»Cyborg«

»Cyborg«
Normalerweise bezeichnet »Cyborg« eine Mischform aus Mensch und Maschine. Die neue Definition lautet: Arda Saatçi. Egal ob man Saatçis’ sportliche Karriere in den letzten beiden Jahren verfolgt oder auch nur ein einziges Reel über seine letzte Challenge in den Feed gespült bekommen hat, alle scheinen sich einig zu sein: Dieser Mann hat tatsächlich etwas an sich, das über das Menschliche hinausgeht. 

von Esther Nußstein

Arda »Cyborg« Saatçi, wie er selbst und mittlerweile auch das Internet ihn  nennen, ist 28 Jahre alt und Ultramarathonläufer. Sein erst kürzlich vollendeter Lauf, den er am 10. Mai am Santa Monica Pier in Kalifornien beendete, flutet derzeit alle Medien. Mittlerweile machen sich kritische Stimmen über die Aufmerksamkeit, die der Extremsportler von der ganzen Welt erfährt, breit – denn alle Augen sind auf den »Cyborg« gerichtet, wodurch andere Sportler:innen vernachlässigt werden. Warum aber erfährt ausgerechnet Arda Saatçi so großen Applaus und stellt damit scheinbar den Rest der Sportwelt in den Schatten? 

Vom Boxer zum Lauf-Phänomen

Scrollt man auf dem Instagram-Account des Läufers ganz nach unten findet man – Überraschung – erstmal gar keine Bilder vom Laufen, sondern vom Boxen – ein Bild von 2018 zeigt ihn mit Mike Tyson. Der erste Lauf-Post folgte erst drei Jahre später, 2021, doch auch zu dieser Zeit teilte Saatçi noch diverse Bilder vom Boxen, Schwimmen und Krafttraining. Scheinbar »über Nacht«, eine Einheit, die die sozialen Medien mittlerweile gerne willkürlich ausspucken, wurde er 2024 durch seinen Lauf von Berlin nach New York bekannt. Als er 2025 die volle Länge Japans lief, wusste auf einmal jeder, wer Arda Saatçi ist: Arda Saatçi, der Läufer. 

Mehr als nur ein sportliches Ereignis

Jetzt, 2026, sitzen tausende von Menschen zuhause vor ihren Fernsehern und beobachten, mit Ess- und Schlafpausen, per Livestream einen Mann, der fast ununterbrochen läuft, läuft und noch weiterläuft. Seit April Red-Bull-Athlet, über zwei Millionen Follower auf InstagramForbes »30 Under 30« und zahlreiche Medienberichte über seinen Lauf durch die Wüste – Saatçi wird zum Mittelpunkt des Laufsports. Das Problem: Es sieht schnell so aus, als ob auf einmal andere, ebenso bemerkenswerte sportliche Leistungen vergessen werden. So schreibt der Spiegel beispielsweise über die Ultraläuferin Rachel Entrekin und kommt nach einer Bilanz der beiden Läufe zu dem Schluss, dass Entrekins Erfolg mindestens genauso erwähnenswert ist wie Saatçis.

Der Lauf-Boom bekommt Rückenwind

Natürlich erscheint es wie eine Ungerechtigkeit, dass in einer Welt, die so viele herausragende Sportler:innen kennt, gerade nur noch das Wort »Cyborg« in aller Munde ist. Vergessen werden darf bei der Kritik über Saatçis derzeitiger Medienpräsenz aber nicht, dass diese nicht von nichts kommt. Durch die Timestamps und das Dokumentieren seiner ersten Challenge, von Anfang an, konnte Saatçi sich ein großes Publikum aufbauen und hat durch sein Format „Von Berlin nach New York“ vielleicht eine seltene Contentlücke auf Instagram entdeckt. Mittlerweile reicht diese Filterblase so weit, dass sie kaum noch als solche bezeichnet werden kann – ein Großteil des Internets hat es nun als Ziel, einen Marathon zu laufen. Saatçi hat somit nicht nur ein Ausrufezeichen im Extremsport gesetzt, sondern auch die Laufkultur auf seinen Plattformen ganz neu in den Fokus gerückt.

Abschließend kann man also zu folgendem Schluss kommen: Die Präsenz eines Sportlers wie Arda Saatçi macht keine Absenz von Leistungen anderer, gleichwertiger Sportler:innen – und das Erwähnen anderer, gleichwertiger Sportler:innen wertet den Erfolg Saatçis’ nicht ab. 


Titelbild © Esther Nußstein

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