Es ging um vulnerable Gruppen, Sichtbarkeit von Anlaufstellen und die Position von Studierenden an der Universität Regensburg: Am Montag, den 11.05.2026, fand die Podiumsdiskussion »Hierarchie. Machtmissbrauch. Universität. Hinter der Fassade der Freiheit« statt. Sie diente als Auftaktveranstaltung zum Aktionsmonat für Antidiskriminierung.
von Sina Popp
Die Diskussion führen Professorin Dr. Jenny Oesterle-El Nabbout (3. von links), Vizepräsidentin für Internationalisierung und Diversity der UR, Dr. Birgit Bockschweiger (2. von links), Ansprechperson für Fälle von sexueller Belästigung und sexualisierter Gewalt an der UR; sowie Annika Wintersberger, Sprecherin des Studierendenrats des Deutschen Studierendenwerks (rechts). Moderiert wird sie von Madeleine Schneider (links), welche Teil des studentischen Senats ist. Damit sprechen vier Frauen unterschiedlicher Positionen an der Universität über ein Thema, welches besonders Frauen betrifft und in erster Linie strukturell ist.
Wie sieht Machtmissbrauch an der Universität aus?
Frau Dr. Bockschweiger definiert Machtmissbrauch durch das »Ausnutzen einer strukturellen Abhängigkeit«. Professor:innen haben die Macht, Personal auszuwählen, Noten zu vergeben, Arbeitsaufgaben zu delegieren, Referenzen zu vergeben und vieles mehr. Diese Tätigkeiten sind notwendig und Teil ihrer Rolle. Machtmissbrauch beginnt erst, wenn diese Privilegien zum Schaden anderer ausgenutzt werden und der Machtgebrauch ungerechtfertigte Kosten für involvierte Personen mit sich bringt.
Das Dilemma: Den Ast ansägen, auf dem man sitzt?
Aus der Natur der Sache ergibt sich auch das größte Problem der Prävention von Machtmissbrauch: Das offene Ansprechen von Vorfällen. Es ist schwer, weil das Einstehen für sich selbst gegen einen Vorgesetzten zu direkten negativen Konsequenzen im eigenen Leben führen kann. Zum Beispiel eine schlechte Note zu bekommen oder gar den Job zu verlieren.
Wie kann man vorgehen?
Aus diesem Grund gibt es für Machtmissbrauch im besten Fall unabhängige Stellen in Institutionen. An diese können sich Betroffene anonym wenden, ohne direkt Konsequenzen fürchten zu müssen. Hier kommt Frau Dr. Bockschweigers Beratungsstelle ins Spiel. »In jedem Fall«, sagt sie, »ist eine Intervention möglich«. Oft melden sich Betroffene auch erst Jahre nach einem Vorfall, wenn sich Abhängigkeitsverhältnisse aufgelöst haben.
Wie bekannt sind Beratungsstellen?
An der Uni Regensburg kennen nur 51% der Studierenden die Antidiskriminierungsberatungsstelle. Bei anderen Beratungsstellen wie z.B. der Gleichstellungsstelle sind es noch weniger.
Sich zu wehren wissen.
Annika Winterberger wünscht sich mehr Sichtbarkeit von Beratungsstellen für Studierende. Sie schlägt vor, im Brief mit dem Studierendenausweis bereits Flyer mitzuschicken und bei Einführungsveranstaltungen mehr Plattformen für Anlaufstellen zu bieten. Außerdem sollten Studierende mehr Mitspracherecht an der Universität haben. »Mehr Macht den Studierenden«, fasst sie ihr Anliegen prägnant in einem Satz zusammen. Dazu würden beispielsweise ein größerer Stimmanteil im Senat und einfachere Zugänglichkeit zu repräsentativen Ämtern gehören, die auch vergütet werden könnten.
»Wir sind hier Kunde und Kunde ist König«, zitiert Annika Wintersberger zur Rolle von Studierenden an der Universität.
Verantwortung übernehmen.
Auf der anderen Seite wäre auch eine größere Teilnahmequote von Dozierenden und Betreuenden an Sensibilitätsschulungen wünschenswert. Frau Professorin Oesterle sähe auch einen intensiveren Austausch von Studiendekan:innen mit den Fachschaften als sinnvoll an. Generell einigen sich die Diskussionspartnerinnen darauf, dass gemeinsam erarbeitetes Feedback wirklich zu Herzen genommen werden sollte.
Eine besonders vulnerable Gruppe: Doktorandinnen*
Frau Dr. Bockschweiger erklärt, dass Doktorandinnen*, vor allem in der Qualifikationsphase, eine besonders gefährdete Gruppe für Machtmissbrauch an der Universität sind. Sie streben oft eine Beschäftigung im universitären Bereich an oder sind bereits bei ihrem Lehrstuhl angestellt und so evtl. finanziell abhängig. Dadurch fallen mehrere Rollen zusammen. Betreuende benoten einerseits die fertige Arbeit, sind manchmal auch Arbeitgeber:in, das Tor in den späteren Beruf durch Referenzen und Kontakte und werden oft zu engen Vertrauten. Kommt es dann zu Situationen, in denen Doktorandinnen* unfair behandelt werden, steht bei einer Aufarbeitung des Verhaltens viel auf dem Spiel.
Was kann man als Studierende:r tun?
Wenn dir jemand von einem Vorfall von Machtmissbrauch an der Universität erzählt oder du dich selbst betroffen fühlst, wende dich an eine Beratungsstelle oder deine Fachschaft und empfehle es anderen Betroffenen. Besonderes Engagement für das Thema in Studierendenvertretungen stärkt die Repräsentation von uns »Kund:innen«. So können Universitäten langfristig für Abhängigkeiten sensibilisiert werden und Strukturen können sich ändern.
Titelbild © Sina Popp
Quelle:
Schweppe, C. (Hrsg.). (2025). Machtmissbrauch an Hochschulen: Analysen und Perspektiven. wbv Publikation. https://doi.org/10.3278/9783763978809

