»Wenn ich nicht weiterkomme, hilft einfach schlafen«

»Wenn ich nicht weiterkomme, hilft einfach schlafen«
Die Buchhandlung Dombrowsky in der Regensburger Innenstadt ist rappelvoll an einem Mittwochabend um 20 Uhr, und das aus gutem Grund: einer der jüngsten Bestseller-Autoren der Geschichte hat neben zahlreichen Stopps, wie London oder New York eine Lesung in Regensburg.

von Esther Nußstein

Schon als um 19:30 Uhr der Einlass beginnt, füllt sich der kleine, charmante Buchladenschnell. Der Mann in der ersten Reihe packt schon die Special Edition seines Buches aus, bereit es signieren zu lassen, ein anderer öffnet seinen Kalender in dem groß »Nelio Biedermann – Lázár Lesung« steht. Der Altersdurchschnitt des Publikums geht tendenziell Richtung 40 aufwärts. Er wird allerdings durchbrochen, als der 2003 in Zürich geborene Autor die Bühne betritt – Nelio Biedermann. Am 1. September 2025 erschien sein zweites Buch »Lázár«, das die Geschichte der ungarischen Familie Lázár erzählt. Ein junger Mann in seinen Zwanzigern schreibt über die Zwanzigerjahre, und trifft damit voll ins Schwarze, sein Buch war 2025 das meistverkaufte im Deutschschweizer Buchhandel.

Ein poetischer Zauberer 

Als Nelio Biedermann beginnt, das erste Kapitel vorzulesen, verlangsamt sich seine Stimme. Er betont die Worte wie ein Dichter, seine ruhige Stimme malt mit seinen eigenen Worten. Köpfe in den Reihen krümmen sich, es reicht nicht ihn zu hören, alle wollen sehen, wie erliest. »Der neue Zauberer«, so nannte als erstes der Literaturkritiker Adam Soboczynski den jungen Künstler, und man kann ihm nicht widersprechen, sondern sich nur in die Lobesschlange einreihen. Nelio verzaubert seine Leser:innen. Mit grotesken Szenen, die man trotzdem unbedingt weiterlesen möchte, man will dieses Buch verschlingen, so wie die Zeit die Lázárs verschlingt. »Die Zeit« spiele neben den vielen Figuren, die das Buch zum Leben erweckt, die wichtigste Rolle, so Biedermann. Sie ist die treibende und mächtigste Kraft, die weiterläuft, egal wie viele Kriegsszenarien mit Männern in schwarzen Mänteln, Flucht, Liebe und Sex und alles dazwischen auf diesen Seiten geschehen und egal wie viele Charaktere währenddessen nacheinander zu Grunde gehen.

Ein junger Autor – ein Phänomen

Wenn ein so junger Mensch einen Bestseller schreibt, scheint dies schon Sensation für sich zu sein. Vermutlich besuchten die Lesung deshalb auch überraschend viele Menschen, die das Buch noch gar nicht gelesen haben. Klischeehaft gesprochen sagt man Künstler:innen oft nach, sie seien etwas seltsam. Zugegebenermaßen ist es vielleicht etwas ungewöhnlich, dass ein junger Student von Freud spricht und erzählt, dass er gerade – privat nicht im Rahmen eines Pflichtkurses – ein über 2000 Seiten langes Buch liest. Doch dieser Student ist kein abgehobener Pseudo-Intellektueller, ganz im Gegenteil: Nelio Biedermann wirkt übermäßig bescheiden angesichts der Tatsache, dass er mit seinem Werk gerade überall auf der Welt Räume, Buchhandlungen, Messen und alles andere füllt, weil den Leute seine Arbeit gefällt.Womöglich macht genau das ihn so sympathisch – möglicherweise auch sein unbeschwerter Humor, die leicht verträumte Art, mit der er erzählt, wie er vorgeht, wenn er Schreibblockaden hat. »Wenn ich nicht weiterkomme hilft einfach Schlafen«, sagt Biedermann. Das Schreiben bleibe dennoch seine Befreiung, egal ob er jetzt Schriftsteller sei oder nicht. Auch, dass Biedermann vor so verdichtetem und komplexem Stoff wie dem Untergang einer ganzen Epoche nicht zurückschreckt, macht dieses Buch so großartig. »Ich dachte ja nicht, dass das jemand liest«, Gelächter bricht in dem vollen Raum aus, als Biedermann diese Worte ausspricht. Deshalb habe er keine Angst davor gehabt ein historisch-soziales Thema diesen Ausmaßes anzugreifen.

Nelio Biedermann hat trotz seines andauernden, riesigen Erfolges aber etwas geschafft, das nicht unbedingt viele Menschen in vergleichbaren Situationen schaffen: ein Mensch zu bleiben. Ein Mensch, der sich verliest, der lacht, der sich vielleicht auch manchmal einfach nur jung und ein bisschen verloren fühlt. All das spiegelt sich in »Lázár« wider. Ein Buch, das viel mehr als nur eine Geschichte ist, und ein Autor, hinter dem weit mehr steckt als nur ein Schreiber.


Nelio Biedermann © Aaliyah Meier

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