Einem Hasen hinterher

Einem Hasen hinterher
In ein Abenteuer gerissen werden, auf das man nie eingeladen war: Eigenwillig erzählt Maren Kames in »Hasenprosa« von ihrem Leben als Künstlerin und als Tochter. Den Lesenden degradiert sie dabei zum hinterherhinkenden Voyeur.

von Mia Fritzsche

»Subkutan mauserte sich alles, äste sich unterholz vorwärts durchs Gras[…] narbte dort friedwärts verabredet ganz langsam zu.« Wer sein Buch mit diesem Satz beginnt, hat gewaltiges Vertrauen in die Leser:innenschaft, sich mit auf das anstehende Abenteuer zu machen. Auf 182 Seiten springt man von Generationen zu Jahrmillionen, verabschiedet sich zeitweise in die Traumwelt und wird am Ende wieder sanft auf den Boden der Tatsachen geleitet.

Der 2024 im Suhrkamp Verlag erschienene Roman von Maren Kames wurde im selben Jahr für den Deutschen Buchpreis und 2025 für den Fontante-Literaturpreis nominiert. Maren Kames »Hasenprosa« ist, wie es sich eben nennt, ein Prosawerk: die Gedanken einer Frau zu ihren Großeltern, ihren Eltern und ihrem Leben als schaffende Person. Alles in einem Buch, alles begleitet von einem zynischen, allwissenden Hasen. Die Handlung ist schwer zusammenzufassen, aber auch nebensächlich. Manchmal erklärt der Hase der Protagonistin etwas über die Zeitgeschichte, manchmal zanken sie sich ein wenig.

Maren Kames Schreibstil ist voll von Wörtern, die zuletzt nur der Duden gesehen hat. Am Anfang ist man versucht, sich jedem einzeln zu widmen, am besten betrachtet man die Worte aber als Bausteine eines großen Ganzen, bei denen man sorglos von einem zum nächsten springt, genauso wie es die Erzählerin mit den Handlungssträngen macht. Die Auseinandersetzung mit dem Erbe der Großeltern, die kleinen Exkurse unter anderem über die Etymologie der Hecke, das stream-of-consciousness Schreiben erinnern alle an Kim de l’Horizons »Blutbuch«. Den allwissende Säuger, ob Hase oder Ratte, hat die deutsche Literaturgeschichte mit Günter Grass »Die Rättin« auch schon gesehen. Nichtsdestotrotz ist es sein eigenes Werk, klar differenzierbar, obwohl es so schwer greifbar ist.

Die behandelten Themen können mit Lesenden resonieren, die selbst einen Bezug dazu haben, wer jedoch nicht ähnliches erlebt hat wie Maren Kames, kann nicht ganz folgen. Dass man besonders gut folgen kann, war aber auch keine Intention der Autorin. Das merkt man vor allem daran, dass die Autorin nicht an Fachjargon oder Einschüben über Meeresbiologie oder ähnlichem spart. Sie schmeißt jede angelernte Bemühung, sich verständlich zu zeigen aus dem Fenster, um ganz eigenwillig genau die Worte zu schreiben, die Pop-Kultur Referenzen (von Lionel Messi zu Billie Eilish und Buntspecht) zu skizzieren, die ihr eben in den Sinn kommen. Wie der Hase der Protagonistin immer einige Zentimeter voraus ist, so ist auch die Handlung der Leserin immer einige Zeilen und Lebenserfahrungen voraus. Diese Eigensinnigkeit macht »Hasenprosa« so intim. Ein Crash-Kurs in die Gedanken und Gefühle einer zuvor fremden Person, so schnell vorbei wie es kam. Ein nettes kleines Abenteuer für nur 25,00€ beim Suhrkamp Verlag.


Titelbild © Mia Fritzsche

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