Let’s Talk about Sex! Im Gespräch mit der Regensburger Arbeitsgruppe »Mit Sicherheit Verliebt«

Let’s Talk about Sex! Im Gespräch mit der Regensburger Arbeitsgruppe »Mit Sicherheit Verliebt«
Beim Gedanken an Sexualkundeunterricht in der Schule erinnern sich womöglich viele an veraltete Infografiken unter dem Overhead-Projektor, eine etwas peinlich berührte Lehrkraft vor einer hysterisch kichernden Klasse und Lehrinhalte von zweifelhafter Relevanz für junge Menschen. Mit Einfühlungsvermögen, Humor und Fachwissen ausgestattet machen sich Studierende des Projekts Mit Sicherheit Verliebt auf den Weg in die Klassenzimmer, um Aufklärung inklusiver, sicherer und zugänglicher zu gestalten. Mia und Nico von MSV stehen der Lautschrift Rede und Antwort. 
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von Katharina Grantner

Lautschrift: Bei Mit Sicherheit Verliebt leistet ihr Aufklärungsarbeit auf Augenhöhe. Wie verläuft ein typischer Projekttag an der Schule?

Mia: Wir sind immer von 8:00 bis 13:00 Uhr in einer Klasse. Meistens fangen wir mit einer kleinen Vorstellungsrunde an. Wir klären auch, was die Regeln für den Tag sind. Das Wichtigste ist dabei, dass wir uns auf ein respektvolles Miteinander einigen. Es gibt keinen Platz für Diskriminierung, auch Namen nennen und Auslachen sind tabu. Außerdem ist die Teilnahme am Projekttag freiwillig. Über den Tag verteilt behandeln wir verschiedene Themen und arbeiten dabei sehr spielerisch. Unter anderem geht es um Anatomie, Consent, sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, Geschlechtskrankheiten, Medienkonsum und Verhütung. Am Ende gibt es noch eine offene Fragerunde, in der auch anonym Fragen gestellt werden können. 

Bei welchen Themen gibt es eurer Erfahrung nach besonders viel Redebedarf bei den Schüler:innen?

Nico: Besonders zur Verhütung kommen sehr viele Fragen. Wir sind meistens in achten Klassen, da ist das Thema aus dem Unterricht schon bekannt und es besteht großer Redebedarf. Es halten sich aber viele Mythen, etwa durch soziale Medien wie TikTok. Auch wenn wir über das Thema Queerness sprechen, geht es oft recht chaotisch zu. Wir begegnen Vorurteilen und diskriminierenden Aussagen, die wir dann einordnen müssen, was für uns auch eine Herausforderung darstellt.

Nehmt ihr oft das Gefühl der Scham bei Schüler:innen oder bei euch selber wahr? Wie geht ihr damit um?

Mia: Ich persönlich betrachte das Thema aus einem medizinischen Blickwinkel, wodurch Dinge wie Anatomie oder die Benennung von Geschlechtsteilen nichts Schambehaftetes sind. Für die Schüler:innen hingegen ist es schon erstmal komisch diese Worte zu benutzen, aber sie gewöhnen sich meist schnell daran. Wenn man selbst ausstrahlt, dass es nichts ist, wofür man sich schämen muss, dann kommt es bei ihnen auch so an.

Wie werden die Schulbesuche aufgenommen?

Nico: Das Feedback der Schüler:innen fällt überwiegend positiv aus. Wir hören oft, dass sie etwas Neues dazugelernt haben. Es würde mich auch wundern, wenn nicht, da teilweise die Aufklärung an Schulen nicht ideal verläuft. Die Lehrkräfte sind eigentlich auch ganz froh, wenn wir kommen und mit den Schüler:innen über diese Dinge sprechen, weil sie das dann nicht machen müssen.

Aktuell kursieren auf Social Media verstärkt Inhalte, die konservative Geschlechterrollen präsentieren. Bemerkt ihr einen Einfluss solcher Posts?

