Am Donnerstag, den 4. Juni, kam der Dokumentarfilm »Born to fake« nach Regensburg. Er erzählt die Geschichte eines Medienskandals in den 90ern, der Wellen schlug. Täter war der selfmade TV-Journalist Michael Born, der zwischen 1990 und 1996 über 20 Reportagen für diverse private Sender, darunter besonders Stern-TV, fälschte. So absurde Ideen, dass man lautes Gelächter unter den Zuschauer:innen hört – doch der Film geht weit über das heutige Belächeln dieser eigentlichen Journalismus-Tragödie hinaus. Er macht sich auf die Suche nach der großen Frage, was »Wahrheit« eigentlich bedeuten kann.
von Esther Nußstein
Benjamin Rost, einer der Regisseure von »Born to fake« steht vor der noch schwarzen Leinwand in der Filmgalerie im Leeren Beutel. Heute sei der letzte Tag der Kinotour, »das große Finale«, wie er sagt. Es ist nicht Rosts erstes Werk, »Born to fake« gingen bereits einige andere Filme, darunter auch Dokumentar- und Kurzfilme, voraus. Sie alle sollten eine Frage aufwerfen, über die man reden und mit der man nach Hause gehen könnte, das möchte der Regisseur mit seinen Filmen erreichen.
Die Medien in den Medien in den Medien…
Der Philosoph McLuhan hat gesagt der Inhalt eines Mediums sei immer ein anderes Medium. Dieser Film lässt sich in besagte These hervorragend einordnen, denn er tut genau das, was viele audiovisuelle Medien nur allzu gerne tun: Er handelt von Medien selbst. Diese Metaebene von »Born to fake« äußert sich als eine stellenweise humorvolle, dann wieder sehr ernste und mitfühlende Dokumentation, in der Interviewsequenzen von Borns engeren Kreisen und ehemaligen Kolleg:innen mit den gefälschten TV-Material Szenen abwechseln: Ein Freund, der sagte, Michael lüge immer ein bisschen, er brauche das – eine Schwester, die versuchte das zerrüttete Bild ihres Bruders nach seinem Tod noch gerade zu rücken. »Er war kein Verbrecher, er hat ja niemanden umgebracht«, sagte sie in einem Interview in der Doku. Dass Betrug und Fake News im Journalismus allerdings zu den gravierendsten Verbrechen und Verstößen gegen den Ehrenkodex gehören, war Borns Schwester wohl nicht bewusst und ihm selbst – irgendwann eher amüsierend bis gleichgültig.
Rache ist Kröten-Lecken
Im späteren Verlauf des Films sagt Michael Born in einer älteren Aufnahme während seinem Gerichtsprozess, die Sender seien selbst schuld, wenn sie diese gefälschten Bilder, die es eigentlich gar nicht geben kann, einfach so leichtgläubig annahmen.
Alles begann damit, dass Born sich von Sendern ausgenutzt fühlte, es ginge nur um Quoten und besonders schockierende Bilder. Was mit Rache begann, wurde schnell für die unwissenden Sender eine Art »journalistisches Wunder«, Born konnte Bilder beschaffen, die sonst niemand hatte – weil sie nicht existierten. Natürlich mag man jetzt als Zuschauer:in über die verräterische Unsinnigkeit dieser Reportagen schmunzeln: Der Frosch wird nicht zum Prinzen, sondern die Kröte zur Droge, ein Jäger, der Katzen reihenweise totschießt wie auf einem Volksfeststand und angebliche Spuren des Ku-Klux-Klans in Deutschland. Schnell wird klar, dass Born schieren Gefallen daran findet, ganz Deutschland von den fantasievollsten Geschichten zu überzeugen. Die Szenen lassen uns lachen wie in einer Komödie, doch der Film stößt im Grunde eine tiefgehende moralische Debatte an und zieht die Aussagen von Personen heran, die die gesamte Gesellschaft widerspiegeln. Warum glauben Menschen so leicht, was sie sehen? Muss man es nur gut verkaufen? Oder war in den 90ern einfach das Vertrauen in die berichterstattenden Medien noch viel größer?
Die große Frage
Wird Michael Born zu Beginn der Dokumentation noch wie ein leicht verrückter, aber doch liebenswerter, sogar kreativer Charakter dargestellt, so zeigt sie am Ende umso drastischer sein Abdriften in den Wahnsinn. Nachdem Born seine Strafe abgesessen hatte, wendete sich nicht wie von ihm erwartet »alles zum Guten«, ein tragisches Ende der Geschichte. Umso überraschender ist es deshalb, dass auf Frage des Regisseurs in der Diskussion danach tatsächlich kein einziger Mensch im Raum den Skandal um Born kannte. Die Idee des Films fand sich auch eher zufällig als geplant, wie Benjamin Rost berichtet: Der Freund Michael Borns, Roland Berger, teilte den Filmemachern mit, dass er durch Erbschaft in den Besitz des gesamten Fälschungsmaterial gekommen sei und es zur Verfügung stellen könnte.
Der Film schließt letztendlich mit einem kurzen, KI-generiertem Video ab, das einen wieder lebendig gemachten Michael Born zeigt und uns damit dann etwas abrupt aus dem Kinosaal in den Abend entlässt. Dass in den letzten Minuten noch ein so riesiges Thema angeschnitten wird unter der Frage: »Kann etwas gefälscht sein, wenn es gar kein Original gab?«, ist als kleine Schwachstelle des Films zu bewerten, die sich aber gut tarnt, weil sie sich trotzdem in das Thema »Fakes in den Medien« einfügt, ein sehr direkter Bezug zur Gegenwart. Fakt ist, dass durch »Born to fake« ein sehr wichtiger Dokumentarfilm entstanden ist, der tatsächlich die große Frage nach »der Wahrheit« und dem Vertrauen in die Medien aufwirft und einen Beitrag zur Aufklärung über einen Fall eines Phänomens der Medienlandschaft leistet.
Titelbild © Esther Nußstein

