Die Regensburger Erstaufführung von »Das Leben ist ein Wunschkonzert« behandelt auf rührende Weise ein ernstes Thema: Alkoholismus in der Familie.
von Veronika Semmler
»Das Leben ist kein Wunschkonzert« ist ein Satz, den alle schon mal gehört haben. Man wünscht sich ein Haustier, unendlich viel Geld oder keine Klausuren mehr schreiben zu müssen. Aber das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert: vor allem nicht, wenn die Eltern alkoholabhängig sind.

So geht es nämlich Anna (Alisha-Vivienne Hellmuth), die mit alkoholabhängigen Eltern aufwächst. Aus ihrer Perspektive erzählt uns in der Premiere am 11.5.26 im Jungen Theater das Stück »Das Leben ist ein Wunschkonzert«, geschrieben von Esther Becker und inszeniert von Oda Zuschneid, dieses ernste Thema. Obwohl für das Stück nur eine kleine Bühne zur Verfügung stand, wurde aus ihr so viel szenisch herausgeholt, dass man das Gefühl bekam, man würde vor einer riesigen Kinoleinwand sitzen.
Zu Beginn des Stücks scheint Anna wie ein recht verträumtes Kind, das uns als erstes erzählt, dass sie sich immer gewünscht hat, einen Pizzaladen im Zimmer zu haben (ihr Spezialwunsch, wer kanns ihr schon verübeln?). Aber das Leben ist ja kein Wunschkonzert.
Schrittweise zeigte sich die Schwere des Problems in der Familie: Daheim herrscht reinstes Chaos, niemand kümmert sich um sie, den Pizzaboten (Gabriel Kähler) muss sie selbst von ihrem Ersparten bezahlen, und gleichzeitig versucht Anna, diese Probleme vor allen zu verbergen. Sukzessive wird ihrem Umfeld klar, wie schief der Haussegen eigentlich hängt, bis sie schließlich Hilfe bei ihrer besten Freundin Hannah (Sophie Juliana Pollack) findet. Besonders die Nachbarin (Kathrin Berg), eine erst strenge und nervig wirkende Matheprofessorin, stellte sich gegen Ende als eine der größten Stützen für Anna heraus.
Das Highlight des Stücks: Das hoch gesanglich talentierte Schnecken-Ensemble (Kathrin Berg, Gabriel Kähler, Sophie Juliana Pollack), das das Stück als Chor umrahmt hat und in der Nähe von Annas Haus lebt. Durch Scheinwerferlicht wurden sie immer wieder perfekt zur Schau gestellt, sodass sie nie zu übersehen waren und das Stück abwechslungsreich durch ihren Groove und jazzigen Vibe gestalteten.

Und sie lieben Bier. Über alles! Dieser Biergeruch ziehe sie förmlich an, sodass sie in diesen »Biersee« kriechen. Sie können aber nicht mehr aus ihm herauskommen und ertrinken. Eigentlich gibt es keinen erklärbaren Grund, wieso sie danach so süchtig sind. Um sie aber zu retten, muss man ihnen unter die Arme greifen, sie also aus diesem »Biersee« herausziehen und auf eine Wiese setzen, damit sie selbstständig die Welt erkunden können.
Somit ziehen sich diese biersüchtigen Schnecken als wunderschöne Metapher durch das gesamte Stück. Sie repräsentieren alkoholabhängige Menschen, die in ihrer Sucht ertrinken.
Augen offenhalten
Oda Zuschneid beschrieb in einem Gespräch mit der Dramaturgin Hannah Spielvogel, das im Programm zu finden war: »Alkoholismus in der Familie wird tabuisiert und Alkohol(-konsum) im alltäglichen Umgang verharmlost. Dahinter steckt aber eine ernste Frage von Kontrollverlust, vor allem für betroffene Kinder. Für diese ist es wichtig, zu merken, dass sie mit dem Thema nicht allein sind und es andere gibt, die ähnliche Probleme haben. Sie sollen sich trauen, Hilfe zu suchen und anzunehmen. Es muss nicht immer gleich eine Drogenberatungsstelle sein. Es kann ein Anfang sein, jemanden im nahen Umfeld anzusprechen: einen Nachbar oder eine Nachbarin, eine Freundin, einen Freund oder Verwandte. Das zu vermitteln, ist mir ein echtes Anliegen.«
Zu Recht wurde diese Premiere mit tosendem Applaus, Bravo-Zurufen und trommelnden Beinen beendet. Denn es wurde nicht nur ein höchst wichtiges Thema besprochen, sondern das Stück auch wundervoll inszeniert sowie geschauspielert von allen Beteiligten.
Deswegen auch von mir: BRAVO!
Weitere Informationen zum Stück gibt es auf der Website des Staatstheater Regensburg (Theater Regensburg – Das Leben ist ein Wunschkonzert)
Die Vorstellung wurde mit Pressekarten besucht.
Beitragsbild: Kathrin Berg & Alisha-Vivienne Hellmuth © Sylvain Guillot

