Was sich anfühlt wie ein Spickzettel mit der richtigen Lösung in der Klausur, der Taschenrechner im Teil der Matheschulaufgabe ohne Hilfsmittel oder das Wörterbuch im Englisch-Diktat: ChatGPT hat nicht nur die Lösung auf all unsere Fragen, sondern übernimmt die Fragestellung, das Denken und Ausformulieren gleich mit. Die KI erstellt Zusammenfassungen, PowerPoint Folien oder ganze Hausarbeiten in kürzester Zeit. Wo zieht man aber die Grenze des niemals ausgeschöpften Hilfsmittels? Wer hat die Antwort auf die Frage, ob das begleitende schlechte Gewissen bei dem ständigen Heranziehen von ChatGPT gerechtfertigt oder übertrieben ist? Und inwieweit müssen sich die Studierenden Sorgen um die Unterstützung der allwissenden KI machen?
von Sarianna Schnitzler
ChatGPT ist in kürzester Zeit Teil jedes Unialltags geworden. Aufgaben, die früher stundenlange Tüftelarbeit benötigten, werden heute innerhalb von sekündlichen Denkprozessen erledigt. Dabei hat man den Moment verpasst, klare Regeln im Umgang mit künstlicher Intelligenz zu definieren. Die Benutzung befindet sich in einer Grauzone zwischen Dürfen und Nicht-Dürfen. Während früher klar war, was als Schummeln gilt, ist heutzutage niemand mehr sicher, wann etwas genau »KI-generiert« ist. Eine Rechtschreibkorrektur, eine Formulierungshilfe oder das Ausformulieren von ganzen Textabschnitten?
Die allgemeine Unsicherheit
Wenn aber doch niemand genau weiß, wie man die Grenzen zieht und wo der legale Rahmen liegt, dann gibt es im Umkehrschluss doch auch keinen klaren Missbrauch. Woher aber das schlechte Gewissen? Ja, genau daher. Menschen können am besten mit klaren Regeln umgehen. Da es diese aber nicht gibt, entsteht das schlechte Gewissen schon durch das Unwissen, wo der Betrug beginnt. Über das Lernen und die Hausarbeiten hinweg beschäftigen uns zusätzlich die Fragen: Was passiert, wenn das eigene Wissen durch die KI nicht mehr wächst, und wie sehen zukünftige Entwicklungen aus? Wie sieht die berufliche Perspektive nach dem Studium im Zeitalter der KI aus? Diese und weitere offene, unbeantwortete Fragen – auf die allen Anschein nach niemand eine Antwort weiß – feuern weiter die Verunsicherung unter den jungen Menschen an.
KI – der Dichter & Denker
Die entscheidende Gefahr der KI ist neben der gewonnenen Zeit, die man jetzt auf Instagram und Tiktok scrollt, oder der 1,0-Bachelorarbeit, die nicht zu 100% auf Eigenarbeit basiert, das Verlernen des eigenen Denkens. Und dabei ist diese Fähigkeit mit das wichtigste Gut der Menschheit. Wenn die Nutzung von KI so weit geht, dass man nicht mal mehr Geburtstagskarten, WhatsApp-Nachrichten oder Einkaufszettel selber schreibt, dann gibt man damit die vollständige Kontrolle über sein Handeln ab. Man verlernt, die eigene Denkfähigkeit zu benutzen, während die ständige Horizonterweiterung und das ewige Dazulernen immer weniger werden.
Think smarter, not harder
Die Kunst des Umgangs mit den neuen künstlichen Intelligenzen ist die Waage, die im besten Fall austariert sein sollte. Vollständig auf KI zu verzichten ist nicht mehr zeitgemäß. In einer Welt, in der alles optimiert, verbessert und schneller vorankommen muss, ist die KI eine wichtige Begleitung dabei. Für Studierende kann sie wie eine Tutorin wirken, einfache Erklärungen bieten und Feedback geben. Die Entscheidung liegt letztendlich aber bei jedem:r selbst, wie viel KI-Nutzung man verantworten kann. Solange man dabei parallel auch die relevanten Quellen liest, kurze, selbst formulierte E-Mails an die Professor:innen schreibt und sich eigenständig mit der Themenfindung für die Hausarbeit auseinandersetzt, anstatt einfach den ersten Vorschlag von ChatGPT zu übernehmen, kann man sein Gewissen beruhigen und die technischen Entwicklungen als Chance wahrnehmen.
Die wichtigste Kernkompetenz der Zukunft wird vermutlich demnach nicht sein, ohne KI zu lernen. Sondern darin, abzuschätzen, wann man für sich selber nachdenken muss und wann man sich helfen lassen darf.
Titelbild © Sarianna Schnitzler

