Bekanntermaßen bespielen Kinos im Sommer passend zu den großen Ferien ihre Leinwände mit zahlreichen Horrorfilmen. Dieses Jahr sind die beiden Filme »Obsession« und »Backrooms« nicht nur die beliebtesten Horrorfilme, sondern zählen vielleicht auch zu den bekanntesten und meist diskutierten Filmen des Jahres. Zwei mal Horror und doch so unterschiedlich – aber welcher Film ist für wen? Wir ziehen eine Bilanz.
von Esther Nußstein
No, no, no, no, no…
Mit »Obsession« hat der 26-jährige Curry Barker ein Thema aufgegriffen, was gesellschaftlich eigentlich bereits altbekannt ist: Der Wunsch eines Mannes, von einer Frau geliebt und begehrt zu werden. Im Film ist der unsichere und schüchterne Hauptcharakter Bear in die schöne, lustige Nikki verliebt. Aber anstatt ihr wie jeder andere, normalsterbliche hetero Mann eine halbgare Liebeserklärung zu machen, wünscht er sich einfach, dass sie ihn mehr als alles andere auf der Welt liebt. Sein Wunsch erfüllt sich natürlich – auf die gruseligste Weise. Es handelt sich im Grunde um eine kluge Transformation im Plot, zuerst ist Bear von Nikki besessen, nach Bewahrheitung seines Wunsches dann sie von ihm, und er will irgendwann nur noch seinen Wunsch ungeschehen machen. »Obsession« vereint Body-Horror mit Ironie und einem eher tragischen Ende. Die Moral der Geschichte ist nicht nur ganz offensichtlich, dass man sich gut überlegen sollte, was man sich wünscht. Der Film geht darüber hinaus und zieht ein für Männeraugen vermutlich nicht so klar erkennbares Fazit darüber, wie es ist, als Frau in einem Körper zu leben, der hier buchstäblich von einem Mann kontrolliert wird – und was die Konsequenzen sind. Für alle die eine gute Horror-Lovestory mit leichtem Film-Trauma mögen ist »Obsession« der Film dieses Sommers.
Der Unendlichkeits-Horror
Sogar noch jünger als Barker ist Kane Parsons. Gerade erst 21 geworden und sein SciFi-Horrorfilm »Backrooms« erfährt einen Erfolg, der angesichts der Produktionskosten in Relation zu seinem Gewinn weit über Hollywood-Klasse hinausschießt. Die Filmproduktionsgesellschaft A24, die unter anderem auch »Hereditary« rausbrachte, produzierte den Film für rund 10 Millionen US-Dollar. Eingebracht hat er bisher bereits über 260 Millionen US-Dollar.
Es geht um den von Chiwetel Ejiofor verkörperten Clark, der seinen eigentlichen Traum des Architektenberufs nicht verwirklichen konnte und stattdessen ein nicht gerade gut besuchtes Möbelhaus besitzt. Nachdem seine Frau ihn aus dem Haus geworfen hatte und er deshalb im Verkaufsraum übernachtet, entdeckt er eines Abends im Untergeschoss des Ladens eine magische Wand, die zu den Hinterräumen des Möbelhauses führt. Gleichzeitig befindet er sich wegen der Trennung und bedenklichem Alkoholkonsum in Therapie bei Dr. Mary Kline, gespielt von Renate Reinsve. Beide betreten dieses merkwürde Hintertür-Labyrinth – und die Kamera nimmt uns mit. Die Backrooms wurden zwar von Parsons in einen offensichtlich zurecht beliebten Film auserzählt und verpackt, doch ihr Ursprung liegt in einem einzigen Foto, das ein anonymer User bereits in 2019 auf der Plattform 4Chan teilte. Daraus kreierte Parsons zuerst eine Kurzfilm-Horror-Reihe auf YouTube, und jetzt 2026 schließlich den Spielfilm. Für den Film selbst kombinierte Parsons ein tatsächlich existierendes, ca. 3000 Quadratmeter physisches Set mit digitaler Nachbereitung. Die Found-Footage Sequenzen machen »Backrooms« zum Horrorfilm, sein Plot und sein Ausgang macht ihn zu einem traumartigen, an David Lynch Filme erinnernden Surrealismus, der durch durchdachtes Sounddesign in seinen Bann zieht. Das besondere an den Backrooms ist, dass nie ganz greifbar wird, wohin sowohl diese unendlichen Räume als auch der Film selbst uns überhaupt führen wollen. »Backrooms« schafft aus dem Horror-typischen »Geh-nicht-rein-Element« eine ganze Parallelwelt, die so gruselig, leer und fremd ist, dass man mit einer Mischung aus verängstigt und merkwürdig fasziniert davon aus dem Kinosaal entlassen wird.
Beide, einer oder keiner?
Im Gegensatz zu »Obsession«, in dessen guter Unterhaltung sich die meisten einig sind, spalten sich bei »Backrooms« ganz klar die Meinungen darüber, ob dieser Film brilliant ist oder nicht. Es kommt darauf an, was man sich davon erwartet. »Backrooms« ist kein »klassischer« Horrorfilm mit personifiziertem Bösen. Er verlagert seinen Horror stattdessen auf Jumpscares, die immer erwartet werden, aber nicht immer eintreten, auf psychische Krankheiten und Traumata, menschliche Unsicherheiten, innere Wunden und das Gefühl nicht entkommen zu können. Fakt ist, obwohl diese Filme sehr differenzierte Vorstellungen von »Horror« darbieten, sind beide gleich sehenswert, und wer diesen Sommer bei der buchstäblich heißesten Filmdebatte mitreden will, kommt an diesen Horror-Kunstwerken nicht vorbei.
Titelbild © Esther Nußstein
