Vielleicht bist es gar nicht du – Die kritische Psychologie

Vielleicht bist es gar nicht du – Die kritische Psychologie
Drei Hausarbeiten stehen an, der BAföG-Bescheid lässt auf sich warten, abends jobbt man an der Bar und jeden Tag jagt ein Milliardär irgendwas in die Luft. Morgens schlechte Laune, kein Appetit. Der Gang zur ärztlichen Praxis zeigt ganz überraschend: Diagnose F32 – Depressive Episode mit Antriebsschwäche.

von Mia Fritzsche

Sie empfehlen Psychotherapie, wenn das nicht hilft dann psychiatrische Hilfe. Nun denn, »Verhaltenstherapie oder Tiefenpsychologie?«. Das sind die zwei bekanntesten Therapiemethoden, direkt neben analytischer und systemischer Psychotherapie. Ihre Bekanntheit verdanken sie den gesetzlichen Krankenkassen, die nur die Kosten dieser Therapiemethoden übernehmen. Doch weder die Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit noch das Erlernen von irgendwelchen cues (Schlüsselreize) scheint das richtige Problem zu lösen: Haben wir noch eine Zukunft?

Über den Tellerrand geschaut

Die kritische Psychologie, begründet im Berlin der 1960er Jahre von dem Psychologen Klaus Holzkamp, bietet den Ansatz einer Lösung. Anhänger:innen der kritischen Psychologie beschäftigen sich nicht allein mit den Patient:innen, sondern vor allem mit deren Lebensumständen. Deswegen wird sie auch als Disziplin der subjektwissenschaftlichen Forschung verstanden. Im Gegensatz zu anderen Richtungen wird nach den Methoden der kritischen Psychologie ein Augenmerk darauf gelegt, dass gesellschaftliche Verhältnisse oft zu Naturverhältnissen erklärt werden. Als Folge passt man sich diesen an, anstatt sie zu verändern. Die kritische Psychologie setzt sich die Emanzipation von sozialen und gesellschaftlichen Abhängigkeiten zum Ziel. Um das aber zu erreichen, muss der Mensch sich diesen erst bewusst werden.

Wer sich diese kritische Brille aufsetzt, entdeckt viele Situationen, die man als pseudokonkret bezeichnet. Pseudokonkret wäre folgende Aussage: »Der Schüler passt nicht auf, weil er eine Konzentrationsschwäche hat.« Dass der Schüler nicht aufpasst, weil er nachts nicht schlafen kann, weil seine Eltern abends immer über Geldsorgen streiten, wird ausgeklammert. Das sieht die kritische Psychologie als Kernproblem. Gesellschaftliche Probleme werden personalisiert, während die Umstände naturalisiert werden.

Eine Pille, dann ist alles gut

Die kritische Psychologie rückt die Gut-Schlecht Dichotomie, die unser Verständnis von Medizin und medizinischer Psychologie umgibt, zurecht. Etwas ist schlecht (Man ist krank) deswegen nimmt man Medikamente, damit es wieder gut wird (Man ist gesund). Doch das Feld der Psychiatrie muss mit der Diagnostik seiner Patient:innen sensibler Umgehen als die Nephrologie oder die Podologie.  Während man sich schnell einig darüber wird, dass man bei einer bakteriellen Infektion eine Antibiotika-Therapie machen sollte, streitet man sich über die Verschreibung des Amphetamins Elvanse bei ADHS-Patient:innen eher. Amphetamine heilen kein ADHS wie ein Antibiotikum die Tuberkelbakterien tötet, sondern sie erleichtern den Patient:innen, sich den Arbeitsbedingungen besser anzupassen und mehr zu leisten. Dabei darf nicht vergessen werden, dass unsere Einschätzung davon, was pathologisch ist und was nicht, sozial geprägt ist. In einer leistungsorientierten Gesellschaft sind Antriebsschwäche und ADHS primär Hindernisse dabei, Leistung zu erbringen, und erst danach Symptome der Gesellschaftsform.

Das soziale Geflecht unter der Lupe

Ein Beispiel, wie man die kritische Psychologie im Alltag anwenden kann, zeigen L. Reuter et al. mit der Kollektiven Selbstverständigung (KSV). Die KSV ist eine Gesprächspraxis, die seit 2014 anhand selbstorganisierter Treffen von Kleingruppen entwickelt wird. Ein Mitglied schildert eine Problematik, über die es reden will. Danach unterhalten sich die anderen Personen darüber, was sie nachvollziehen können und wo Unklarheiten bestehen. Zum Schluss fasst man in der Gruppe die gesellschaftlichen Verhältnisse zusammen, die der Situation zugrunde liegen.

Diese Methode hat eine bestimmte Besonderheit: Durch die Schilderung der Problematik und durch das Zurückziehen in die beobachtende-zuhörende Rolle kann das KSV-Mitglied mehr Klarheit über seine eigenen Emotionen und über die Situation gewinnen, welche als Erkenntniswegweiser dienen.

Ob die kritische Psychologie und ihre Methoden in den nächsten Jahren noch salonfähig und vor allem kassenärztlich zugelassen werden ist ungewiss, bis dahin lohnt es sich, öfter zu hinterfragen: »In welchen Verhältnissen stecke ich?«.


Weiterer Lesestoff:

https://www.kritische-psychologie.de/einstieg

https://www.socialnet.de/materialien/30349.php

https://www.youtube.com/watch?v=OlVUToPqN2g

Titelbild © Aaliyah Meier

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