Mein Chick ist too bad

Mein Chick ist too bad
Mein Handy vibriert. Die erste Antwort auf die Frage, die ich sämtlichen Männern in meiner Kontaktliste gestellt habe, ist angekommen. Was verstehst du unter einer »Baddie?«

von Esther Nußstein

09:25 Uhr

Große Brüste

Kann gut blasen

Spaß haha

Ja einfach eine die geil aussieht

Ungläubig starre ich auf den Bildschirm.

09:33 Uhr

Ich würd in die Richtung ziemlich versautes Mädchen gehen

09:39

Eine die mit Jungs spielt

Ich lege mein Handy weg.

16:18

Grüne Augen schwarze Haare und hat so ?2010? bei Transformers mitgespielt

16:52

kleine süße Dame die Sneaker zu einem Kleid tragen kann und trotzdem cute aussieht, die mit Schminke nicht übertreibt und trotzdem hübsch ist

Die Reaktionen spalten sich in zwei Lager. Die eine Seite sagt, sie verwendeten das Wort nicht oder nicht gern. Um die andere Seite, die Seite dieser Textnachrichten, dreht sich dieser Artikel.

Der Maddy Perez »Baddie«-Archetyp

Wie bei so vielen eingedeutschten Begriffen aus der Popkultur ist auch bei der Bezeichnung »Baddie« sichtlich nicht ganz klar, wen oder was sie überhaupt bezeichnet. Gibt man das Wort in die Instagram, Pinterest oder TikTok Suchleiste ein, erscheint mindestens ein Beitrag, der Maddy Perez aus der Serie Euphoria zeigt. Ihre langen, dunklen Haare, ihr winked-eyeliner Makeup – aber am meisten ihre selbstbewusste Ausstrahlung – machen sie zum Paradebeispiel und »Baddie«-Vorbild. Der Algorithmus scheint das auf jeden Fall so zu sehen. In der Serie bildet Maddy‘s Beziehung zu Nate einen der im Vordergrund stehenden Handlungsstränge. Die Beziehung der beiden kann symbolisch als das gelten, was nicht nur viele Frauen erleben, sondern auch was die Problematik an dem »Baddie«-Phänomen demonstriert. Die Figur der Maddy erscheint nicht umsonst wie von selbst, wenn es um den »Baddie« Diskurs geht, sie ist eine starke Frau, die es schafft im weiteren Verlauf der Handlung sich von Nate und der toxischen Beziehung zu lösen. Nate verkörpert den besitzergreifenden Mann in einer Beziehung, er ist extrem eifersüchtig, kontrollierend und gewaltvoll. Sobald man als »Baddie« mit einem Nate eine Beziehung eingeht, passiert so etwas wie ein Schwellenübertritt: er macht die zuvor selbstbestimmte Frau zu »seinem Mädchen«. Und »sein Mädchen« darf nicht mehr »freizügige« Kleidung tragen, nicht mehr mit anderen Männern sprechen, nicht mehr unabhängig und stark und all die Dinge sein, die er vorher an ihr so anziehend fand. 

Das Maddy-Nate Konstrukt, wie es Euphoria errichtet oder vielmehr abbildet, beschreibt genau das, was ein großes Problem in der »Baddie«-Kultur zum einen, und eine noch viel größere Gefahr für den Feminismus zum anderen darstellt: Frauen werden wieder objektifiziert und sexualisiert. 

Wie Man(n) »Baddie« sieht 

Wenn Frauen von einer »Baddie« sprechen ist die Konnotation Stil, Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit. Wenn Männer über »Baddies« sprechen, wird der Diskurs oberflächlich, es geht ums »hot sein«, um die »richtigen« Proportionen, oder, wenn man Nate fragt, um keine Körperbehaarung. Für Frauen bedeutet »Baddie« Empowerment. Für Männer bedeutet es perfekt aussehende Trophäe, die es zu erobern, zu besitzen gilt. Der Male Gaze verschlingt die ursprüngliche, als feministisch gedachte Bedeutung des Wortes.

»Wenn du eine Baddie als Freundin haben willst, darfst du dich dann auch nicht beschweren, wenn du eine Baddie als Freundin hast«, heißt es inzwischen schon in Reels auf Instagram. Du darfst ihr nicht verbieten das Bikini Foto in ihre Story zu posten, Baddie bleibt Baddie. »Warum sind Männer aber überhaupt plötzlich so sehr dagegen, dass ihre Freundin ein Bild von sich im Bikini hochlädt?« – müssten wir uns vielmehr fragen, statt die Frau im Bikini zu verurteilen, während Männer sich ganz ungestraft oben ohne in der Öffentlichkeit zeigen dürfen. Der Grund dafür ist naheliegend: Eifersucht und Unsicherheiten. Vielleicht waren diese nämlich einst unter jenen, die auf einen Bikini Post – ungefragt – mit anzüglichen und sexualisierenden Kommentaren und Emojis reagierten.

»Sie ist jetzt ‘ne Baddie«

»Aber ich entwickle mich weiter und sie macht leider Rückschritte. Sie ist jetzt ‘ne Baddie. Was wortwörtlich übersetzt Bad Bitch heißt. Also ich weiß nicht, wie man stolz darauf sein kann, sich selber als böse Schlampe zu bezeichnen.«

Das sagte Aleks Petrovic über seine Ex-Verlobte Vanessa Nwattu im Format »Prominent getrennt«. Reality TV im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die Realität ist, dass Männer Frauen nicht nur über das »Baddie« Narrativ objektifizieren, sondern auch diffamieren. Sexuell selbstbestimmte Frauen als »Schlampe« zu bezeichnen ist generell keine neue, sexistische Äußerung, doch durch das Verdrehen eines ursprünglich als empowering gemeinten Begriffs, bekommt diese faktisch falsche Aussage nur einen noch fahleren Beigeschmack. Petrovic ist zudem neben verbalen, sexistischen Aussagen unter anderem auch durch das Bespucken von Frauen und dem öffentlichen Demütigen von Nwattu deutlich negativ zum Gespräch in jeglichen Medien geworden. »Ich mag es nicht, wenn Vanessa rebellisch ist«, sagte er noch vor der Trennung in einem Clip der viral ging. Dass er »rebellisch« im Sinne von »sich nicht unterordnend« meint wird klar, als er fragt »Wer führt die Beziehung?« er, der Mann, »Ja. Ist doch logisch.« Petrovic provoziert in dieser Situation eine Macht- und Kontrolldynamik, in der die Frau die Unterlegene ist und eine »Baddie« eine »böse Schlampe«. 

Petrovic‘s Aussagen als »Trash TV Gequatsche« abzutun funktioniert in diesem Fall leider nicht, denn er ist nur ein sehr repräsentatives Beispiel für eine große Gruppe an Männern mit einer patriarchalen Denkweise. Männer, die unterdrücken, Männer, die Frauen degradieren, demütigen oder sogar physisch angreifen, handeln aus der Erkenntnis heraus, dass »Baddie« für Frauen mit Emanzipation verbunden ist, und versuchen deshalb Frauen genau diese zu rauben.


Titelbild © Esther Nußstein

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