»It’s Coming, Football’s Coming Home«

»It’s Coming, Football’s Coming Home«
Deutschland ist raus aus der WM. Nach 120 Minuten und Elfmeterschießen. Millionen Menschen haben mitgefiebert, geflucht, gejubelt und gelitten. Dann der Schlusspfiff, und für viele Männer geht es zurück nach Hause. Voller Adrenalin. Voller Alkohol. Voller Wut. Für viele Frauen kommt gleichzeitig der Schrecken nach Hause. Und was dort nach solchen Abenden hinter verschlossenen Türen passiert, bleibt oft unausgesprochen.

von Hannah Sturm

Zunächst ein Blick in das Vereinigte Königreich: Die britische Hilfsorganisation Women’s Aid hat ausgerechnet, wann bei Fußballspielen der englischen Männer-Nationalmannschaft der gefährlichste Moment des Abends beginnt. Nicht um 21 Uhr, wenn angepfiffen wird – sondern um 23.37 Uhr. Dann, so die Kampagne, kämen viele Täter nach Hause – nach dem Spiel, nach der Kneipe, nach dem langen Abend. Für viele Frauen ist das nicht das Ende des Fußballabends – sondern der Moment, vor dem sie sich schon Tage zuvor fürchten.

Was die Zahlen zeigen

Dass häusliche Gewalt rund um große Fußballturniere zunimmt, ist seit Jahren Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Die bekannteste Studie stammt dabei von der Lancaster University. Sie wertete Polizeidaten aus der englischen Region Lancashire während der Weltmeisterschaften 2002, 2006 und 2010 aus und kam zu einem deutlichen Ergebnis. An Tagen, an denen England verlor, stiegen die gemeldeten Fälle häuslicher Gewalt um 38 Prozent. Gewann die Mannschaft oder spielte sie unentschieden, lag der Anstieg allerdings immer noch bei 26 Prozent. Auch am Tag nach einem England-Spiel lagen die Fallzahlen noch über dem Durchschnitt.

Neuere britische Forschung ergänzt dieses Bild: Zwar sinkt die Zahl der Vorfälle während des Spiels zunächst, anschließend steigt sie jedoch deutlich an und erreicht ihren Höhepunkt erst Stunden nach dem Abpfiff – besonders häufig in Fällen, in denen Alkohol im Spiel ist. Ein Sieg schützt also ebenso wenig wie eine Niederlage. Weil gefeiert wird. Weil weitergetrunken wird. Weil Euphorie ebenso enthemmen kann wie Enttäuschung.

Der Sport als Brandbeschleuniger

Fußball ist nicht die Ursache häuslicher Gewalt, sondern ihr Katalysator. Darüber sind sich Forschende und Hilfsorganisationen einig. Trotzdem sollte man den Sport nicht komplett aus der Gleichung streichen. Denn die Daten zeigen immer wieder: Entscheidend ist nicht das Spiel selbst, sondern der Kontext, in dem es stattfindet. Alkohol, emotionale Aufladung, Gruppendynamik und traditionelle Männlichkeitsbilder können bestehende Konflikte verschärfen und eskalieren lassen.

Doch wie sieht es eigentlich in Deutschland aus? Hier ist die Datenlage überraschend dünn. Es existieren einzelne Hinweise, beispielsweise wurden in Berlin während großer Turniere mehr Fälle häuslicher und familiärer Gewalt registriert. Auch Fachberatungsstellen berichten, dass emotionale Ausnahmesituationen bestehende Gewaltbeziehungen verschärfen können. Eine umfassende Untersuchung wie in Großbritannien gibt es bis heute jedoch nicht. Das bedeutet keinesfalls, dass Deutschland eine Ausnahme ist. Es bedeutet vielmehr, dass wir erstaunlich wenig über das Problem wissen.

Die Fußballwelt in Abwehrhaltung

Vielleicht erklärt das auch, warum die Debatte regelmäßig in dieselbe Richtung kippt. Als britische Hilfsorganisationen während der WM 2018 nach jedem England-Spiel auf steigende Gewaltzahlen aufmerksam machten, wurden sie beschimpft, sie würden den Fußball »kaputtreden«. Wie tief diese Ignoranz sitzt zeigte sich auch in diesem Jahr, als die britische Reform-Politikerin Sarah Pochin nach einem England-Sieg anmerkte, die Mannschaft solle einfach weiter gewinnen – dann bleibe immerhin die Gewalt aus.

Beides verfehlt den Kern des Problems. Selbst wenn Alkohol die Hemmschwelle senkt und selbst wenn ein verlorenes Spiel den Frust befeuert – nichts davon ist eine Erklärung, und schon gar keine Rechtfertigung. Weder das Ergebnis noch die Stimmung noch der Promillewert entscheiden darüber, ob ein Mann gewalttätig wird. Das tut er ganz alleine.

Hilfe bei häuslicher Gewalt: 

Das Hilfetelefon »Gewalt gegen Frauen« ist kostenlos, anonym und rund um die Uhr erreichbar – auf Deutsch und in vielen weiteren Sprachen. Telefon: 116016. In akuten Gefahrensituationen: Polizei 110.


Titelbild © Matilda von Döring

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