Soziale Medien sind darauf ausgelegt, unsere Aufmerksamkeit möglichst lange zu halten. Endlose Feeds sorgen dafür, dass aus wenigen Minuten schnell Stunden werden. Warum fällt das Aufhören so schwer und welche Auswirkungen kann das auf unser Gehirn haben?
von Charlotte Meier
Noch kurz Scrollen vorm Schlafen. Gehört zur Abendroutine, oder? Und ganz plötzlich scrollt man doch noch eine ganze Stunde weiter. Kurz TikToks schauen vorm Lernen. Ups, doch schon zwei Stunden vergangen.
Eigentlich wollte man doch nur ein paar Reels schauen. Den einen Post noch kurz durchlesen.
»Wie warm wird es heute?« Schnell nach dem Wetter schauen. Handy entsperren. Der Daumen klickt automatisch auf das Instagram-Icon. Zehn Minuten später: »Was wollte ich nochmal nachschauen?« Ah stimmt, das Wetter.
Handy weglegen. Kurz in die Luft schauen. Das iPad in der Hand. TikTok. Der Daumen wischt über den Bildschirm. Immer wieder die gleiche Bewegung. Kurzer Blick in die Kommentare. Nächstes Video.
Kein Ende in Sicht. Unendlich.
Und das Gefühl danach? Leere, Kopfdröhnen. Und irgendwie kann man sich kaum an die Inhalte erinnern. Das Gefühl von Erschöpfung und Unruhe.
Der Feed kennt kein Ende
Für dieses Phänomen gibt es einen Namen: »Endless Scrolling« oder »Infinite Scrolling«. Gemeint ist die technische Funktion, bei der soziale Plattformen neue Inhalte automatisch nachladen. Anders als bei einem Buch oder einem Film gibt es keinen Schlusspunkt. Das hat gravierende Auswirkungen. Denn wo kein Ende vorgesehen ist, fällt das Aufhören schwer.
»Endless Scrolling« oder »Doomscrolling«?
Die Begriffe »Endless Scrolling« und »Doomscrolling« werden häufig gleichgesetzt. Tatsächlich beschreiben sie jedoch zwei unterschiedliche Formen des Scrollens.
Beim »Endless Scrolling« steht das endlose Konsumieren von Inhalten im Mittelpunkt. Der Feed liefert ununterbrochen neuen Content. Es gibt keinen klaren Haltepunkt, was zu einem ununterbrochenen Konsum von Inhalten führt. Ziel ist meist Unterhaltung oder Ablenkung.
»Doomscrolling« dagegen beschreibt das zwanghafte Lesen negativer Nachrichten. Kriege, Krisen oder Katastrophen bestimmen dabei den Feed. Der exzessive Konsum dieser Nachrichten bestimmt das Scrollen – selbst, wenn die Inhalte zu Stress und Angstzuständen führen. Dahinter steckt häufig das Bedürfnis, Unsicherheit durch immer neue Informationen zu verringern. Paradoxerweise kann genau das Gegenteil eintreten: Je mehr belastende Nachrichten konsumiert werden, desto stärker können Angst, Stress und das Gefühl von Kontrollverlust zunehmen.
Der Unterschied liegt also mehr in den Inhalten der Beiträge, die aufgenommen werden. Während »Doomscrolling« von negativen Nachrichten geprägt ist, beschreibt »Endless Scrolling« den endlosen Konsum unterschiedlichster Posts.
Warum wir immer Weiterscrollen
Aus psychologischer Sicht spielt dabei die sogenannte »variable Verstärkung« eine wichtige Rolle. Sie beschreibt ein Belohnungssystem, bei dem positive Reize in unregelmäßigen Abständen auftreten. Nicht jedes Video ist spannend. Nicht jeder Beitrag ist interessant. Doch der Nächste könnte es sein.
Genau diese Unvorhersehbarkeit reizt beim Scrollen. Ähnlich wie beispielsweise bei einem Glücksspielautomaten weiß man nie, wann die nächste Belohnung kommt. Das Gehirn reagiert darauf mit Dopamin-Schüben und motiviert uns dazu, weiterzuschauen.
Jeder Swipe verspricht etwas Neues. Ein lustiges Video, eine Outfit-Inspiration oder eine Urlaubs-Impression. Das Ergebnis ist ein Kreislauf, der dazu führt, dass aus wenigen Minuten schnell mehrere Stunden werden.
Entspannung oder Anstrengung?
Doch warum fühlt sich Scrollen oft gleichzeitig entspannend und anstrengend an?
Die Antwort liegt in unserer Aufmerksamkeit. Während wir durch soziale Medien scrollen, verarbeitet das Gehirn innerhalb kürzester Zeit viele unterschiedliche Informationen.
Jeder neue Inhalt fordert unseren Fokus. Das Gehirn muss ständig entscheiden, ob etwas relevant, interessant oder unterhaltsam ist. Diese permanente Reizverarbeitung kostet Energie.
Wenn das Gehirn »verrottet«
In den sozialen Medien wird das Gefühl mentaler Erschöpfung nach stundenlangem Konsum kurzer Inhalte als brainrot bezeichnet. Der Begriff stammt aus der Jugendsprache und beschreibt das Gefühl, nach intensivem Social-Media-Konsum zu »verblöden«. Teil davon sind oft Kurzvideos, deren Inhalt meistens sinnlos sind. Brainrot-Videos, die häufig KI-generiert sind, enthalten Komponente, auf die unser Gehirn sofort reagiert: schnelle Bilder, grelle Farben, laute Geräusche.
Da diese Videos keine komplexe Handlung erfordern, kann abgeschaltet werden. Das Gehirn wird dabei dauerhaft unterfordert.
Da brainrot ein neues Phänomen ist, fehlen hier die Langzeitstudien. Kurzfristige negative Folgen, die genannt werden, sind unter anderem eine verkürzte Aufmerksamkeitsspanne.
Warum uns Scrollen erschöpft
Viele Menschen berichten nach längeren Scrolling-Phasen von innerer Unruhe, Konzentrationsproblemen oder Erschöpfung. Das liegt unter anderem daran, dass das Gehirn ständig zwischen verschiedenen Themen und Emotionen wechseln muss.
Ein Video bringt uns zum Lachen, der nächste Beitrag macht nachdenklich, kurz darauf folgt eine Werbung oder ein weiterer Trend. Für das Gehirn bedeutet das einen permanenten Wechsel von Reizen, ohne dass genügend Zeit bleibt, Informationen zu verarbeiten.
Hinzu kommt, dass soziale Medien häufig in Momenten genutzt werden, die eigentlich der Erholung dienen sollen: vor dem Einschlafen oder während einer Lernpause. Statt dem Gehirn eine Pause zu geben, bekommt es weitere neue Eindrücke.
Das Ergebnis kennen viele: Man legt das Handy weg und fühlt sich weder erholt noch produktiv, sondern einfach nur müde.
Wie man der Scroll-Spirale entkommt
Soziale Medien sind mittlerweile so verankert in unserem Alltag, dass ein kompletter Verzicht für die meisten Menschen nicht realistisch ist. Entscheidend ist vielmehr ein bewusster Umgang mit dem eigenen Konsum.
Hilfreich kann es sein, feste Zeiten für soziale Medien festzulegen oder Benachrichtigungen zu reduzieren. Auch das bewusste Weglegen des Smartphones vor dem Schlafengehen kann dabei helfen, dem Gehirn Ruhephasen zu ermöglichen.
Ein Bewusstsein für die Gefahren des Scrollens ist der erste Anfang.
Titelbild © Johanna Augustin

