Sommer, Sonne, Festival! Ein Wochenende Dosenbier, laute Musik, sommerliche Temperaturen da können doch nur gute Vibes sein? Doch wie sich herausstellt, gilt das nicht für alle – denn diesen Sommer leiden besonders die Männer.
von Larissa Hornig
Ich möchte drei Situationen meines letzten Festivals wiedergeben. Beginnen wir an Tag 1. Das Festivalshuttle rollt an, wir steigen ein, und mit uns eine Gruppe sehr betrunkener und halbnackter Männer. Sie beginnen eigentlich sofort, peinliche Parolen («Eyo Busfahrer, arme Sau, du musst heute arbeiten und wir sind gerade blau») durch den Bus zu grölen, worauf wir mit «Eyo Busfahrer, schmeiß die Männer raus, haben keine T-Shirts an und sind viel zu laut» antworten. Das Resultat sind ein paar beleidigte Männer, die uns als Spaßbremsen verstehen.
An Tag 2 fordert die Gruppe PA69 auf der Bühne ein FLINTA-only-Moshpit für einen Song. Und auch hier: nicht alle, aber durchaus einige Männer finden das «voll unfair», streiten sich am Rand mit so mancher, wieso sie jetzt nicht mitmoshen dürfen.
Das große Finale beleidigter Männlichkeit offenbart sich mir bei – wie sollte es anders sein? – der Künstlerin Ikkimel, die das Festival auf der Main Stage closed. Zehn Minuten, nachdem sie beginnt zu spielen, quetschen sich drei Männer mit Bier möglichst weit nach vorne. Sie sehen es überhaupt nicht ein, Platz zu machen für die (hauptsächlich weiblich gelesenen) Personen um mich herum. Als wir beginnen, ausgelassen zu tanzen und mitzugrölen, merken sie allerdings: Hier ist ein echtes Platzproblem, vielleicht haben sie sich da doch etwas verrechnet. Alle drei Bier landen auf ihnen, auf Personen um sie herum oder auf dem Boden. Als der Song endet, vernehme ich Beschwerden wie: «Die Weiber sind echt bescheuert», «Was ist denn hier los?» und «Können die sich nicht zusammenreißen?»
Raum geben, Raum nehmen
Tja, was ist denn hier los? Das kann ich beantworten. Diese drei Situationen haben eine Gemeinsamkeit: Frauen, die sich den Platz nehmen, den Männer schon längst wie selbstverständlich für sich beanspruchen. Und nein, hier geht es nicht darum, Männer aus öffentlichen Räumen zu verdrängen oder sie auszuschließen – es geht um Raumwahrnehmung. Männer betrachten ihren Platz in der Gemeinschaft oft als sehr selbstverständlich. Damit ist alles gemeint: von Männern, die weibliche Personen viel häufiger unterbrechen als andere Männer, bis hin zur tatsächlichen Raumkonzeption wie das bekannte Phänomen «Man Spreading» in der Bahn. Wenn Frauen beginnen, mehr Raum in der Gesellschaft einzunehmen, reagieren viele Männer wie in den Situationen beschrieben: Sie bezeichnen uns als hysterisch, bescheuert, schrill, sie sind beleidigt und sehen sich selbst als benachteiligt.
Der Kampf geht weiter
Ganz ehrlich, Leute, das FLINTA-Moshpit hat wirklich Spaß gemacht – das war ein kurzer Moment des Triumphs für uns. Aber gleich darauf folgt die Erkenntnis, dass der Zustand, den Männer als die Norm erleben, von uns erkämpft werden muss. Wie absurd das eigentlich ist, dass wir tagtäglich Raum abgeben, egal ob in der Bahn oder im Moshpit, und uns erst bewusst werden muss, dass wir genauso viel Platz einnehmen dürfen.
Zum Abschluss bleibt mir nur noch zu sagen: Sie sind sauer – holt die Mistgabeln raus.
Titelbild © Larissa Hornig

