»Jeder kann töten, wenn er nicht gezwungen wird, hinzusehen.«

»Jeder kann töten, wenn er nicht gezwungen wird, hinzusehen.«
Das Theater Regensburg bietet mit »Die Gerechten« und »Die schmutzigen Hände« eine philosophisch geladene Aufführung, in der vor allem eine Frage behandelt wird: Kann ein Mord je gerechtfertigt sein?

von Milena Brey

In »Die Gerechten« von Albert Camus plant eine Gruppe Sozialrevolutionäre 1905 ein Attentat auf den russischen Großfürsten Sergej, ein Attentat, das auch in echt passiert ist: eine Bombe soll den extrem konservativen Mann töten. Iwan Kaljajew (Jonas Julian Niemann) wurde mit dem Bombenwurf beauftragt, scheitert jedoch beim ersten Versuch, denn in der Kutsche des Großfürsten sitzen auch Kinder. Daraufhin diskutiert die Gruppe hitzig ob die Tötung von Kindern durch die Revolution gerechtfertigt wäre.

»Ich weiß jetzt, dass im Hass kein Glück liegt.«

Anders als in Camus‘ »Die Gerechten«, wird in »Die schmutzigen Hände« das Attentat der Revolutionäre innerhalb ihrer eigenen politischen Gruppe vollzogen. Hoederer (Thomas Mehlhorn), der Anführer der revolutionistischen Partei, plant eine Allianz mit den politischen Feinden, um dem Krieg ein Ende zu setzen. Einige Mitglieder sind dagegen – laut ihnen gehöre es zur Aufgabe der Partei eine »Reinheit« der Prinzipien zu erhalten und mit Waffen den Krieg zu beenden. Somit wird der Entschluss gefasst, Hoederer zu ermorden. Hugo (Paul Wiesmann), der die bisherigen Schreibtischaufgaben satthat, möchte mit dieser Tat seinen Platz in der Partei beweisen. Er zieht zusammen mit seiner Frau Jessica (Maite Dárdano) bei Hoederer ein und arbeitet als Sekretär. Als nach gut einer Woche Hugo Hoederer immer mehr kennenlernt und das Attentat weiter herauszögert, werden die Mitglieder der Partei unruhig: Hat Hugo das Zeug zum Mörder?

Thomas Mehlhorn & Jonas Julian Niemann © Marie Liebig

»Du willst die Welt nicht verändern, in die Luft jagen willst du sie.«

Dass vor allem das »Lesedrama« »Die Gerechten« mit einer höchst packenden Spannung überzeugt, mag zunächst überraschend sein. Das Regensburger Staatstheater hat sich hier mit einem Theaterstück zum Hören etwas Besonderes ausgedacht: Die Schauspielenden befinden sich in einer Art Hörstudio und sprechen ihren Text in zwei Mikrofone. Zwei Kameras, die auf die Mikrofone gerichtet sind, nehmen die Gesichter der Schauspieler:innen auf und sie werden live auf zwei Bildschirme über der Bühne projiziert. So kann man die Mimik der Spielenden von jedem Platz des Saals genau beobachten. Der Fokus liegt also stark auf der Sprache und den Gesichtern der Figuren – bestimmt eine Herausforderung für das Schauspielensemble, das meist mit dem ganzen Körper spielt. Zusammen mit einer fein herausgearbeiteten Soundkulisse entsteht ein intimer Raum mit einer außergewöhnlichen Spannung.

Guido Wachter, Thomas Mehlhorn, Jonas Julian Niemann, Michael Haake & Natascha Weigang © Marie Liebig

»Die schmutzigen Hände« wird wieder als klassisches Schauspiel vorgetragen. Doch vor allem nach der ersten Pause und dem kurzweiligen »Theater zum Hören« von »Den Gerechten« ziehen sich die ausführlichen politischen Debatten der Figuren in der Mitte des Theaterabends ein wenig. Die Beziehung zwischen Hoederer und Hugo ist mit Fingerspitzengefühl von Antje Thoms inszeniert und hervorragend von Paul Wiesmann (Hugo) und Thomas Mehlhorn (Hoederer) gespielt. Auch die gewitzte Jessica (Maite Dárdano) verkörpert authentisch die Frau des Hugo, die im Stück eine wichtige, handlungsvoranbringende Rolle spielt.

Die geschmeidige Verbindung dieser existentialistischen Klassiker erscheint, trotz der beachtlichen Länge von vier Stunden, relativ kurzweilig. Denn die zwei Stücke stellen nicht nur wichtige politische und moralische Fragen, sie zeigen auch wie wichtig es ist, aus der eignen Bubble auszubrechen und die bequeme Echokammer zu verlassen, die die eigene Meinung unzählige Male wiederholt. Gerade jetzt dürfen wir unbequeme Diskussionen nicht vermeiden, sondern müssen uns mit der echten Welt, ihren Widersprüchen und ihren Menschen mit unterschiedlichen Meinungen auseinanderzusetzen.

Mit der Premiere »Die Gerechten/Die schmutzigen Hände«, die auch im Rahmen der Bayerischen Theatertage stattfand, wurde nicht nur die zweite Premiere als Staatstheater gefeiert, sondern auch Schauspieldirektorin Antje Thoms verabschiedet, die nach vier Jahren das Staatstheater Regensburg ab nächster Spielzeit verlassen wird.


Weitere Informationen zum Stück gibt es auf der Website des Theater Regensburg ( Theater Regensburg – Die schmutzigen Hände / Die Gerechten)

Die Vorstellung wurde mit Pressekarten besucht.

Beitragsbild: Ensemble © Marie Liebig

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