Die Weimarer Republik als »Transgenderrepublik«

Die Weimarer Republik als »Transgenderrepublik«
Die 1920er-Jahre gelten als das goldene Jahrzehnt. Neben wirtschaftlichem Aufschwung, der Einführung des Frauenwahlrechts und den historischen Entwicklungen in der Welt der Kunst und Kultur gab es auch eine weitere, kleinere, jedoch nicht weniger wichtige Bewegung: die Transformation der Trans- und Homosexuellenrechte. Was wurde damals revolutioniert und wer stieß diese bis heute reichenden Veränderungen an?

von Franka Mühling

Ende des 19. Jahrhunderts gründete sich das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee, kurz darauf die Gemeinschaft der Eigenen. Beide Organisationen, sowie viele weitere, fungierten damals als Homosexuellenorganisationen. 1906 sorgte der Eulenburg-Harden-Skandal dann für öffentliche Spekulationen über die Homosexualität enger Vertrauter von Wilhelm Heinrich II. 1913 erhielt die Berliner Damenschneiderin Gerda von Zobeltitz einen der ersten »Transvestitenscheine«, mit dem sie sich ärztlich beglaubigt als »Transvestitin« ausweisen, und so einer möglichen Festnahme entkommen konnte. Diese und viele weitere Geschichten geben bereits einen kleinen Einblick in die dynamischen Entwicklungen, die die Weimarer Republik international zum Vorreiter in Sachen sexueller und gleichgeschlechtlicher Vielfalt machen werden. Ein paar Ereignisse und Persönlichkeiten stechen dabei besonders heraus.

Die Entstehung der Weimarer Republik

Von 1919 bis 1933 herrschte die Weimarer Republik als erste Demokratie in Deutschland. Mit den Worten »Herr Ebert, ich lege Ihnen das Deutsche Reich ans Herz.« übergab der Reichskanzler Prinz Max von Baden 1918sein Amt an den Sozialdemokraten Friedrich Ebert. Der Kaiser hatte nun also abgedankt und der Erste Weltkrieg war endgültig vorbei.

Dr. Magnus Hirschfeld und das WhK

Nur ein Jahr später gründete der Arzt Dr. Magnus Hirschfeld das Institut für Sexualwissenschaft in Berlin. Hirschfeld war bereits vorher aktiv: Schon seit den 1890er-Jahren trat er für die gesellschaftliche und rechtliche Tolerierung von Homosexuellen ein, oder wie er es nannte, die »Emanzipation der Homosexuellen«. Anfang des 20. Jahrhunderts unterstützte Hirschfeld beispielsweise einen jungen, intergeschlechtlichen Mann bei der Änderung seines Geschlechts im Geburtenregister und einer Operation. Kurz darauf verhalf er einem weiteren jungen Mann den ersten »Transvestitenschein« jemals ausgestellt zu bekommen, trotz einer fehlenden Diagnose als »intergeschlechtlich«. Dies war nur durch Hirschfelds besondere Beziehungen zur Polizei möglich, die über die Jahre aufgrund seines Einsatzes für Homosexuelle entstanden waren. 

Hirschfeld war neben dem Institut für Sexualwissenschaft auch als Mitbegründer des bereits genannten Wissenschaftlich-humanitärem Komitee (WhK) tätigDas WhK war die erste Organisation weltweit, die sich für die Abschaffung von Gesetzen gegen die (damals als illegal geltende) Homosexualität stark machte. Gemeinsam mit dem WhK setzte sich Hirschfeld für die Abschaffung des Paragrafen 175 des Reichsstrafgesetzbuchs ein, der Sex zwischen Männern unter Strafe stellte. 1929 war diese zum Greifen nahe, scheiterte dann aber und §175 wurde erst 1994 endgültig gestrichen.

Das Institut für Sexualwissenschaft

1919 gründete Hirschfeld das Institut für Sexualwissenschaft in Berlin. Das galt als bahnbrechendes Zentrum für die Erforschung der Sexualität und bot für LGBTǪI+-Personen medizinische und rechtliche Unterstützung. Die Existenz von Intergeschlechtlichkeit und Transsexualität war damals bereits bekannt und verbreitet. Operative Eingriffe und die gesellschaftliche Anerkennung fehlten im Gegenzug. Hirschfeld berichtete, vermehrt noch nach Gründung des Instituts, über zahlreiche Wünsche nach geschlechtsangleichenden Eingriffen. Die dafür notwendigen Techniken hatten sich bereits im 19. Jahrhundert durch Gesichtschirurgie, Röntgenepilation und Paraffinbrustplastik entwickelt. 1920/21 erfolgte dann die erste komplett dokumentierte Mann-zu-Frau-Geschlechtsumwandlung bei einem Patienten des Instituts.

Neben den revolutionären, vielfach wertgeschätzten Reaktionen auf Hirschfeld und das Institut, gab es aber auch zahlreiche kritische Stimmen. Hirschfelds Ansichten sind aus heutiger Sicht stark veraltet und in die Forschung flossen durchaus auch problematische Ideen, vor allem aus dem Bereich der Eugenik. Gegenwind gab es auch auf konservativer und nationalistischer Seite, was dazu führte, dass seine Forschung in der NS-Zeit verboten und viele seiner Bücher verbrannt wurden.

