Von Sibel zu Kekilli – die Schauspielerin öffnet sich über ihre Vergangenheit

Von Sibel zu Kekilli – die Schauspielerin öffnet sich über ihre Vergangenheit
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24 Jahre nach Faith Akins bekanntem Arthouse-Melodrama »Gegen die Wand« gibt die Hauptdarstellerin Sibel Kekilli ein Exklusivinterview – und öffnet damit die Türen zu ihrer Vergangenheit. Etwas lange in den 2000ern vergraben gedachtes, kommt nun wieder ans Tageslicht. Was Kekillis Erzählungen für »Gegen die Wand« damals, das »deutsch-türkische Kino« im Allgemeinen und vielleicht für ein Deutschland heute zu bedeuten haben.

von Esther Nußstein

Sibel statt Symbol

In »Gegen die Wand« aus dem Jahr 2004 geht es um die junge Sibel (gespielt von Kekilli), die dem strengen, traditionellen Korsett ihrer türkischen Familie versucht zu entkommen. Um einen moralischen Kompromiss zwischen ihrem Wunsch nach Freiheit und den Erwartungen ihrer Familie zu schaffen, geht sie eine Scheinehe mit dem 40-jährigen, alkoholabhängigen Cahit ein. Er ist Türke und deshalb von ihren Eltern akzeptiert. »Ich will leben, ich will tanzen, ich will ficken – und nicht nur mit einem Typ«, eine berühmte Zeile von Sibel. Genau zum Filmstart, als die Welt bereit war Kekillis schauspielerische Leistung zu feiern, veröffentlichte die Bild damals eine Schlagzeile über Kekillis Vergangenheit: sie war einmal Pornodarstellerin. Die von Akin konstruierte Figur Sibel war gerade filmisch so besonders und relevant, weil sie eben nicht wie für zu diesem Zeitpunkt »typisch« für »deutsch-türkische« Filme, das Bild der stillen Frau reproduzierte. Sie stand für eine ganz neue Form der Selbstermächtigung der türkischen Frau. Doch als die Selbstermächtigung sich scheinbar ins wahre Leben übertrug, schlug sie große Wellen in der deutschen Medienlandschaft.

Sibel Kekilli – neu erzählt

»Ich will nicht, dass ihr mich liebt. Aber respektiert endlich, dass ich ein neues Leben angefangen habe«. So sprach Kekilli sich öffentlich bei der Bambi Preisverleihung 2004 gegen die Bild aus. Betrachtet man jetzt das Interview, dass sie mit Chefredakteur der ZEIT Giovanni di Lorenzo, führte, zeigt sich die Parallele: Die jetzt 46-jährige Schauspielerin öffnet sich in dem Gespräch und erzählt über ihre familiäre Vergangenheit, die physische sowie psychische Gewalt involvierte. Ihr heutiges Verhältnis ist unverändert schlecht. Kekilli bekommt außerdem immer noch digitale Hassnachrichten und Drohungen.

Dass ihre türkische Familie ihr damals »neues Leben« und den Bild-Skandal nicht billigte, hat mit traditionellen und kulturell-bedingten Wertevorstellungen zu tun. Dass Deutschland sich jetzt, 2026, immer noch auf eine eigentlich längst vergangene Hetzjagd der Bild einlässt ist mehr als bloße Sensationslust – es zeigt, wie schnell die deutsche Öffentlichkeit selbst auf traditionelle Moralvorstellungen zurückgreift, obwohl sie diese in migrantischen Kontexten häufig kritisiert. Somit kann Kekillis vergangenes Appell an die Yellow-Press auch immer noch als Appell an ihre Familie, an deutsche Kritiker:innen und als kontinuierlicher Kampf als deutsch-türkische Schauspielerin gelesen werden.

Was nach dem Aufprall von »Gegen die Wand« bleibt, ist, dass Kekilli nochmals ihre Stimme erhebt und sich dadurch jetzt tatsächlich des Korsetts entledigt, das Jahre lang um sie geschnürt wurde.

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