Im Rahmen der 40. Bayerischen Theatertage am Bismarckplatz brachte Regisseur Moritz Sostmann mit »Bewohner« eine eindringliche Inszenierung auf die Bühne, die sich auf sensible und zugleich erschütternde Weise mit Demenz, Pflege und Identitätsverlust auseinandersetzt.
von Davida Schauer
»Pflege ist Kunst«, sagt Autor und Psychiater Christoph Held im Nachgespräch am 18. Mai im Staatstheater Regensburg. Das Figurentheater »Bewohner« basiert auf den Aufzeichnungen von Held, der über Jahrzehnte als Psychiater in den Pflegezentren der Stadt Zürich tätig war und dort zahlreiche Schicksale von Menschen mit Demenz beobachtete. Er veröffentlichte seine Erfahrungen erstmals 2017 in dem Buch »Bewohner«, das als Grundlage für die Bühnenfassung (Schauspiel Erlangen) dient. Im Zentrum stehen fünf Bewohner:innen eines Pflegeheims, fünf Menschen – in der Darstellung gespielt von filigran gefertigten Puppen, deren Erinnerungen, Orientierung und Identität zunehmend verschwimmen. Die Leitfrage des Stücks lautet dabei: »Wer sind wir, und was bleibt von uns zurück, wenn wir uns selbst vergessen?«[1]
Die beiden Schauspieler Tomas Mielentz und Johannes Benecke führen die zerbrechlich und verletzlich wirkenden Puppen mit großer Präzision und Sensibilität. So öffnet sich ein Raum für eigene Gedanken und Assoziationen des Publikums. Man beginnt, in ihre Gesichter hineinzusehen und Emotionen selbst zu ergänzen. Genau darin liegt der besondere Zauber des Puppenspiels.
Die Inszenierung verzichtet auf große dramatische Gesten und zeigt stattdessen den Alltag im Pflegeheim in ruhigen, fragmentarischen Szenen. Verschiedene Bewusstseinszustände der Erkrankten existieren gleichzeitig nebeneinander. Vergangenheit und Gegenwart vermischen sich, Erinnerungen tauchen plötzlich auf und verschwinden wieder. Besonders eindrucksvoll werden dabei die vielen Formen von Demenz sichtbar gemacht. Manche Bewohner:innen wirken orientierungslos, andere aggressiv oder voller Angst. Auch das sogenannte »Sundowning« wird angedeutet – so bezeichnet man im Fachjargon einen Zustand von Unruhe und Verwirrung, der bei Menschen mit Demenz besonders in den Abendstunden auftreten kann und der impliziert, dass sie nach ihrem »Zuhause« oder ihrer Familie suchen.[2]
Hommage an Pflegekräfte
Trotz der Schwere des Themas wirkt die Inszenierung nie bloßstellend. Vielmehr begegnet das Stück seinen Figuren mit großer Würde – so, wie es auch im Pflegealltag geschehen sollte. Sich den Bewohner:innen mit Respekt und Würde zuzuwenden, sei das A und O dieser Arbeit, betont Christoph Held im Nachgespräch. Immer wieder wird deutlich, wie wichtig die Arbeit der Pflegenden ist. Held beschreibt besonders die Fähigkeit des »Plauderns« mit den Bewohner:innen als bewundernswert – also das geduldige Eingehen auf ihre jeweilige Wirklichkeit. So wird die Aufführung auch zu einer stillen Hommage an Pflegekräfte, die sich Tag für Tag auf die Menschen einstimmen, die sie betreuen.
Gleichzeitig spart das Stück die Härte des Pflegeheimalltags nicht aus. Immer wieder stehen Fragen im Raum wie: »Wie pflegt man?« oder »Ist das Pflegeheim eine Falle?« Manche Figuren äußern Todeswünsche, andere suchen verzweifelt nach einem Zuhause, das längst verloren gegangen ist. Je länger der Abend dauert, desto trauriger wird er. Nicht durch übertriebene Emotionalisierung, sondern durch die stille Wucht der gezeigten Schicksale. Den Mitwirkenden von »Bewohner« gelingt so eine berührende und nachdenkliche Inszenierung, die Demenz nicht nur als Krankheit zeigt, sondern als tief menschliche Erfahrung.
Gegen Ende fällt schließlich der Satz: »Es ist nicht schön hier« und eröffnet einen weiteren Raum zum Reflektieren. So verlässt man den Theatersaal mit der Frage: »Was bleibt vom Menschen, wenn das eigene Ich langsam zu verschwinden beginnt?«
Weitere Informationen zum Stück gibt es auf der Website des Theater Regensburg (Staatstheater Regensburg – Bewohner)
Beitragsbild: © Iko Freese
[1] https://www.staatstheater-regensburg.de/produktionen/btt-schauspiel-erlangen-bewohner.html

