Die Medien sind bekannt dafür, Karrieren zu schaffen, zu retten oder auch zu ruinieren. Doch warum sind es vor allem weibliche Stars, die dabei zum öffentlichen Sündenbock gemacht werden?
von Aleyna Ayan
Vielleicht sieht man irgendwo den Satz »Britney survived 2007. You can handle today« aufgedruckt auf einer Tasse oder einem T-Shirt stehen und muss bei dem Versuch schmunzeln, aus einem damals riesigen Skandal heute einen ironischen Motivationsspruch zu gestalten. 2007 war ein turbulentes Jahr für die Popkultur und vor allem für Britney Spears, die einen öffentlichen Zusammenbruch erlebte und bis heute dafür – mit rasiertem Kopf – in Erinnerung bleibt. Mit den Bildern und Schlagzeilen nahmen viele die Sängerin als »verrückt« wahr oder amüsieren sich auch heute noch über das Ereignis. Dahinter steckt jedoch eine viel tiefgründigere Geschichte.
Eine extreme Medienkultur in den 2000ern
Britney Spears, die bereits mit 18 Jahren ihren Aufstieg als Pop-Sängerin erleben durfte, wurde von ihrem Musik-Label schon früh als »Miss American Dream« vermarktet. Fans betrachteten sie als unschuldiges Idol, dessen Karriere in den späten 90ern begann und in den 2000ern ihren Höhepunkt erreichte. Zeitgleich etablierten die Medien durch Zeitschriften, Fernsehinterviews oder Radiosendungen eine neue widersprüchliche und sexistische Kultur: Frauen wurden mit extremen Kommentaren zu ihrem Körper konfrontiert, auf Covern in knapper Kleidung sexualisiert dargestellt und gleichzeitig Opfer von Slut-Shaming.
Verrückt geworden oder verrückt getrieben?
Diese Kontrolle über ihr Leben blieb bei Spears nicht unbemerkt: Wo sie hinging, welches Outfit sie trug oder wie sie mit ihren Kindern umging, blieb von keiner Kamera unbeobachtet und von keiner Schlagzeile unkommentiert. Der Ruf einer »schlechten Mutter« wurde beispielsweise von zahlreichen Artikeln ins Leben gerufen, nachdem Spears mit ihrem Sohn auf dem Schoß beim Autofahren gesehen wurde. Von Paparazzi 24/7 verfolgt und ohne Aussicht auf ein wenig Privatsphäre, kam es bei Spears letztendlich zum 2007-Vorfall. Was jedoch wie ein deutlicher Schrei nach Hilfe klang, wurde von den Medien weiter befeuert. Titel wie »Meltdown«, »Madness« oder »Fury« verbreiteten sich, das Magazin Daily Mirror versprach sogar exklusive Bilder von Spears ’ Attacke auf einen Paparazzi-Wagen mit dem Satz: »And more amazing pictures inside!«. Dieser Vorfall führte nicht zuletzt zur Vormundschaft durch ihren Vater, aus der sie später unter anderem durch die Aufmerksamkeit des #FreeBritney-Movements befreit wurde.
The Rise and Fall of a Midwest Princess?
Wird sich Geschichte wiederholen oder können wir aus Fehlern lernen? Auch wenn Spears‘ Geschichte für einen Extremfall spricht, lassen sich weiterhin ähnliche Muster erkennen, wie bei Chappell Roan. Die Sängerin, die 2024 ihren Durchbruch erlebte, wurde mit ihrem Aufstieg zunächst von zahlreichen Personen für ihre knalligen Kostüme und starke Stage Presence gefeiert – bis sie ihren Mund öffnete. In einem Instagram-Post kritisierte Roan sogenanntes »Superfan«-Verhalten, das ihrer Meinung nach durch den Umgang mit weiblichen Stars in der Vergangenheit normalisiert wurde. Zudem schrieb sie: »Women do not owe you a reason why they don’t want to be touched or talked to.« Die Reaktionen darauf blieben unerfreulich: Viele bezeichneten Roan als »undankbar« und erinnerten sie daran, dass sie Leuten wie ihnen ihre Karriere zu verdanken habe, nach dem Motto »Ich gab dir deine Karriere – du schuldest mir dein Leben.«
Eine moderne Hexenjagd
Seitdem bleibt Roan für die Medien als die Person bekannt, die sich hin und wieder gegen Paparazzi oder jegliche Menschen stellt, die sie außerhalb ihrer öffentlichen Auftritte antreffen, und wird dafür immer wieder kritisiert oder lächerlich gemacht. Vor ein paar Wochen sorgte ein weiterer medialer Skandal für Aufmerksamkeit. Der Fußballspieler Jorginho beschwerte sich online darüber, dass seine Stieftochter auf »aggressive« Weise von Roans Bodyguard weggeschickt worden sei, als sie nach einem Foto fragen wollte. Wenige Tage später wurde bekannt, dass der Bodyguard gar nicht Teil von Roans’ Team war. Für ihren Ruf war es trotzdem zu spät: Mehrere Personen nutzten die Gelegenheit sofort, um Roan erneut als »Kinderhasserin« und »arroganten Star« darzustellen, der seine Fans »nicht ausstehen kann«.
No one likes a mad woman – you made her like that
Wie oft muss eine Frau ausdrücken, dass sie nicht belästigt werden möchte, ohne dass es zu einer Eskalation kommt? Das Gefühl des Unwohlseins bei Roan ist auf zwei Ebenen verständlich: Einmal auf der persönlichen, sich als Frau trotz einfacher Bitten nicht respektiert zu fühlen, weil selbst ein klares Nein nicht ernst genommen wird. Zudem auf einer öffentlichen Ebene, auf der extreme »Fan«-Reaktionen durch obsessives Verhalten schlimmstenfalls sogar lebensgefährlich, wie bei John Lennon oder Christina Grimmie, enden können. Und auch hilft es nicht, dass Medien mit ihrem enormen Einfluss negative Kommentare und Gerüchte verstärken. Zwar sprechen auch männliche Stars wie Justin Bieber über Grenzüberschreitungen, dennoch zeigt sich in den Medien weiterhin eine extremere Dissektion bei Frauen, die von Kommentaren über Körpermaße und Gewichtsveränderungen bis hin zu ihrem Privatleben reicht. So provokant der Titel auch klingen mag, stellt sich hier also die Frage: Dürfen Frauen Grenzen haben und diese laut aussprechen? Oder bleiben wir weiterhin Opfer ungleicher Machtverhältnisse in einer patriarchalen Industrie, die unseren Erfolg kontrollieren will, eventuell auf Kosten unserer psychischen Gesundheit?
Titelbild © Aleyna Ayan
Quellen:
https://harvardpolitics.com/toxic-media-spears
https://scholarblogs.emory.edu/queercultures101/2023/12/04/__trashed