Mia: Wir treffen schon manchmal auf Vorurteile. Ich mache das jetzt seit drei Jahren, und ich würde sagen, deren Häufigkeit ist relativ konstant geblieben. Dabei ist schwer zu beurteilen, ob sie aus dem Internet oder aus dem Elternhaus stammen. Definitiv fällt aber auf, dass Meinungen oft sehr aufgeladen sind und ein starkes Schwarz-Weiß-Denken herrscht. Manche Kinder reagieren auf bestimmte Begriffe, wie etwa queer, direkt mit einer Abwehrhaltung. Dann gibt es aber auch wieder andere, die das einordnen, sodass die Schüler:innen sehr gut untereinander ins Gespräch kommen. 

Viele Begriffe zu Körper und Sexualität stehen in der Kritik. Inwiefern bemüht ihr euch, aktuelle Debatten zur Terminologie zu berücksichtigen?

Mia: Ich finde es sehr wichtig, auf Sprache zu achten. Begriffe wie große und kleine Schamlippen sind anatomisch schlicht nicht zutreffend, und wir wollen den Schambegriff vermeiden. Andere Beispiele sind die Worte Gebärmutter mit der direkten Verbindung zum Mutterdasein oder auch Scheide, was impliziert, dass dort etwas reingesteckt werden soll. Wir versuchen, ein Bild von Sexualität zu vermitteln, welches nicht nur das normative, penetrative ist. 

Was lernen neue Mitglieder auf euren Basis-Workshops?

Nico: Wir gehen den kompletten Schultag einmal durch und geben zu allen Themen ausführlichen fachlichen Input. Zusätzlich werden immer Gastdozierende aus verschiedenen Bereichen eingeladen. Zum Beispiel hatten wir zuletzt eine Trans-Person zu Besuch, die selbst Aufklärungsarbeit an Schulen betreibt und über pädagogische Strategien zu geschlechtlicher Vielfalt gesprochen hat. Auch eine Person aus der Medienpädagogik war schonmal zu Gast und hat über Pornografie referiert.

Mia: Außerdem regen wir zur Selbstreflexion an. Alle, die mitmachen sollten überlegen, wie sie selbst aufgeklärt wurden und welche Erfahrungen sie gemacht haben. Wenn man neutral unterrichten möchte, ist es wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, welche Voraussetzungen man selbst mitbringt. 

Was ist eure Motivation für euer Engagement bei Mit Sicherheit Verliebt?

Nico: Ich studiere Lehramt für Biologie und Chemie und ursprünglich war mir das einfach wichtig für meine Zukunft als Lehrkraft, wo ich auch Aufklärungsunterricht leisten muss. Aber je mehr ich mich damit beschäftige, desto mehr wird es auch mein Herzensthema. Ich bin selbst ein queerer Mensch und deswegen habe ich auch ein persönliches Anliegen, dass man Vielfalt und Akzeptanz in der Gesellschaft vor allem für queeres Leben fördert.

Mia: Ich habe mit MSV im Medizinstudium angefangen. Ich habe mich schon immer sehr für Gynäkologie interessiert, auch, weil ich da viel mitbekommen habe, wie Leute schlechte Erfahrungen machen und schlecht aufgeklärt sind. Es hat mich immer schon sehr wütend gemacht, dass Fehlinformationen dafür sorgen, dass Menschen weniger über den eigenen Körper wissen und so auch schlechter Entscheidungen treffen können. Es ist sehr schön, selbst aktiv zu werden und jungen Menschen die richtigen Informationen mit an die Hand geben zu können. 

Das Team von Mit Sicherheit Verliebt freut sich immer über Interessierte aller Fachrichtungen, die sich ehrenamtlich für bessere Aufklärung engagieren möchten! Informationen gibt es unter fsmed-regensburg.de/arbeitsgruppen/ag-msv-mit-sicherheit-verliebt/ und auf Instagram bei @msv.regensburg. 


Titelbild © MSV Regensburg

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