»Es sollte echt ein Wort für dieses Gefühl geben«, sagte sie. »So was wie Euphancholie. Einerseits zerreißt’s dich vor Glück, gleichzeitig bist du schwermütig, weil du weißt, dass du was verlierst oder dieser Augenblick mal vorbei sein wird. Dass alles mal vorbei sein wird.«
― Benedict Wells, Hard Land, Diogenes, 2021, S.99
von Mia Speckmaier
Eine junge Frau ging die Straße hinab, sie trug ihr Haar kurz, so wie sie es als Kind getragen hatte.
Der Wind zerzauste ihr Haar. Sie fröstelte ein wenig, aber eine Jacke zog sie sich trotzdem nicht an, sie wollte schließlich nicht den schüchternen Frühling verjagen.
Er lag in der Luft, das konnte sie spüren. Das hatte sie immer schon gespürt.
Es war ein Ausatmen, nicht nur in ihr selbst, sondern auch in der Welt um sie herum.
Die Vögel zwitscherten ihr fröhliches Lied, zumindest hoffte sie, dass es fröhlich war. In ihrer Existenz hatte sie schon immer eine Sorglosigkeit gespürt.
Sie konnte die Nostalgie der Sommer ihrer Kindheit förmlich schmecken.
Sie versuchte dieses Gefühl immer so lange wie möglich festzuhalten. Und für einen Moment fühlte es sich tatsächlich so an, als hätte sie die Zeit ausgetrickst und wäre eben an diesen Ort zurückgekehrt.
Zumindest so nah, dass sie ihn spüren konnte – das warme Licht, die ausgelassene Stimmung der Menschen um sie herum.
In dieser abendlichen Atmosphäre lag die Zuversicht auf einen guten Sommer. Ein gutes Leben.
Es war diese Stimmung alter Coming-of-Age Filme.
Ein Gefühl der Melancholie überkam sie und sie war fest davon überzeugt, dass Freude und Schmerz sich die zwei Seiten derselben Münze teilten. Wie sonst wäre es möglich gewesen, so zu fühlen?
Sie begrüßte die Melancholie wie eine alte Freundin, schließlich hatten sie gemeinsam die schönsten
Momente erlebt.
Schon seit ihrer Jugend war sie fasziniert von diesem Gefühl, etwas wirklich Schönes zu haben und es doch gleichzeitig zu vermissen, weil man doch wusste, dass dieser Moment nicht für immer dauern würde.
Sie fragte sich, ob dieser Sommer einmal eine dieser Erinnerungen an schöne Momente sein würde. Es ließ sich schwer ausmalen. Wer würde dieses Ich sein?
Dabei würde sie es nicht einmal merken, wie aus ihr Sie wurde, so wie sie das älter werden immer erst bemerkt hatte, als es schon passiert war.
Titelbild © Mia Speckmaier

