Das neue Taliban-Dekret zur Ehe von Mädchen ist kein Einzelfall. Es ist ein System. Über Kontrolle, produziertes Schweigen und die Frage, was Zustimmung überhaupt bedeutet, wenn Freiheit fehlt.
von Helen Müller
Seit der Machtübernahme der Taliban im Jahr 2021 verschwinden Frauen zunehmend aus dem öffentlichen Leben Afghanistans. Nicht auf einmal, sondern Schritt für Schritt: erst die Schulen, dann die Arbeitsplätze, dann die Parks. Irgendwann verschwanden die Gesichter hinter Stoff und die Stimmen hinter Mauern. Die Taliban bauen kein Regime, dass Frauen unterdrückt – sie bauen eines, das Frauen aus dem öffentlichen Leben auslöscht.
Wenn Mädchen zu Ehefrauen werden sollen
Mit dem jüngsten Dekret des Taliban-Führers Hibatullah Achundsada vom 14. Mai 2026 erreicht diese Entwicklung eine ganz neue Dimension. Während Männer sich weiterhin nahezu uneingeschränkt scheiden lassen können, wird Frauen dieses Recht beinahe gänzlich entzogen. In vielen Fällen benötigen sie sogar die Einwilligung ihres Ehemanns – also die Erlaubnis dessen, von dem sie sich trennen wollen. Und das gesetzliche Mindestalter von bisher 16 Jahren für die Ehe von Mädchen? Abgeschafft. Wer die Pubertät erreicht hat, gilt als heiratsfähig. Das bedeutet nur eins: Mädchen wird ihre Kindheit abgesprochen. Damit werden Kinder- und Zwangsehen nicht nur weiterhin ermöglicht, sondern rechtlich legitimiert.
Noch erschreckender ist die weitere Regelung, dass das Schweigen eines Mädchens als Zustimmung zur Ehe gewertet werden kann – ein weiteres Zeichen für die Absurdität des Taliban-Systems. Expert:innen warnen: Dieses Gesetz würde damit auch die Vergewaltigung von Kindern legalisieren.
Schweigen als Zustimmung. In einem System, das Mädchen verbietet zu lernen, zu sprechen, zu widersprechen. Das sie zuhause einsperrt und ihnen sagt, ihre Stimme sei »awra« – etwas, das verborgen werden müsse. Die Taliban schaffen keine Zustimmung. Sie schaffen die Bedingungen, unter denen Widerspruch unmöglich wird, und nennen das Einverständnis.
Die Welt reagiert empört
Die internationale Reaktion ist vorhersehbar: das Dekret stößt auf scharfe Kritik. UN Women sowie Vertreter:innen der UN-Mission in Afghanistan (UNAMA) warnen vor einer weiteren systematischen Aushöhlung der Rechte afghanischer Frauen und Mädchen. Die stellvertretende Sonderbeauftragte der UNAMA, Georgette Gagnon, erklärte, das Dekret sei Teil einer »zutiefst besorgniserregenden Entwicklung«, die die Diskriminierung von Frauen weiter verfestige und ihnen Autonomie, Chancen und Zugang zur Justiz verwehre. Ob die internationalen Reaktionen eine praktische Wirkung auf die Politik der Taliban haben werden, bleibt abzuwarten.
Denn was in Afghanistan passiert, ist keine Abweichung von einer sonst funktionierenden Ordnung. Es ist die konsequenteste Umsetzung einer Logik, die überall existiert: Frauenkörper als politisches Territorium. Ein Kontrollsystem des Patriachats. Wer bestimmt, wie Frauen sich kleiden, bewegen oder fortpflanzen, demonstriert Macht und nicht Moral. Die Taliban tun das mit Gesetzen und öffentlichen Machtdemonstrationen. Anderswo passiert es subtiler – die Struktur bleibt jedoch dieselbe.
»We screamed« – Afghanische Frauen geben nicht auf
Trotz allem leisten viele Frauen weiterhin Widerstand: sie protestieren, betreiben geheime Schulen oder geben öffentliche Statements gegen die Taliban. Viele riskieren dabei Haft, Gewalt oder ihr Leben. Eine Demonstrantin sagte:
»We screamed, but maybe it was not loud enough for the world to hear.«
Eine andere:
»I lost everything in my life because of the Taliban. Because of that, I went to protest.«
Dieser Widerstand zeigt: Frauen in Afghanistan geben nicht auf. Sie kämpfen. Und das seit Jahren. Was sie brauchen, ist, dass dieser Kampf gesehen wird. Nicht als exotische Tragödie, nicht als Hintergrundgeräusch im Newsfeed, sondern als Teil eines globalen Konflikts um die Frage, wem Körper gehören und wer über sie bestimmen darf.
Patriarchale Gewalt endet nicht an Landesgrenzen. Sie endet erst, wenn wir aufhören, sie als Problem der anderen zu betrachten.
Collage © Helen Müller
Quellen:
https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2024-08/afghanistan-taliban-redeverbot-protest

