Die Medizin ist unfair – und das nicht nur gegenüber Frauen. Egal, ob physische Krankheit, psychische Beschwerden oder Forschung: Sowohl Frauen als auch Männer leiden unter der Gender Health Gap. 

von Karolina Enzler 

Wurde dir schon einmal gesagt, dass deine Beschwerden sicherlich nur an deinem Menstruationszyklus liegen? Wurde dir schon eine psychische Krankheit abgesprochen, weil du doch ein Mann bist? Dann warst du vielleicht von der Gender Health Gap betroffen. Dass Cis-Männer und -Frauen biologisch nicht gleich sind, ist klar. Gerade in der Medizin scheint das jedoch nicht ganz angekommen zu sein. 

Die Gender Health Gap beschreibt die Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen im Gesundheitssystem. Es geht um Unterrepräsentation bei Forschungsprojekten, Fehldiagnosen und lebenslange Folgen. In diesem Artikel klingen einige aber längst nicht alle Facetten dieser großen Problematik an.  

Stell dir vor, du hast einen Herzinfarkt und keiner merkt es

Frauen und Männer sind in der Gesundheitsversorgung nicht gleich abgesichert sind. Das zeigt sich eindeutig am Herzinfarkt. Herzrasen, Atemnot, Beschwerden im linken Arm – Ja, das sind Symptome vom Herzinfarkt. Jedoch sind das nur jene, die klassischerweise bei Männern auftreten. Bei Frauen deutet sich ein Herzinfarkt oft mit anderen, teils uneindeutigen Symptomen an. Darunter können unter anderem Schweißausbrüche, Rückenschmerzen oder Erbrechen fallen. Als Frau hat man eine 50 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, bei einem Herzinfarkt fehldiagnostiziert zu werden. Das kann schwere Folgen haben. Langzeitschäden wie Herzinsuffizienz oder auch der Tod können nach einem spät- oder nicht diagnostizierten Herzinfarkt auftreten. Der Herzinfarkt ist nur eines von vielen Beispielen, bei denen Frauen in der Diagnostik benachteiligt sind. Diese große Diskrepanz zwischen Männern und Frauen lässt sich jedoch nicht nur auf unterschiedliche Symptome, sondern auch auf fehlende Aufklärung zurückführen. 

Die Forschung fokussiert sich auf Männer

Das gravierende Problem in der Medizin: Ein Großteil der Studien und Forschungsprojekte wird mit männlichen Versuchspersonen durchgeführt. Oft wurde einfach angenommen, dass die Ergebnisse genauso auf weibliche Personen anwendbar wären. 

Am Beispiel von Medikamentierung wird deutlich, wie fatal diese Annahmen sein können. Mittlerweise weiß man, dass die Wirkung vieler Medikamente bei Männern und Frauen unterschiedlich ist. Das lässt sich meist auf Unterschiede im Stoffwechsel und der Körperoberfläche zurückführen. Für eine optimale Wirkung bei Frauen bedarf es also einer angepassten Dosierung. Doch woher sollen Ärzt:innen diese kennen, wenn hauptsächlich Männer untersucht werden? 

Die Gender Gap in der Medizin betrifft auch Männer

Auch wenn Männer in der Medizin oft mal wieder grünere Seite des Grases erwischt haben, sieht das bei psychischen Erkrankungen häufig anders aus. Depressionen etwa gelten bei vielen Ärzt:innen auch heute noch eine klare »Frauenkrankheit«. Tatsächlich werden für eine Diagnose Symptome, die für Frauen typisch sind, als Standard gesehen. Darunter fallen Schlafstörungen, schlechte Stimmung und ein Gefühl der Wertlosigkeit. Dass sich Depressionen bei Männern auch in Form von Aggressionen oder einer höheren Risikobereitschaft manifestieren, wird oft vernachlässigt. Männer werden generell seltener als Frauen mit Depressionen diagnostiziert. Dies lässt sich auch, allerdings nicht nur, auf die bei Männern niedrigere Bereitschaft zur Aufsuche von medizinischer Hilfe zurückführen. 

Die Gender Health Gap ist also eindeutig kein Problem, mit dem ausschließlich Frauen zu kämpfen haben. Zahlreiche betroffene Männer leiden ebenfalls unter den Auswirkungen dieser Ungerechtigkeiten. 

Was können betroffene Personen tun?

  • Egal ob bei körperlichen oder psychischen Beschwerden: Wer das Gefühlt hat, etwas stimmt nicht, sollte für sich einstehen. Gegebenenfalls sollten alternative Meinungen von weiteren Ärzt:innen eingeholt werden. 
  • Einige Studien deuten an, dass besonders Patientinnen vom Aufsuchen weiblicher Ärztinnen profitieren. Das Entscheidende jedoch ist es, ärztliches Personal zu finden, das Beschwerden ernst nimmt und effizient abklärt. 
  • Informiert sein hilft. Wer bereits Wissen über die Gender Health Gap und spezifische Symptomunterschiede mitbringt, ist in ärztlichen Gesprächen oft besser positioniert. 
  • Besonders für Frauen gilt: Vorsorge ist ernst zu nehmen. Frauen sind häufiger von Autoimmunkrankheiten oder Herz-Kreislauf-Störungen betroffen. Das kann zum Beispiel auf die Hormonschwankungen in der Menopause zurückzuführen sein. Hinzukommt: Durch Care-Arbeit bleiben vielen Frauen weniger Zeit für Prävention, Vorsorge und ausreichend Schlaf. Ein Fakt, der im Alter schwere Folgen haben kann. 

Titelbild © Olivia Rabe

Quellen:
Medical Research Foundation | Closing the sex and gender gap in…

Gender Health Gap: Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung

https://www.meduniwien.ac.at/web/ueber-uns/news/2022/news-im-oktober-2022/depressionen-zeigen-sich-bei-maennern-anders-als-bei-frauen

https://www.deutsche-longevity-gesellschaft.de/blog/gender-health-gap-frauen-longevity-gesunde-lebensjahre#was-die-zahlen-zeigen

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