Es gibt so viele Tretminen bei diesem Turnier, dass es beinahe schwierig wird, den Schuh auf den Fußballrasen zu setzen. Korruptionsskandale in der Fifa, ein somalischer Schiedsrichter, dem die Einreise verweigert wird, ein 40-jähriger Neuer im deutschen Tor und eines der Ausrichtungsländer befindet sich zum WM-Start im Krieg. Wird die WM langsam aber sicher auch nur noch zur Bühne?
von Esther Nußstein
Bei der FIFA Fußball Weltmeisterschaft 2026 kollidieren zahlreiche erste und letzte Male: das letzte Mal spielt das deutsche Team in Adidas Trikots bevor Nike das Sponsoring übernimmt. Das erste Mal, dass so viele Teams dabei sind. Das letzte Mal, dass Neuer im WM-Kader antritt – wahrscheinlich. Und, bestimmt nicht das erste Mal, drängt sich die Frage auf: Geht es überhaupt noch um Fußball?
Politikbühne
Natürlich konnten die drei Ausrichtungsländer Mexiko, Kanada und die USA nicht ahnen, dass sich letztere Nation ausgerechnet zum Anstoß des langersehnten Turniers noch im Krieg mit dem Iran befindet. Gestern gaben beide Parteien aber dann überraschend ein Rahmenabkommen zu einer Einigung und einem möglichen Kriegsende bekannt. Theoretisch wäre es möglich, dass das iranische Team in einer Ko-Runde auf das US-amerikanische Team trifft. Dies geschah bereits zwei Mal in der WM-Geschichte: 1998 gewann der Iran 2:1, 2022 entschieden die USA das Spiel 1:0 für sich. Ob der Krieg bis zu diesem potenziellen Spiel in der Zukunft beendet ist oder nicht – brisant wird es in jedem Fall, sollte es so weit kommen. Wer bisher dachte, die Weltmeisterschaft könnte gar nicht mehr politischer werden nach der Austragung 1934 im damals unter Mussolini regierten Italien oder 2018 im Putin-beherrschten Russland, von 2022 in Katar ganz zu schweigen, der rennt spätestens jetzt gegen die Wand. Die Welt wird zwar nicht »immer schlimmer«, so wie eine Mehrheit der Menschen es empfindet –die WM wird aber immer politischer und problematischer.
Das Neuer-Drama und Sané Hass
Auf die Frage, ob man es für gut befände, dass Manuel Neuer auch diese WM unerwartet noch einmal mit antritt, wurden ambivalente Gefühle geäußert. Die Mehrheit entschied sich dann aber doch für ein Ja. Neuer war bei der 2014er WM in Fußball-Jahren mit 28 schon einer der »Älteren«. Nun wurde er mit 40 Jahren kurzfristig für die WM doch noch dem anderen Torwart der deutschen Mannschaft, Oliver Baumann (36), vorgezogen. Damit ist Neuer offiziell der älteste deutsche Nationalspieler aller Zeiten. Baumann reagierte relativ gelassen auf diese unerwartete und von vielen als unfair empfundene Aktion des Bundestrainers Julian Nagelsmann. Er verliere dadurch an Kredibilität, waren Zuschauer sich einig. Dass der Großteil der befragten Personen es doch gut findet, dass Neuer noch einmal dabei ist, liege daran, dass er tatsächlich einer der besten Torhüter aller Zeiten sei und er vielen Personen außerdem als Mensch – und nicht nur als Profisportler – sympathisch sei.
Zeit und Geld
»Es ist Sonntag, die Leute besaufen sich nicht«, auch dieser Satz fiel in der mäßig gefüllten Sportbar, angesichts der sonst so überfüllten Pustet-Passage. Angenehm, wenn jeder den Fernseher tatsächlich sehen kann, ohne sich den Hals zu verrenken – überraschend, weil man eigentlich erwartet, dass die Leute beim ersten Deutschland-Spiel die Türen einrennen. Das kann verschiedene Gründe haben: Zum einen ist Regensburg bekannt für seine Café- und Kneipendichte. Neben der Gaffel-Bar kann man unter anderem auch im Prüfeninger Schlossgarten, im Da Silva, im Hinterhaus oder in der Fassbar Spiele live verfolgen. Die Fans und Pseudo-Fans verteilen sich dadurch gut.
Zum anderen sind besonders die Spielzeiten ein großes Problem, da ja innerhalb der USA allein schon verschiedene Zeitzonen herrschen. So finden viele Spiele nachts statt. Da die WM auch nicht in Europa ist, ist es deutlich schwieriger eben mal so zu einem Spiel zu gehen. Auch die Kosten steigen beinahe exponentiell an. Den Flug mal außer Acht gelassen, zahlt man etwa für ein Ticket für ein Spiel in den USA mindestens 200 Dollar, die teuersten Ränge kosten bis zu 3.000 Dollar. Dazu kommen Unterkunfts- und Verpflegungskosten.
Aus all diesen Kosten schleust sich die logische Erkenntnis: Viele können sich die WM nicht mehr leisten. Dann fährt man eben mal nicht hin, kein großes Drama, oder? Der traurige Gedanke dahinter ist eher, dass eine WM gerade so besonders ist, weil sie doch irgendwie die ganze Welt vereint. Es liegt normalerweise in dieser Zeit eine besondere Stimmung in der Luft – was jetzt in der Luft liegt, ist Kommerzialisierung. Zusammenhalt wäre gerade jetzt in kritischen und instabilen wirtschaftlichen wie politischen Zeiten wichtig, doch 2026 sieht es so aus, als ob die Weltmeisterschaft zunehmend spaltet und zerstört, statt zusammenbringt.
Titelbild © Esther Nußstein

