Eine Kurzgeschichte über verborgenes Talent und eine Lebensgeschichte, eingefangen in Bildern.
von Julia Hiltl
Einmal die Woche besuche ich die geheime Künstlerin. Zwischen kleinen Blumenbeeten mit roten, gelben und rosa Blumen, die vom Wind umhergetrieben werden, steht ihr Haus. Ein großer Weidenbaum direkt daneben, dessen Äste so lang sind, dass sie den Boden berühren und es daher fast immer so aussieht, als würden die Blätter direkt über den Asphalt tanzen. Ich betrete die Küche. Die Sonne strahlt ins Zimmer und da, wo sich das Licht bricht, tanzen die winzigen Staubkörner Walzer. Auf dem kleinen Holztisch mit der Eckbank liegt eine kleine Tischdecke: weiß, mit Spitze. Ich rieche Kaffee und einen leichten, süßen Duft und gleichzeitig macht sich dieses warme und liebevolle Gefühl in mir wieder breit. Und zwischen kleinen Topfpflanzen, die nebeneinander gereiht am Fensterbrett stehen, und Familienfotos, die die Wände zieren, sehe ich die ersten Bilder. Bilder, die so schön sind, dass sie in einem Atelier hängen können. Bilder, die so ausdrucksstark sind, dass man in ihnen versinkt, die eine Geschichte erzählen, leise, aber dennoch mit so viel Stärke. Ein Talent – so verborgen. Aber vielleicht macht es das ja so besonders.
»Magst du einen Kaffee?«, frage ich die geheime Künstlerin und schenke ihr eine Tasse ein. Ich setze mich neben sie auf die Couch im Wohnzimmer. Nebenbei läuft leise der Fernseher, während wir reden. Ihre grauen, fast wie Silber glänzenden Haare, sind zu einem Zopf zusammengebunden. Sie trägt einen rosa Pulli und um den Hals eine lange silberne Kette mit einem Anhänger. Ihr Gespür für Mode habe ich schon immer bewundert. Ebenso wie die Art wie sie ihr Leben lebt. Sie hat die Gabe Geschichten so zu erzählen, dass man das Gefühl hat, direkt dabei zu sein. Genau das gleiche Gefühl hat man, wenn man ihre Bilder anschaut. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich als kleines Mädchen immer bei ihr war: an das Regal an der Wand, wo in einer kleinen Holzdose die verschiedensten Pinsel hervorspitzen. An die verschiedenen bunten Farben und die Eckbank, die man öffnen konnte und dort Papier und Stifte fand, wenn man selbst malen wollte. Ihre Hände halten die Kaffeetasse. Wir reden über Gott und die Welt. Und ich bemerke die Lachfalten, die sich rund um ihre Augen bilden. »Ich hoffe, sie weiß, wie sehr sie geliebt wird, von uns allen«, denke ich während wir reden. Auf dem Wohnzimmertisch steht ein kleiner Korb mit Stricksachen. Und auch jetzt fallen mir wieder die schönen Bilder auf, die an der Wohnzimmerwand hängen.
Ein Bild von einem See, der inmitten von Bäumen ruhig da liegt. Das Wasser glitzert. Ich denke an die Bilder, die wir zuhause von der geheimen Künstlerin hängen haben. Fast alle tragen einen Namen und erzählen eine Geschichte. Das Weltmosaik: ein Bild, das aus lauter grünen, blauen und sandfarbenen Vierecken besteht, die angeordnet eine Weltkugel bilden. Die Wolkenstadt, die mich ein bisschen an die Skyline von New York erinnert. Ein Bild von einem Herzen, das mit lauter bunten Bändern umwickelt ist als Zeichen von Liebe und Verbundenheit. Welten: ein großer Planet, umgeben von kleinen Planeten. Gezeichnet in den verschiedensten Blautönen in Wassermalfarben, die ineinander verschwimmen. Ein Baum hinter, dem die Sonne scheint. Gemalt mit so kühlen Farben, dass es so aussieht, als würde man durch eine Winterlandschaft gehen. Aber auch ganz einfache Motive: Ein Schmetterling und eine Mohnblume. All die Bilder zeugen von einem Leben, das gelebt worden ist. Ein Leben voller Höhen und Tiefen. Ein Leben voller Liebe, Schmerz und Stärke. Ich kann mich noch daran erinnern, als ich mein erstes Bild von ihr zum Geburtstag geschenkt bekommen habe. Als ich wieder aus meinen Gedanken zurückkehre, fällt mein Blick auf das zweite Bild im Wohnzimmer. Zu sehen ist das Meer, das unruhig wirkt. Im Vordergrund zwei weiße Holzpfeiler, die aus dem Wasser ragen. Darauf ein kleiner Vogel mit leicht zerzausten Federn, der in die Ferne blickt. Sehnsüchtig. Ich schaue das Bild wohl etwas zu lange an. »Der Vogel auf dem Bild, das bin ich.«, sagt die geheime Künstlerin. »Ich halte Ausschaue und warte darauf, bis ich ihn wiedersehe. « Ich schaue sie kurz an und setze mich neben sie auf die Couch. »Du solltest wieder anfangen zu malen Oma«, sage ich und schau sie dabei an.
Titelbild © Julia Hiltl