Lotte Hahm und der »Violetta«-Klub

Eine weitere interessante Persönlichkeit war Charlotte »Lotte« Hedwig Hahm. Sie gründete 1926 den ersten Damenklub bzw. die Lesbenbar Violetta und gehörte damit zu den schillernden Persönlichkeiten der Berliner homosexuellen und transvestitischen Subkultur. Durch ihr Auftreten in Smoking und kurzen Haaren warb sie in Lesbenzeitschriften für ihre, inzwischen zahlreichen, Bars und Events. Ihr Talent für Vernetzung sorgte für ein breites Angebot an Damenklubs und Veranstaltungen in verschiedenen Städten und Ländern. Mit gezielten Maßnahmen, wie der Umverteilung von Geld unter Lesben* oder der Initiative und Austauschbörse «Korrespondenz-Zirkel» verhalf sie Frauen* sich mit Gleichgesinnten zusammenzuschließen.

Das Violetta erhielt viel Zuspruch und wurde so etwas wie das Zentrum für eine kulturelle und politische Bewegung. Die Bars fungierten als Anlaufstelle, Arbeitsplatz für etliche Menschen und als Ort des Tanzes, der Begegnung und der Vernetzung, wobei Hahm wichtig war, »daß sich alle Freundinnen wohlfühlen, daß man Gelegenheit hat über alle Fragen […] zu sprechen und nicht zuletzt […] die Einsamen unter uns Unterhaltung finden, durch ein nettes Kabarett und andere Überraschungen.«

Alles Gold im goldenen Zeitalter?

Die Weimarer Republik strahlte durch ein Aufgebot an Prunk und Glamour. So auch in der Welt der Trans* Menschen und Homosexuellen. Sowohl Kultur als auch Kunst, Medizin und Politik waren geprägt von Veränderungen und florierenden (Sub-)Kulturen. Hinter dem »goldenen« Part steckte bei genauerem Hinsehen aber natürlich auch eine harte Realität. Trans*-Personen und Homosexuelle mussten auch zur Zeit der Weimarer Republik übermäßig Verfolgung und Ausgrenzung erleben. Gegenwind aus allen möglichen Ecken und rechtliche Schwierigkeiten erschwerten das Leben vieler. 

Spätestens ab 1933, mit der Wahl Hitlers zum Reichskanzler und der Auflösung des Reichstags, wurden viele der vorher prägenden Personen verfolgt und sie mussten fliehen. Dennoch – oder vielleicht genau deswegen – ist die Weimarer Republik eine höchst interessante, revolutionierende Zeit, die nicht vergessen werden sollte. Sie stellte eine andere, aber in Teilen ähnliche Realität zur heutigen Zeit dar und sollte, als nicht aufzugebender Denkanstoß, in Erinnerung bleiben.

P.S.: Wen das Thema weiterhin interessiert, dem kann ich den Film »Eldorado« über queeres Leben im Berlin der 1920er-Jahre auf Netflix ans Herz legen.


Titelbild © Franka Mühling

Textquellen:

https://proudr.com/queer-history-month-diese-lgbtiq-personen-solltest-du-kennen/

https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/queer-2025/562120/deutsche-geschichte-queere-perspektiven

https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/queer-2025/562121/die-weimarer-republik-als-erste-transgenderrepublik/#skip-nav-target

https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/135444/ver-koerperungen-des-anderen-geschlechts-transvestitismus-und-transsexualitaet-historisch-betrachtet

https://www.planet-wissen.de/geschichte/deutsche_geschichte/weimarer_republik/index.html

https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/akteurinnen/lotte-hahm#actor-content-about

Bildquellen:

https://images.squarespace-cdn.com/content/v1/5807f8c020099eb094d839e7/1482235258339-JZLLGAA8HPNZ6MJIE179/image-asset.jpeg?format=2500w

https://www.tagesspiegel.de/images/6624751/alternates/BASE_21_9_W1000/1658762296000/imago-63733401-highres.jpeg

https://www.queer.de/img/1924-aus-dem-tagebuch-eines-homosexuellen-600×457.jpg

https://www.klassegegenklasse.org/wp-content/uploads/2024/06/image00001-13.jpeg

https://img.zeit.de/wissen/geschichte/2013-08/berlin-eldorado/wide 1000×562 desktop scale_2

https://legacyprojectchicago.org/sites/default/files/styles/person_primary_image/public/2025-06/Magnus%20Hirschfeld.jpg.webp?itok=s4E8eSn1

https://homoluluberlin.de/wp-content/uploads/2024/09/1.06c-Cover-mit-Lotte-Hahm-Zeitschrift-„Die-Freundinn-1929-5.-Jahrgang-Ausgabe-1.jpeg

https://homoluluberlin.de/wp-content/uploads/2024/09/1.06a-Lotte-Hahm-ca.-1927-aus-Zeitschrift-Frauenliebe-2.-Jahrgang-1927-Ausgabe-48.jpg

Comments

No comments yet. Why don’t you start the discussion?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert