Zwischen Zugehörigkeit und Ausgrenzung: Rassismus in der queeren Community

Zwischen Zugehörigkeit und Ausgrenzung: Rassismus in der queeren Community
Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität Diskriminierung erfahren haben, finden in der queeren Community häufig einen wichtigen Schutzraum. Doch auch dieser vermeintlich sichere Ort ist nicht frei von rassistischen Strukturen. Als gesellschaftliches Problem lebt Rassismus auch in queeren Kontexten weiter, was Ungleichheiten innerhalb der queeren Community reproduziert und BiPoC auf unterschiedliche Weisen trifft.

von Vicky von Huth

Rassismus zeigt sich nicht nur offen in Form von körperlicher Gewalt und verbalen Angriffen, sondern oft auch subtiler als strukturelle Ungleichbehandlung aufgrund von Herkunft und Hautfarbe. Diese Formen bleiben oft unsichtbar und sind daher schwer zu benennen und zu bekämpfen. Viele queere Räume und Unterstützungsangebote sind weiß geprägt, berücksichtigen kulturelle Unterschiede kaum und sind nicht  an die Bedürfnisse von BiPoC-Menschen angepasst. Sexueller Rassismus ist besonders verbreitet in der queeren Community. Hierbei werden bestimmte sexuelle Eigenschaften auf Grundlage von Stereotypen zugeschrieben. Diese Vorstellungen fördern Fetischisierung und Exotisierung, indem sie BiPoC zu Projektionsflächen für eigene Fantasien machen. Auf queeren Dating-Plattformen ist diese Objektifizierung deutlich erkennbar. Ethnizität dient als sexuelle Präferenz oder Ausschlusskriterium im Dating. Zwar sind sexuelle Präferenzen legitim, doch Menschen kategorisch zu filtern, reproduziert rassistische Denkweisen. Eine weitere Form von Diskriminierung zeigt sich in der fehlenden oder stereotypen Repräsentation queerer BiPoC in den Medien. Diese verzerrten Darstellungen machen vielfältige Identitäten unsichtbar und tragen dazu bei, dass rassistische Strukturen fortbestehen.

Diese Beispiele zeigen nur einen Bruchteil dessen, wie sich Rassismus  innerhalb der queeren Community äußert. Die tatsächlichen Erfahrungen sind vielfältig und reichen weit darüber hinaus.

Wenn Ausgegrenzte selbst ausgrenzen

Menschen, die selbst Diskriminierung erfahren, wie etwa weiße queere Menschen, glauben oft, nicht diskriminierend handeln zu können. Doch auch marginalisierte Gruppen können innerhalb ihrer Community andere ausschließen. Ein deutliches Beispiel dafür ist die Gruppierung »Homosexuelle in der AFD«. Ihre Mitglieder können zwar Homophobie erleben, unterstützen jedoch eine Partei, deren Politik rassistische Strukturen produziert und offen befürwortet. Dadurch tragen sie dazu bei, dass von Rassismus betroffene queere Menschen innerhalb der Community weiterhin Ausgrenzung erfahren.

Wo sich Diskriminierung überlagert

Der von Kimberlé Cranshaw geprägte Begriff der Intersektionalität, beschreibt, dass Merkmale wie Geschlecht, Herkunft, Klasse, Behinderung, Religion oder sexuelle Orientierung nicht isoliert wirken, sondern sich überschneiden. Bei diesem Zusammenspiel können sich sowohl Privilegien als auch Mehrfachdiskriminierung ergeben. Für queere BiPoC bedeutet dies, dass sich Sexualität, Geschlechtsidentität und Hautfarbe überlagern und ihre Diskriminierungserfahrung verstärken. Sie sind gleichzeitig von Rassismus, Homophobie und Transfeindlichkeit betroffen, ein Ineinandergreifen von Unterdrückungsformen.

Antirassismus als gemeinsames Projekt

Rassismus in queeren Räumen ist ein komplexes Problem, das einen differenzierten und langfristig umsetzbaren Ansatz erfordert. Eine wirklich inklusive Community entsteht nur, wenn wir verstehen, wie Rassismus queere Lebensrealitäten prägt, die Komplexität queerer Identitäten anerkennen und uns bewusst machen, dass auch die queere Kultur selbst rassistische Strukturen reproduzieren kann. Dazu gehört, die Erfahrungen von BiPoC in den Mittelpunkt zu stellen, ihnen Raum und Gehör zu verschaffen und Intersektionalität als grundlegendes Prinzip zu begreifen. Ebenso wichtig ist die Auseinandersetzung mit dem internalisierten Rassismus und ein offener, solidarischer Austausch innerhalb der Community.

Gerade die queere Community sollte ein Ort gegenseitigen Schutzes, Bestärkung und Respekts sein, unabhängig von sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität oder Ethnizität. Das ist umso bedeutsamer, wenn man bedenkt, dass queere Bewegungen historisch maßgeblich von Latinos und People of Colour geprägt wurden, darunter Aktivistinnen wie Sylvia Rivera und Marsha P. Johnson, die während der Stonewall Riots 1969 entscheidend zur Sichtbarkeit und zum Fortschritt der Community beigetragen haben.


Titelbild © Vicky von Huth

Quellen:

https://www.queeramnesty.ch/de/post/no-blacks-no-asians-no-femmes-rassismus-in-der-queeren-community

https://www.bosch-stiftung.de/de/storys/queere-gefluechtete

https://www.siegessaeule.de/magazin/was-hei%C3%9Ft-eigentlich-rassismus

https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/rassismus-und-transfeindlichkeit-in-der-queeren-szene-wir-mussen-reden-6863827.html

https://www.numberanalytics.com/blog/ultimate-guide-to-racism-in-queer-culture

https://sexismus-lexikon.de/glossar/exotisierung

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