Schrill, laut und unübersehbar – so kennen viele Olivia Jones. Doch hinter der Dragqueen steckt mehr als Entertainment. Die ZDF-Doku »Olivia« zeigt eine Person, die sich gegen Ablehnung behauptet hat und heute Haltung zeigt. Klar, unbequem und politisch.
von Lilly Beckstein
Bevor Olivia Jones zur schillernden Ikone von St. Pauli wurde, war da Oliver Knöbel. Ein junger Mensch, der früh gelernt hat, was es heißt, nicht dazuzugehören. Aufgewachsen in eher konservativen Verhältnissen, geprägt von Unsicherheit und Ablehnung, war der Weg zur eigenen Identität kein leichter. Anders zu sein bedeutete zunächst nicht Freiheit, sondern Ausgrenzung.
Diese frühe Ablehnung ist kein Randdetail, sie ist der Kern. Olivia Jones entsteht nicht aus Spaß, sondern aus Notwendigkeit, aus dem Bedürfnis, sichtbar zu sein in einer Welt, die einen lieber unsichtbar hätte.
Vom Außenseiter zur öffentlichen Figur
Was folgt, ist kein märchenhafter Aufstieg, sondern ein harter Weg. Erste Auftritte, Spott, Zweifel – und trotzdem der Wille, weiterzumachen. Der große Durchbruch kommt 1997 mit dem Titel »Miss Drag Queen of the World«. Plötzlich sind Aufmerksamkeit, Bühne und Öffentlichkeit da.
Doch Erfolg bedeutet nicht automatisch Anerkennung. Drag bleibt lange etwas, das man belächelt, etwas, das nicht ernst genommen wird. Olivia Jones reagiert darauf aber nicht mit Anpassung, sondern mit Expansion. Auf St. Pauli baut sie sich ein eigenes Universum auf: Bars, Clubs, Shows, Touren – und vor allem eine »Familie«, ein Netzwerk aus Künstlern, mit ähnlichen Erfahrungen. Ein sicherer Ort für Menschen, die oft sonst keinen haben.
Zwischen Bühne und Botschaft: Die politische Dimension
Die ZDF-Doku »Olivia« erzählt genau diese Geschichte, ohne sie zu beschönigen. Sie zeigt nicht nur die grelle Figur, sondern auch den Menschen dahinter – mit Zweifeln, Druck und Verantwortung. Sichtbarkeit ist kein Geschenk, sondern verlangt viel Arbeit und manchmal auch Belastung.
Wer glaubt, Olivia Jones sei erst »neuerdings« politisch, liegt falsch. Schon 2004 tritt sie öffentlich gegen den damaligen Rechtspopulisten Ronald Schill an, bewusst provokant und sichtbar. Später folgen weitere klare Aktionen: Auftritte im Umfeld rechter Veranstaltungen, Anzeigen gegen Politiker wegen Volksverhetzung und bewusste Konfrontation mit Ideologien, die queeres Leben infrage stellen.
Mit Projekten wie »Olivia macht Schule« geht sie in Klassenzimmer und spricht über Vielfalt, Ausgrenzung und Respekt. Spätestens hier wird klar: Olivia Jones ist nicht mehr »nur« Entertainerin. Sie wird zur Stimme, zu jemandem, der Haltung zeigt, auch wenn es unbequem ist.
Sichtbarkeit, Widerstand und der Preis dafür
Doch wer sich positioniert, wird angreifbar. Gerade in einer Zeit, in der queere Themen wieder stärker politisiert werden, wird jede sichtbare Person automatisch Teil eines Konflikts. Olivia Jones zieht sich dennoch nicht zurück. Sie bleibt laut. Vielleicht lauter als je zuvor und genau das macht sie für viele unbequem.
Was ihre Geschichte so besonders macht, ist nicht nur der Erfolg, sondern der Weg dorthin. Es ist ein Weg voller Zweifel, Widerstände, Momente des Scheiterns und der Entscheidung, trotzdem sichtbar zu bleiben.
Glitzer ist bei ihr kein Selbstzweck. Er ist Werkzeug, Schutzschild und Provokation. Vielleicht ist genau das die wichtigste Botschaft: Dass es manchmal Mut braucht, laut zu sein – und dass genau darin Veränderung beginnt.
Titelbild © Lilly Beckstein, 2021 Getty Images/Andreas Rentz, IMAGO/imago, dpa
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