»Darling, I want my gay rights now.« – Marsha P. Johnson

»Darling, I want my gay rights now.« – Marsha P. Johnson
Der Pride Month und die Christopher Street Days sind präsent als stolze, farbenfrohe Feiern sexueller Vielfalt. Doch ihr Ursprung ist weit kämpferischer: Die Stonewall Riots, angeführt vor allem von transgeschlechtlichen People of Color und Latinos, markierten den Beginn der modernen LGBTQ+‑Bewegung. 

von Vicky von Huth

Eine der prägenden Figuren dieser Zeit war Marsha P. Johnson (1945–1992). Gemeinsam mit Sylvia Rivera (1951-2002) setzte sie sich für obdachlose queere Jugendliche, für Menschen mit HIV/AIDS und für die Rechte von Transpersonen ein. Johnson, die sich selbst als »gay person«, Transvestit und Drag Queen bezeichnete (sie benutzte sie/ihr Pronomen aber die Bezeichnung Transgender etablierte sich erst nach ihrem Tod), wuchs in einem konservativen afroamerikanischen Haushalt in New Jersey auf und floh noch als Minderjährige nach New York. Dort blieb ihr aufgrund struktureller Diskriminierung der Zugang zu regulärer Arbeit verwehrt, weshalb sie ihr Leben lang auf Sexarbeit angewiesen war. Auf der Straße lernte sie die junge Sylvia Rivera kennen, die puerto-ricanische und venezolanische Wurzeln hatte. Beide verbanden Erfahrungen von Armut, Gewalt und Obdachlosigkeit. Johnson wurde für Rivera zu einer Art Mutterfigur.

Der frühe Morgen des 28. Juni 1969

Zu dieser Zeit war Homosexualität noch strafbar und staatliche wie gesellschaftliche Diskriminierung prägten den Alltag queerer Menschen. Besonders Transpersonen waren einem hohen Maß an sexualisierter Gewalt, Polizeibrutalität und Obdachlosigkeit ausgesetzt und wurden selbst innerhalb der queeren Community häufig ausgegrenzt.

In der Nacht des Stonewall-Aufstands entlud sich der jahrelang angestaute Frust. Die Polizei stürmte die Schwulenbar »Stonewall Inn« in der Christopher Street in New York, solche Razzien waren damals keine Seltenheit. Transpersonen und Drag Queens wurden dabei gezielt aufgrund vermeintlicher »female impersonation« verhaftet. Doch diesmal wehrten sich die Gäste. Es kam zu gewaltvollen Auseinandersetzungen, bei denen Steine und Flaschen flogen und zahlreiche queere Menschen festgenommen wurden.

Wer Stonewall wirklich trug

Wer den ersten Stein warf, ist bis heute umstritten. Genannt werden unter anderem Marsha P. Johnson oder Stormé DeLarvie, eine Butch Lesbe und Drag King. Sicher ist jedoch, dass Rivera und Johnson und viele weitere BiPoC und Transpersonen an vorderster Front standen. Menschen, die wenig zu verlieren hatten und bereit waren, für eine Community zu kämpfen, die sie selbst oft ausschloss. Da viele Bars, darunter auch das Stonewall Inn, überwiegend weißen, schwulen Cis-Männern vorbehalten waren, wurde BiPoC und Transpersonen der Zutritt oft verweigert.

Die Jahre nach Stonewall

Die Proteste endeten nicht in jener Nacht. Stonewall wurde zum Ausgangspunkt einer mehrtägigen Protestserie und führte 1970 zum ersten Christopher Street Day. Doch trotz dieses historischen Moments blieben Transpersonen weiterhin von Pride Paraden und Gruppen wie der Gay Liberation Front und der Gay Activist Alliance ausgeschlossen. Ein Beispiel dafür ist Sylvia Rivera, die 1973 während des CSD ausgebuht und an das Ende der Parade gedrängt wurde. Ein Symbol dafür, wie sehr die zentrale Rolle von BiPOC und Transpersonen bei den Stonewall-Aufständen aus der Bewegung gedrängt wurde.

Aus dieser Enttäuschung heraus gründeten Rivera und Johnson 1971 die »Street Transvestite Action Revolutionaries« (STAR). Die Organisation bot jungen queeren und obdachlosen Menschen Schutz und ein Zuhause im sogenannten STAR House. Ein Versuch, ihnen jene Erfahrungen von Gewalt und Armut zu ersparen, die Rivera und Johnson selbst erfahren hatten.

1990 erhielt Johnson eine HIV‑Diagnose und sprach offen darüber, um Stigmatisierung entgegenzuwirken. Zwei Jahre später starb sie plötzlich unter ungeklärten Umständen. Trotz ihres Engagements lebten sowohl Johnson als auch Rivera ihr Leben lang in prekären Umständen und waren immer wieder obdachlos.

Der Kampf ist längst nicht vorbei

Zwar hat sich die Situation für viele queere Menschen verbessert, doch der aktuelle Rechtsruck zeigt, wie fragil diese Fortschritte sind. Queere Rechte werden erneut infrage gestellt und die hart erkämpften Errungenschaften sind gefährdet. Umso wichtiger ist es weiterhin sichtbar zu bleiben, für Selbstbestimmung und Gleichberechtigung einzutreten und auch den Rassismus und die Transfeindlichkeit innerhalb der Community klar zu benennen.

Die Geschichte wurde lange von weißen, cisgeschlechtlichen Männern dominiert, während jene, die an vorderster Front kämpften, Draq Queens, Transpersonen, BiPOC und Menschen von der Straße aus dem kollektiven Gedächtnis gedrängt wurden. Unsere heutige Freiheit existiert nur dank ihres jahrzehntelangen Kampfes. Trans, BiPOC und andere marginalisierte queere Menschen dürfen nicht aus dieser Geschichte gestrichen werden.

Wer sich weiterhin für das Thema interessiert: Die Dokumentation »The Death and Life of Marsha P. Johnson« auf Netflix begleitet die puerto-ricanische LGBTQ+ Aktivistin Victoria Cruz bei ihrem Versuch, den bis heute ungeklärten Tod ihrer Freundin Marsha P. Johnson aufzuarbeiten.


Titelbild © Vicky von Huth

Quellen:

Marsha P. Johnson | National Women’s History Museum

Sylvia Rivera | National Women’s History Museum

Geschichte des Christopher-Street-Day | Homosexualität | bpb.de

Stonewall – Die Geschichte des Christopher Street Day – Deutsche Digitale Bibliothek

Die Legende von Stonewall – Demokratiegeschichten

Die Stonewall-Aufstände 1969: „Stonewall ist eine Aufforderung zur Tat“ — www.siegessaeule.de

Sylvia Rivera, La pionera Latinx que estuvo al frente de la revolución por los derechos LGBTQ+ en Estados Unidos | Al Día News

Bildquellen:

https://www.bbc.co.uk/newsround/52981395

jd472w71f (774×1000) Pride Month And Black Lives Matter Join Forces At NYC’s Stonewall Inn This Week

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