»Unter Grund« von Annegret Liepold – eine Rezension 

»Unter Grund« von Annegret Liepold – eine Rezension 
Wie driftet ein junger Mensch in die rechtsradikale Szene ab? Annegret Liepold erzählt in einem Coming-of-Age Roman der ganz anderen Art eine Geschichte von Schuld und Vergangenheitsbewältigung.

von Elisa Probst

Die Referendarin Franka besucht mit ihren Schüler:innen gerade den Gerichtsprozess von Beate Zschäpe, als ihre Vergangenheit sie mit einem Schlag einholt. Überstürzt verlässt sie München und kehrt zurück in ihr fränkisches Heimatdorf, das sie seit 10 Jahren nicht mehr gesehen hat. Im Gepäck: Schuldgefühle und ganz viele Fragen. 

Wie konnte es so weit kommen, dass sie in ihrer Jugend als »Nazischlampe« beschimpft wurde? 

Annegret Liepold nimmt die Leser:innen in ihrem Debütroman »Unter Grund« mit in die persönliche Vergangenheitsbewältigung einer jungen Frau und wirft dabei aktuelle politische Fragen auf. Mit geschickt eingesetzten Rückblenden begleiten die Leser:innen Franka in ihre Jugend in das Jahr 2006: Fußball-Sommermärchen, überall Deutschlandflaggen. Franka möchte Anschluss finden, sie ist stolz auf ihre Heimat, liebt die Natur und sehnt sich danach, verstanden zu werden. In ihrem Dorf trifft sich im Verborgenen die rechtsextreme Partei NPD

Konfrontation mit der eigenen Schuld 

Durch bildhafte Sprache entführt Annegret Liepold die Leserschaft in ein fränkisches Dorf und einen Hitzesommer, der sich für die Protagonistin und die Leser:innen anfühlt wie ein fiebriger Traum. Endlich hat Franka Freunde gefunden, feiert Partys und erlebt eine richtige Gemeinschaft. Die rechte Gesinnung ihrer Freunde lächelt sie zunächst weg. Wie weit wird sie gehen, um so richtig dazu zugehören? Annegret Liepold erlaubt den Lesern, tief in die Gedankenwelt einer facettenreichen Person einzutauchen und lässt sie am Ende mit gemischten Gefühlen zurück. Lange Sommernächte, Fußballspiele der WM 2006 und neue Freundschaften stehen dabei im starken Kontrast zur rechten Gesinnung, die sich unter ihren neuen Freunden unscheinbar ausbreitet. Ein zeitloser Roman, der aber aktueller nicht sein könnte. 

Leseerlebnis auf 265 Seiten 

Die Autorin springt zwischen den Zeitebenen hin und her, ohne dass es für Lesende anstrengend oder verwirrend wirkt. Beim Lesen wird man eins mit der Protagonistin und bekommt so die Möglichkeit, in die Gedanken und Gefühle von Franka einzutauchen. 

Der Roman regt zum Nachdenken über die eigene und auch die deutsche Vergangenheit und Gegenwart an. Wie setzt man sich mit Vergangenheit auseinander? Inwiefern ist es vertretbar, die Nationalhymne mitzusingen? Wie geht man mit der kollektiven Schuld Deutschlands um? Was verschweige ich anderen und was verschweige ich vor allem mir selbst? 

Für ihren Debütroman »Unter Grund« erhielt Annegret Liepold 2025 den Franz-Tumler-Publikumspreis und den Harbour-Front Debütpreis. Das bei Karl Blessing Verlag erschienene Taschenbuch mit 265 Seiten ist für 14€ im Handel erhältlich. 


Titelbild © Elisa Probst

Comments

No comments yet. Why don’t you start the discussion?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert