Kleine Rebellion, große Wirkung

Kleine Rebellion, große Wirkung
Mikrofeminismus. Ein Wort, bei dem die Reaktionen nicht unterschiedlicher ausfallen könnten. Die einen feiern es, die anderen verdrehen die Augen. Dabei steckt genau in dieser genervten Reaktion der Beweis dafür, warum wir darüber reden müssen.

von Helen Müller

Also: Was ist Mikrofeminismus eigentlich?

Mikrofeminismus ist keine Bewegung mit Manifest und Megafon. Diese Art des Feminismus ist vielmehr das Gegenteil davon – und genau darin liegt seine Stärke. Es sind die kleinen, alltäglichen Momente, in denen sich Frauen entscheiden, nicht mehr unsichtbar zu sein. Es geht darum, Stereotype zu hinterfragen, anderen Frauen den Rücken zu stärken und Ungleichheiten zu benennen -auch dort, wo sie sich gerne als Normalität tarnen.

Der Mikrofeminismus wird deshalb auch als »kleine Rebellion im Alltag« bezeichnet. Und das trifft es eigentlich ganz gut. 

Doch woher kommt der Begriff? 

Seinen Grundstein enthält die Mikrofeminismus-Bewegung durch einen Trend in den Sozialen Medien. Doch den Begriff an sich etablierte die Creatorin Ashley Chaney auf TikTok. Damit hat sie etwas Entscheidendes getan: Sie hat benannt, was viele Frauen schon längst tun, ohne ein Wort dafür zu haben. Und sobald etwas einen Namen hat, lässt es sich schwerer ignorieren. 

Reicht das? Kann Mikrofeminismus wirklich etwas verändern?

Die kurze Antwort: Ja.

Zweifellos gibt es auf der Welt größere, dringlichere Probleme – das macht den Mikrofeminismus aber nicht unwichtig. In weiten Teilen der Welt werden Frauen zur Ehe gezwungen, misshandelt, vergewaltigt – Femizide sind bittere Realität. Das löst keine Geste auf dem Gehweg. Aber Mikrofeminismus stellt sich auch gar nicht als »Allheilmittel« auf. Die Bewegung tut etwas anderes: Sie macht Ungleichheit dort sichtbar, wo sie sich am geschicktesten versteckt – im Alltäglichen, im Selbstverständlichen, im »Das war doch nicht so gemeint«. 

Viele Feminist:innen sowie Expert:innen sprechen der Mikrofeminsimus-Bewegung großes Potenzial zu. So bringt es auch die Sozialforscherin Bettina Kohlrausch auf den Punkt: Mikrofeminismus kann zu sprachlichen und verhaltensbezogenen Veränderungen beitragen. Den Gender Pay Gap schließt er allein nicht, aber er verändert die Kultur, in der strukturelle Probleme fortbestehen. Und Kultur verändert sich selten durch einen einzigen großen Moment, sondern durch viele kleine, die sich irgendwann nicht mehr ignorieren lassen. 

Die Zahlen sprechen für sich: 

34 Prozent der Frauen fühlen sich in Unternehmen mit einer strukturfördernden Kultur nicht mehr »fehl am Platz«. 18 Prozent mehr Frauen bewerben sich auf eine Stelle, wenn die Ausschreibung das generische Femininum verwendet. Sprache beeinflusst, wer sich angesprochen fühlt – und das ist alles andere als eine Kleinigkeit.  

Mikrofeminismus ist ansteckend. Absichtlich. 

Je mehr Menschen dieses Verhalten zeigen, desto normaler wird es. Mikrofeminismus hilft außerdem dabei, sich Macht zurückzuholen – in den Momenten, in denen man sonst einfriert, schweigt oder einfach Platz macht, obwohl man das eigentlich gar nicht will. Er trägt dazu bei, das System sowie das eigene Verhalten zu hinterfragen. 

Dein Alltag, deine Rebellion. So geht’s: 

  • Sag Männersport, nicht Frauensport. Dass die Männer-Fußball-WM einfach »WM« heißt, sagt eigentlich schon alles. Mach den unsichtbaren Standard sichtbar.
  • Weich nicht aus, wenn dir ein Mann auf dem Gehweg entgegenkommt.
  • Nimm den Platz ein, den du brauchst – auch wenn jemand neben dir meint, er bräuchte ihn mehr.
  • Wirst du oder eine andere Person unterbrochen? „Ich war noch nicht fertig.“ oder „Sorry, bevor wir weiterreden, würde ich gerne hören, was sie gesagt hat.“
  • Sag Nein – ohne Erklärung und ohne schlechtes Gewissen.
  • Konsumiere bewusst Content von Frauen (bspw. Filme, Bücher, Artikel, usw.).
  • Wenn jemand einen sexistischen Witz macht: „Sorry, ich habe den Witz nicht verstanden. Kannst du den vielleicht nochmal erklären?“
  • Türen auch für Männer aufhalten – einfach unabhängig vom Geschlecht.
  • Gendergerechte Sprache verwenden.

»Klein« nennen es andere. Aber wer einmal bewusst nicht ausgewichen ist, weiß: Es fühlt sich nicht klein an. Und genau das ist der Punkt. 
Das System verändert sich nicht über Nacht, aber es beginnt, wenn genug von uns anfangen, die kleinen Dinge anders zu machen. 


Quellen:

https://tu-dresden.de/bu/der-bereich/chancengleichheit/fun/news/mikrofeminismus

Collage © Helen Müller

Comments

No comments yet. Why don’t you start the discussion?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert