Das Ensemble des ETA Hoffmann Theaters Bamberg führt »Kafkas Erzählungen« anlässlich der Bayerischen Theatertage im Regensburger Staatstheater auf und zeigt den Zuschauern die Furcht, Absurdität, aber auch die Komik Kafkas.
von Fabian Schedl und Norah Scott
In »Kafkas Erzählungen« in der Fassung von John von Düffel, werden verschiedene Seiten der Erzählungen des Schriftstellers Franz Kafka in Szene gesetzt. Den roten Faden bildet dabei der »Brief an den Vater«, wodurch die Erzählungen mit dem Biographischen verwoben werden. Verarbeitet wurden die Erzählungen »Josefine«, »Die Verwandlung«, »Das Urteil« und »Der große Schwimmer«.
»Angst ist keine Idee, sondern immer da.«
Die Angst ist ein zentrales Motiv Kafkas. Viele würden so weit gehen, ihn als Meister der Angst zu bezeichnen und doch sieht man ihn im nächsten Augenblick in einer Umkleidekabine an der Moldau kauernd, wie er sich vor dem Schwimmen mit dem Vater fürchtet. »Franz!«, ertönt es vom Vater einige Male, bis der junge Kafka sich aus der Umkleidekabine heraustraut. Der Vater nimmt in Kafkas Kosmos der Angst die Rolle des Zentralgestirns ein und seine Figur erscheint im Stück dabei immer wieder in unterschiedlichen absurden und monströsen Formen, mal als Mensch mit großem Riechorgan und im nächsten Augenblick als schnaubende Nase.

Kafkas Erzählungen © Marian Lenhard
Kafka mal anders
Kafka als großen Schwimmer oder Komiker kennen die meisten nicht und so ist es umso überraschender, dass bei von Düffel genau diese Aspekte im Stück betrachtet werden. »Eigentlich kann ich gar nicht schwimmen«, behauptet der Olympiasieger bei seiner Rede und bringt das Publikum zum Schmunzeln. Dabei spiegelt diese Aussage Kafkas Zerrissenheit in der Gesellschaft perfekt wider. Obwohl er doch tadellos seinem Beruf nachging, fühlte er sich im Leben ständig deplatziert und empfand sich als unfähig ein normales Leben zu führen. Diese komische Darstellungsart gibt Kafka somit ein Ventil, das ihm die Flucht aus seinem eigenen Leben verwirklichen soll. Kafkas Absurdität wird eindrucksvoll aufgegriffen, so wandeln nicht nur Schauspieler:innen über die Bühne, sondern brabbelnde Umkleidekabinen auf Rollen, fast schon ekelerregend realistische Körperteile und ein mysteriöses Goldfischglas . Verzerrte Stimmen, mystische Klänge – komponiert von Sebastian Herzfeld – schaffen die grundlegende Stimmung, welche für Kafka unabdingbar ist. In seiner Inszenierung scheut Regisseur Jaspar Brandes sich nicht davor, dem Publikum auch an ernsten Stellen ein Lachen zu entlocken. Weshalb Georgs Verlobte nicht nur ihn, sondern auch ihren Goldfisch küsst, bleibt uns allerdings unklar. Bei allem Mut und Kreativität in der Darstellung, stellt sich das ersehnte kafkaeske Gefühl nicht vollständig ein und die Absurdität überwiegt gegenüber der unergründlichen Bedrohlichkeit.
»Gregor darf nicht krank sein!«
Die Erzählungen Kafkas verschwimmen fließend im Rahmen des »Brief[s] an den Vater«. Die Verwandlung, eine von Kafkas berühmtesten Erzählungen, spiegelt dabei seine eigenen Ängste wider. So verliert Samsa seine Arbeitsfähigkeit – versucht verzweifelt, seine Pflichten zu erfüllen – fällt jedoch schlussendlich seiner Familie zur Last und wird zum »Ungeziefer«. Eine Bezeichnung, die Kafkas eigener Vater als Urteil über dessen Freund missbrauchte. Der Kafka’sche Lebens-, Geschäfts- und Eroberungswille des Vaters warf seinen Schatten auf Kafkas Leben und Schaffen.
»Sie sollte sowohl traurig als auch stolz wirken«
Mit ihrer Darstellung von Josefine als Marionette fordert Anna Siegrot das Publikum auf, sich selbst in die Interpretation der Erzählung einzubringen und der blanken Maske Emotion zu verleihen. Im Nachgespräch offenbart Siegrot den langwierigen Prozess vom Manuskript zum fertigen Stück. Die herausfordernde Darstellung von Gregor Samsa als »Ungeziefer« wurde nach monatelanger Arbeit und Diskussion kurzfristig über den Haufen geworfen, was zum perfekten Mittelmaß von Menschlichkeit und Entmenschlichung führte.
Das Zentralgestirn des Schaffens
Der erschaffene Kafka-Kosmos mit dem Vater im Zentrum und das Schreiben als Flucht und letzte Notwehr wird im Stück sehr ausführlich behandelt. Doch während diese Inszenierung neue Perspektiven erforscht und sehr greifbar auf die Bühne bringt, wird dabei der Fokus zu sehr auf den Vater und die Komik gelegt. So könnten manche Zuschauer:innen auf die Idee kommen, alle Geschichten drehten sich nur um den Vater oder wären ausschließlich absurd – und dabei ist Kafka doch so viel mehr.
Einen Besuch ist die Aufführung jedoch allemal wert. Wer am 14. 05. nicht den Weg in den Theatersaal gefunden hat, muss nicht bangen, denn Kafka kehrt am 27. und 28. Mai auf die Bühne des ETA Hoffmann Theaters in Bamberg zurück.
Weitere Informationen zum Stück gibt es auf der Website des Staatstheaters Regensburg (Staatstheater Regensburg – Kafkas Erzählungen)
Die Vorstellung wurde mit Pressekarten besucht.
Beitragsbild: Kafkas Erzählungen © Marian Lenhard

