Wie viel Leben passt in die Zeit, die ich habe? – Vom ständigen Gefühl, nicht genug
Zeit zu haben für all die Dinge, die man gerne tun würde.
von Silvia Meyer
Ich stehe vor meinem Bücherregal. So viele Bücher, deren Rücken nicht von Rillen und Knicken durchzogen sind, so viele Bücher, die ich noch nicht gelesen habe, weil mir die Zeit fehlt.
»Lass uns echt mal wieder ein Bier trinken gehen«. »Wir müssen uns mal wieder auf einen Kaffee treffen«. »Lass uns die Tage mal telefonieren«. Drei Sätze, die mich genauso durch mein Leben begleiten, wie das bedrückende Gefühl, nie ausreichend Zeit für alle meine Freund:innen zu finden.
Ich liege rücklings auf dem Bett. Mein Blick ist auf die Glühbirne gerichtet, die seit mittlerweile drei Jahren trostlos und einsam von meiner Zimmerdecke baumelt. Jedes Mal, wenn ich sie ansehe, erinnert sie mich daran, dass ich anscheinend nicht genug Zeit habe, sie mit einem Lampenschirm zu kleiden.
Und wenn ich durch den Flur meiner WG gehe, sehe ich ein Meer an Schuhen, für die wir seit mindestens zwei Jahren ein Schuhregal kaufen wollen. Daneben ein Korb voll Altpapier und eine Tüte, aus der die Pfandflaschen schon herauspurzeln. Wir hatten einfach viel um die Ohren – zu wenig Zeit.
Dass man nicht auf jeder Party tanzen kann, ist mir klar. Aber so oft fühlt es sich so an, als würde ich mehr vom Leben wollen, als mir zusteht. Dabei will ich doch gar nicht viel, oder? Ein gemütliches Zuhause, Zeit mit Freund:innen, mein Studium hinbekommen, meinen Hobbies und Interessen nachgehen, mir ab und zu einen Traum erfüllen.
Ich glaube es ist schwer, zu akzeptieren, dass man nie für alles Zeit haben wird, wenn einem immer noch ein paar Restflausen aus der Kindheit und Jugend im Kopf herumschwirren.
Wenn es nach meinem siebzehnjährigen Ich ginge, wäre ich jetzt in einer Band, würde Gedichte schreiben, jeden Tag Zeitung lesen, pro Woche mindestens einen Kuchen backen, sowieso jeden Tag frisch kochen, und jede Semesterferien eine längere Fernreise unternehmen. Natürlich alles zusätzlich zu Uni, Nebenjob, Freund:innen und meinen anderen Hobbies. Dass das etwas unrealistisch ist, habe ich jetzt mit dreiundzwanzig schon begriffen, aber ich bin noch nicht bereit, mich jetzt schon von diesem jugendlichen Gefühl zu verabschieden, ich könnte alles in der Welt tun.
Wie viel Leben passt überhaupt in die Zeit, die ich habe? Dafür gibt es leider keine Rechnung. Schaue ich auf mein Bankkonto, kann ich mir genau ausrechnen, was ich mir leisten kann, und was nicht. Aber eine zahlenbasierte Gleichung aus Leben und Zeit gibt es nicht. Vielleicht ist das aber auch gut so, sonst würden alle Träume und Restflausen aus der Kindheit sofort zunichtegemacht werden.
Dass ich für manche Dinge keine Zeit finde, bedeutet jedoch auch, dass ich für andere Dinge Zeit gefunden habe. Und wenn ich so darüber nachdenke, gibt es einige Flausen in meinem Kopf, die Gestalt angenommen haben: eine Reise nach Kuba, zwei Auslandssemester in England, langjährige, feste Freundschaften, unzählige kleine Freuden im Alltag, und mittlerweile stolze zehn Bilder, die die Wände meines WG-Zimmers schmücken.
Und dann sehe ich zwischen den unversehrten Büchern in meinem Regal auch ein paar Bücherrücken, deren Rillen und Knicke zeigen, dass ich die Zeit gefunden habe, sie zu lesen.
Titelbild © Silvia Meyer

