Eine alte Spotify-Playlist von 2020. Ein Lied, und plötzlich bin ich wieder achtzehn: Zurück in einer Zeit, in der alle Freunde noch in derselben Stadt gewohnt haben. Zwischen tausend Unsicherheiten, meinem Abitur und unendlicher Freiheit, denke ich bei diesem Lied an eine Version von mir, die ich längst nicht mehr bin. Aber trotzdem gehört sie zu mir. An meiner Wand in meinem kleinen WG-Zimmer hängen endlos viele Bilder: von meinem ersten Sommer in Regensburg, meinen WG-Mitbewohner:innen und meinen Urlaub in Paris. Auf einmal werde ich wieder so nostalgisch, doch wieso ist das so?
von Julia Hiltl
Mit dem Gefühl von Nostalgie verbinden wir vor allem die Sehnsucht nach etwas Vergangenem. Einen Zeitpunkt, eine Erinnerung, ein Geruch, ein Lied oder eine Phase in unserem Leben, die so gerade nicht mehr existiert. Hierbei kann Nostalgie je nach Lebenssituation neben Freuden und Glücksgefühlen aber auch traurige oder melancholische Emotionen auslösen. Ein Gefühl, alles hier und jetzt festhalten zu müssen, aber auch zu akzeptieren, dass das nicht so einfach geht, wie wir das gerne hätten.
Schutzmechanismus gegen die Unsicherheit?
Besonders in Situationen, in denen wir uns unsicher fühlen, gibt uns Nostalgie und das Zurückerinnern an bestimmte Situationen, die wir als positiv oder selbstwirksam wahrgenommen haben, das Gefühl von Sicherheit. Kein Wunder, dass unsere Generation besonders in den sozialen Netzwerken davon spricht, wie nostalgisch sie sei. Zwischen einer Flutwelle an Nachrichten über die politische Lage in unserer Welt, tausend Bildern auf Instagram, und schnell wechselnden Lebensabschnitten, gibt uns das Vertraute und Vergangene das Gefühl von Kontinuität und Komfort. Je nach Lebenssituation und persönlich gemachten Erfahrungen kann das für jede Person individuell aussehen.
Das alte Kinderzimmer mit den quietschgrünen Wänden, die Geburtstagsmuffins mit dem rosa Glitzerzuckerguss, das alte Tagebuch mit den zerfledderten Seiten oder die DVD-Sammlung mit den Lieblingsfilmen, die man jetzt einfach über Netflix schauen kann. Auch unsere aktuellen Lifestyle-Trends spiegeln das Bedürfnis nach Beständigkeit wider: Analog- und Digitalkameras, alte Videorecorder, Journals, Vinylplatten, alte Modetrends, Kabelkopfhörer und Bücher sind seit längerer Zeit wieder hoch im Trend und setzen somit einen Gegenpol zur Schnelllebigkeit. In einer Welt, die sich so schnell verändert, dass es oft schwerfällt, seinen Platz darin zu finden, scheint der Trend hin zu analogen Dingen Sinn zu ergeben.
Die Zerbrechlichkeit des Schönen
Auch wenn sich nostalgische Gefühle oft auf Vergangenes beziehen und uns auf emotionaler Ebene Sicherheit geben, können solche Gefühle auch mit gegenwärtigen Dingen in Zusammenhang gebracht werden. Unter dem Begriff antizipatorische Nostalgie versteht man in der Psychologie das Bewusstsein dafür, dass ein schöner Moment, den wir gerade erleben und bewusst wahrnehmen, bald der Vergangenheit angehören wird. Genau dieses Gefühl kennen viele junge Personen nur zu gut. Ein Gefühl, das bittersüß ist und einen daran erinnert, dass alles auf eine gewisse Art und Weise vergänglich ist.
Heiße Sommertage und lauwarme Nächte, der letzte Sommer in der Stadt, in der man angefangen hat zu studieren. Zu wissen, dass man den Minijob, den man gerne macht, die Arbeitskolleg:innen, die WG-Mitbewohner:innen und das zweite Zuhause hier nicht für immer sein werden.
Zu realisieren, dass nicht jeder Lebensabschnitt für immer ist, kann sich im ersten Moment angsteinflößend und unbequem anfühlen, birgt aber dennoch etwas Schönes.
Nostalgie als emotionale Ressource
Zu wissen, dass es Zeiten, Menschen und Erinnerungen gibt, die so wertvoll sind, dass man sich gerne daran erinnert, ist ein großes Privileg. Es zeugt von einem Leben und Momenten, die es wert sind, im Herzen behalten zu werden, egal ob ganz winzig oder groß. Eigentlich ist es ein schönes Gefühl, dass ein Teil meines Lebens so prägend, wertvoll und schön war, dass man gerne daran denkt und dabei Sehnsucht aufkommt. Nostalgie lässt uns Dankbarkeit verspüren und schärft das Bewusstsein für die Vergangenheit, für die Gegenwart und für die schönen Dinge im Leben. Und sie zeigt auf eine bizarre Art und Weise: Nur weil etwas nicht für immer bleibt, heißt es nicht, dass es dadurch weniger wertvoll ist.
Titelbild © Julia Hiltl

