in der der eigene Körper nicht mehr einfach nur trainiert, sondern als dauerhaftes Optimierungsprojekt verstanden wird.

Halbmarathon, Marathon, Ultras, geht noch mehr?

Ein weiteres Phänomen ist die zunehmende Präsenz von grenzüberschreitenden Projekten von Extremsportler:innen, vor allem in den sozialen Medien. Der Versuch von Arda Saatçi, 600 Kilometer durch das Death Valley bis zur Pazifikküste in 96 Stunden zu laufen, oder Joyce Hübners Vorhaben, 495 Marathons an 495 Tagen zu absolvieren, sind nur zwei bekannte Beispiele von Challenges, die vor allem auf Social Media eine große Reichweite erlangen. Solche Herausforderungen verschieben die Wahrnehmung davon, was als außergewöhnliche Leistung gilt. Dadurch werden immer extremere Maßstäbe gesetzt, die sich auch auf andere Sport- und Freizeitbereiche auswirken. Gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass Leistung nur dann Anerkennung findet, wenn sie möglichst spektakulär, grenzüberschreitend und öffentlich sichtbar ist.

Vielleicht liegt die gesündeste Form der Selbstoptimierung darin, aufzuhören, sich ständig optimieren zu wollen. Ziele zu verfolgen und Fortschritte zu machen ist nichts Verwerfliches – entscheidend ist, den Blick für das eigene Maß nicht zu verlieren. Nicht jede Person muss immer extremere Challenges bewältigen, um sich etwas zu beweisen. Manchmal reicht es, die Tracking-Uhr zu Hause zu lassen und Sport wieder als Raum für Wohlbefinden, Ausgeglichenheit und Freude zu erleben.


Quellen:

Podcast-Folge Mainathlet: Instagram & Leistungsdruck- Wie Social Media das Laufen verändert – Teil 2 mit Daniel & Katrin von Bevegt – Mainathlet – Der Leichtathletik Podcast | Acast

Arda Saatçis 600-km-Ultrarun: Ein Mann, der die Welt bewegt.

Joyce Städtetrip durch alle 2059 Städte Deutschlands | Joyce Hübner

Titelbild © Maria Treffer

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