»Man kann diesen Running Club formen«

»Man kann diesen Running Club formen«
Die Straßen und Gassen der Regensburger Innenstadt sind normalerweise still an einem Sonntag um 9 Uhr morgens. Nur diesen Sonntag nicht. An diesem 17. Mai herrscht fast mehr Trubel in der Stadt, als bei »Regensburg tanzt«. Der Grund: der Regensburger Marathon. Schon von Weitem hört man den Jubel der Leute, die zuschauen und anfeuern.

von Esther Nußstein

Am Jakobstor, wo die Laufstrecke vorbeigeht, treffen verschiedene Lebensstile aufeinander. Am Straßenrand steht ein junger Mann in Lederhose, dessen einzige Sorge zu sein scheint, wie er die Straße überqueren und zum Dultplatz kommen soll, angesichts der Massen an Läufern, die sich zwischen Absperrbändern Richtung Bismarckplatz bewegen. Die Sorge einiger Läufer scheint eher zu sein, wie sie den Morgen überleben sollen. Die einen laufen Marathon, die anderen fürs Biertrinken Richtung Dult – und manche tun beides hintereinander. In der Thurndorferstraße findet man die »Cheering Zone« des Running Clubs Regensburg. Denn für die, die nicht mitlaufen, ist der größte Spaß wohl nicht nur ihren Freunden beim Leiden zuzusehen, sondern auch überdimensional große Pappschilder zu basteln. Der erste Läufer durchquert die Zone um 09:33, der zweite eine Minute später, danach erstmal Stille, bis die erste Menschenwelle kommt. In diesem ersten Schub läuft Samuel Vogl mit, ein Teammitglied des Running Clubs. Klatschend, pfeifend und lachend läuft er durch die Cheering Zone.

»Für mich ist das am Sonntag eine Grenzerfahrung«, erzählte er fünf Tage vor dem Marathon, die flache Hand leicht zitternd in die Luft haltend. Man kann beim Regensburger Marathon aber nicht nur den klassischen Marathon laufen, sondern auch Viertel- und Halbmarathon. 10km, so schnell wie es geht, das war Samuels Plan. Letztes Jahr ist er seinen allerersten Marathon in Wien gelaufen. „Ich kann’s nicht empfehlen. Das ist viel zu lang, total langweilig.“ Bei 42km ist man auch als guter Läufer schon ein Stück unterwegs und nicht überall stehen Leute, die zuschauen. Wie finden so viele Menschen an einem Sonntagmorgen aber überhaupt die Motivation sich aus dem Bett und in ihre Laufschuhe zu begeben? Oder generell laufen zu gehen?

Warum der Lauftrend?

Seit der Running Club im Juli 2024 ins Leben gerufen wurde, findet er immer mehr Zuwachs. Es ist beinahe unmöglich ist, seine Beliebtheit zu übersehen, wenn über hundert Laufschuhpaare fast täglich durch die Stadt rennen. »Leute sehen das als Motivation zum Laufen gehen, weil sie sagen, sie ‚wollen abnehmen‘ – ich mag dieses ‚Abnehmen‘-Wort eigentlich nicht. Es macht einen einfacheren Alltag, weil du deine Grundfitness verbesserst. Jeder muss einkaufen gehen, jeder muss Treppen steigen, man kann nicht alles mit dem Auto fahren«, sagt Samuel.

Dass gerade junge Menschen vom Laufen und dem Running Club mitgezogen werden – der von ebenso jungen Leuten geleitet wird – passt eigentlich so gar nicht zu der Haltung älterer Generationen gegenüber der Gen Z. Das ist doch die »faule Generation«, die nichts arbeiten, und schon gar nicht laufen gehen will – oder?

Die Gen Z Energie

»Ich glaube, dass das Thema Einsamkeit eins ist, was die Gen Z beschäftigt, was aber auch ältere Menschen beschäftigt und gerade Running Clubs mit der sozialen Ader, sorgen dafür, dass man diese Einsamkeit überwindet«, so erklärt Tim Wolbergs, ein weiteres Teammitglied des RCR den neuen »Lauftrend«. Tatsächlich laufen beim Marathon, und auch beim Running Club selbst, alle Generationen mit, deren Motivation von Forrest Gump bis hin zu Arda Saatçi reichen könnte. Diese Bandbreite entsteht wohl nicht zufällig, sondern hängt damit zusammen, wer die Personen sind, die das ganze organisieren. »Dadurch, dass wir so ein lustiges Team sind, können wir uns das selbst bauen. Man kann diesen Running Club formen«, betont Samuel. So wie der Input ist, gestaltet sich auch der Output, das gilt für die Trainings und auch für den Ansporn, den das Team mit zum Running Club bringt. So sieht man Samuel auch nach Vollenden seines eigenen Laufs in der Cheering Zone seine Leute anfeuern. Die Läufer:innen abklatschend scheint er unermüdlich seine Energie auf sein Umfeld zu übertragen. Es sieht so aus, als ob dieser Läufer niemals müde wird, so breit ist das Lachen auf seinem Gesicht und so laut seine Stimme durch das Megafon. Die Frage »wie« man es schafft, diesen Ansporn mitzubringen als Mensch, der auch müde wird, wird zwar nicht genau beantwortet, aber sie wird vielleicht unwichtig, wenn sich zeigt: es passiert einfach. »Just show up« – das sei das wichtigste als Trainer von einer so großen Gruppe. Und das tun sowohl Samuel als auch Tim.

Zeit zum »feiern«

Bei einer »Recoveryparty« nach dem Marathon, was für Sportler bedeutet in einem Café zusammenzusitzen und sich bei Hintergrundmusik mit DJ entspannt über Pace, Herzfrequenz und Bestzeiten zu unterhalten, sieht man die beiden völlig in ihrem Element. Sie nicken, sie hören zu, geben Tipps, lachen und sind sich wohl bewusst der Organisation, die hinter alldem steht.

Die Klamotten sind gewechselt, doch die Fitnessuhren an allen Handgelenken bleiben. Um 21 Uhr löst sich diese »Party« auf, Zeit fürs Bett. Zum Abschied fragt nur noch einer: »Dienstag ist schon wieder Run, oder?«


Titelbild © Esther Nußstein

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