Herzlich willkommen zu einem weiteren Ausflug in die Regensburger Geschichte des 20. Jahrhunderts… Als es in Stadtamhof noch Beschwerden wegen Lärmbelästigung gab und Nacht für Nacht zu Livemusik das Tanzbein geschwungen wurde.
von Pauline Kral
Schon in einem Beitrag Ende April haben wir hinter die Fassaden des großen, gelben Hauses Nr. 5 in Stadtamhof geblickt: dem Colosseum. Während es dabei um die Eröffnung eines Kulturraumes in Erinnerung an ein KZ-Außenlager ging, das sich 1945 für fünf Wochen im Gebäude befand, spitzen wir diesmal die Ohren für die Melodien von dessen musikalischer Vergangenheit. Heute sind diese längst verklungen, ungleich lauter erfüllten sie dagegen in den Jahren 1962 bis 1972 den Tanzsaal im Obergeschoss des Colosseum.
Die ersten Töne kamen aus England, von wo Anfang der 60er Jahre eine ganz neue Musik herüberschallte: der Beat. Und noch bevor die riesige Begeisterung des Publikums in der Beatlemania gipfeln sollte, standen jene stilprägenden vier jungen Männer aus Liverpool bereits auf deutschen Bühnen. 1962 waren die Beatles für drei mehrwöchige Gastspiele im Hamburger Star-Club in der Großen Freiheit zu hören, einem Ort, an den ihnen in der Folgezeit immer mehr britische Bands folgen würden. Und auch andernorts in der Bundesrepublik schossen Tanzlokale wie Pilze aus dem Boden, um der beatbesessenen Jugend Räume zu bieten, bestehende Cafés wurden um Bühne und Tanzfläche zu Tanzcafés erweitert.
Der Beat hält Einzug im Colosseum
Manche Star-Club-Bands führte der Weg bis nach Regensburg, wo sie im Tanzpalast Colosseum neben anderen lokalen sowie internationalen Profigruppen auftraten und Abend für Abend das Publikum begeisterten. Wer selbst vom Musikerdasein träumte, war selbstverständlich auch vor Ort, in der Hoffnung, sich von den Profis etwas abschauen zu können und um deren Equipment zu bestaunen. Amateurbands durften manchmal einspringen, wenn eine gebuchte Gruppe ausfiel. Zwischen 1964 und 1968 wurden im Colosseum zudem jährlich »Kapellenwettstreite« (später »Beat-Festival« genannt) für Amateure ausgetragen. Die Veranstaltung wurde schnell zu einem Großevent, an dem sich schließlich mehr als 20 Bands beteiligten und das bis zu 1000 Fans anzog. Die Sieger erhielten Geld- und Sachpreise und die hart umkämpfte Chance für mehr Auftritte in einem der zahlreichen Tanzlokale in Regensburg und Umgebung engagiert zu werden.

Wie in den meisten damaligen Zeitungsberichten zum Thema Jugend und Musik, wurde auch über den Wettbewerb mit kritischem Unterton berichtet. Die Mittelbayerische Zeitung titelte 1967 »Das Beast-Festival wurde nicht zum Zirkus« und schien die Anwesenheit einiger »Typen mit verfilztem, schulterlangem Haar – aber allesamt sehr höfliche Leute« – für ebenso notwendig zu erwähnen zu halten, wie das »erstaunlich bürgerlich[e]« und »sehr gesittet[e]« Publikum. Für die Bands hatte die MZ sogar Lob übrig: »Hierbei handelte es sich durchwegs um sympathische, aufgeweckte Jungen, die sich auf ihren Beat gar nicht schlecht verstehen.« Auch als angeblicher »Hauptumschlagplatz« für Rauschgift fand das Colosseum in der Presse Erwähnung, was zu dessen verrufenem Image beitrug, das sich auch auf die Besucher übertrug. Unter die Rauchschwaden über der Tanzfläche soll sich in der Tat stets ein süßlicher Geruch gemischt haben. Da man zudem erst mit 21 Jahren volljährig war, wurden regelmäßig Polizeirazzien durchgeführt, um Minderjährige aufzuspüren, denen der Zutritt nach 22 Uhr untersagt war.
Jukebox, DJ, Livemusik – Bis der letzte Akkord verhallt
Als 1969 der Star-Club schloss und die Beatmusik sich längst weiterentwickelt hatte, verschwanden die britischen Bands nicht spurlos aus der Bundesrepublik. Eine Gruppe aus Manchester trat z.B. noch nach dem Umbau des Colosseums 1970 regelmäßig vor vielen treuen Fans dort auf. Sie nannte sich »I Drive«, vermutlich in Anlehnung an die vielen Gigs, für die die Band von Stadt zu Stadt durch die Tanzschuppen der BRD tourte. In dieser neuen Ära wirbelten nun hochmoderne Lichteffekte über die schwarz gestrichenen Colosseum-Wände, ein Diskjockey ergänzte die Darbietungen der Livebands und ermöglichte von 19 Uhr bis 3 Uhr morgens non-stop musikalische Unterhaltung. Neben der Tanzfläche boten sich Besuchenden rund 350 Plätze auf Parkett und Empore an.
Im letzten Colosseum-Jahr standen auch die vom kommerziellen Erfolg damals noch weit entfernten Scorpions, die gerade ihr Debütalbum veröffentlicht hatten, an mindestens zwei Abenden auf dem Programm. Im Sommer 1972 schlossen sich schließlich zum letzten Mal die Türen des Colosseums für all jene, die teils mehrmals pro Woche in ihren geliebten »Kobl« gekommen waren. Es war das Ende der Stadtamhofer Tanzpalastzeiten.

Bis heute ist das Colosseum nicht schwer zu finden, es sei denn, man lässt sich auf dem Weg über die Steinerne Brücke durch den Touristenstrom vom Weg abbringen. Mit dem neuen Kulturraum hat zumindest ein Kapitel der Geschichte des Gebäudes wieder mehr Sichtbarkeit erlangt. Lange genug hat es gedauert, denn die Aufarbeitung rund um das KZ-Außenlager hat erst in den 80ern begonnen und bis vor kurzem nicht viele Spuren hinterlassen. So verwundert es auch nicht, dass dies den tanzenden Beatfans in den 60ern und 70ern nicht die Stimmung trübte. Und auch deren Geschichte und damit die schönen Zeiten des Colosseum sollten nicht in Vergessenheit geraten.

Quellen
Herrmann, Franz: Regensburger Beat- und Popkultur: Geschichte, Bands und Tanzlokale der 60er und 70er Jahre in Regensburg und Umgebung. Regenstauf 2014.
Schwarz, Karl (Hrsg.): Colosseum. Regensburg 1991.
Haus der Bayerischen Geschichte: https://hdbg.eu/zeitzeugen/detail/bayern-in-den-1960er-jahren/franz-herrmann/2845
Titelbildcollage © Pauline Kral, Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege, Herrmann, Franz (2014). S. 49, Schwarz, Karl (1991)

