Selbst in einer Weltkulturerbestadt wie Regensburg, die ihre Geschichte gern und oft als Aushängeschild benutzt, gibt es Kapitel in der Stadthistorie, die dabei zu wenig Aufmerksamkeit erfahren. So etwa die bedrückende Vergangenheit des Stadtamhofer Colosseum als KZ-Außenlager in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs. Ein gemeinnütziger Verein hat dort nun einen Kulturraum eröffnet, der Platz für Blicke in Vergangenheit und Zukunft bietet.
von Pauline Kral
Weiter unten finden Sie Auszüge aus einem Gespräch mit Carla Rösch vom Colosseum-Verein.
An dem gelben Haus mit der Nummer 5 in Stadtamhof dürfte so ziemlich jede:r Regensburger:in schon einmal vorbeigelaufen sein. Auch der große »Colosseum«-Schriftzug an der Fassade mag dabei manchen aufgefallen sein. Unwahrscheinlicher ist es da schon, dass die beiden Informationstafeln auf der anderen Straßenseite entdeckt und mit dem Gebäude in Verbindung gebracht wurden. Wem sie im Schatten der Bäumchen dort doch ins Auge springen, der liest einen knappen geschichtlichen Abriss über ein Außenlager des Konzentrationslagers (KZ) Flossenbürg in Regensburg. Ein Lager, das im Jahr 1945 für fünf Wochen von der Schutzstaffel (SS) in eben jenem Colosseum unterhalten wurde.
Arbeitskommando in Regensburg
Vom 19. März 1945 an waren im großen Tanzsaal der damaligen Gaststätte etwa 400 KZ-Häftlinge zeitgleich untergebracht. Die Männer waren zwischen 17 und 48 Jahren alt und aufgrund ihrer Arbeitsfähigkeit aus Flossenbürg nach Regensburg verlegt worden. Hier wurden sie um 6 Uhr morgens von SS-Wachen über die Steinerne Brücke und durch die Altstadt zu ihren Arbeitsstellen getrieben. Zwölf Stunden täglich mussten sie ausgehungert und nur unzureichend gekleidet für das Reichsbahn-Ausbesserungswerk und die Messerschmittwerke Fliegerschäden beheben und Blindgänger entschärfen. Erst zwölf Stunden später kehrten sie wieder ins Colosseum zurück, wo sie abends notdürftig von einer gegenüberliegenden Malzfabrik verpflegt wurden und auf dem notdürftig mit Holzwolle ausgelegten Saalboden schliefen. Überlebende erinnerten sich an die willkürliche Brutalität, die sowohl 50 SS-Leute, die zu ihrer Beaufsichtigung abgestellt waren, als auch 20 Kapos (Funktionshäftlinge) den Häftlingen gegenüber zeigten.
Auflösung des Lagers
Die Nacht vom 22. auf den 23. April 1945 brachte die Räumung des Außenlagers Colosseum, drei Tage nachdem auch in Flossenbürg die sogenannten Todesmärsche im Angesicht vorrückender US-Truppen begonnen hatten. Bis auf 27 transportunfähige Häftlinge wurden die Männer in zwei Evakuierungstransporten zu Fuß in südliche Richtung zu den oberbayerischen Ortschaften Berg und Laufen/Leobendorf losgeschickt. Während von den Zurückgelassenen anschließend noch zehn in einem Hilfslazarett verstarben, überlebten auch mindestens 40 Häftlinge den mehr als zehntägigen Marsch bis zur Befreiung durch die US-Armee nicht. Denn wer vor Erschöpfung nicht mehr weitergehen konnte, wurde sofort von SS-Wachen erschossen.
Da auch in den fünf Wochen bis dahin immer wieder Häftlinge gestorben waren, deren Plätze anschließend nachbesetzt wurden, durchliefen etwa 460 Menschen das Außenlager Colosseum. Die genaue Anzahl der Todesfälle ist unklar, dokumentiert sind mindestens 53. Auf dem Regensburger Evangelischen Zentralfriedhof sollen 43 KZ-Häftlinge beigesetzt worden sein, wobei andere womöglich in der Donau beseitigt wurden. Ein Überlebender ging später davon aus, dass wohl 70 Männer umgekommen seien.
Spätere Verfahren gegen die SS-Wachen durch die Strafverfolgungsbehörden von BRD oder DDR, die die Verhältnisse im Colosseum zum Gegenstand gehabt hätten, sind nicht bekannt. Auch Ermittlungen wegen dortiger möglicher Gewaltverbrechen und Tötungsdelikten wurden in den 1970ern eingestellt und blieben ergebnislos. Es kam zu keinen Verurteilungen von Verantwortlichen für die in Regensburg verübten Verbrechen.
Dürftige Erinnerungsarbeit
In Hinblick auf Aufarbeitung und Erinnerungskultur gibt es Aufzeichnungen über die Errichtung eines Ehrenmals für die getöteten Häftlinge auf dem Evangelischen Zentralfriedhof, welches von November 1950 bis Mai 1955 bestand, bevor es im Rahmen der Exhumierung und Umbettung der Verstorbenen wieder abgetragen wurde. Es soll nach Flossenbürg gebracht und dort 1984 durch Diebstahl endgültig verschwunden sein. Später gab es immer wieder Diskussionen um weitere Gedenktafeln, wobei es schließlich heute bei den eingangs erwähnten Informationstafeln und einem danebenstehenden Gedenkstein geblieben ist.
Nun versucht das ein gemeinnütziger Kunst- und Kulturverein zu ändern. Dieser hat am Samstag, dem 25.04.2026, mehr als 80 Jahre nach der Auflösung des Außenlagers im Colosseums, direkt vor Ort einen Kulturraum eröffnet. Unsere Redakteurin konnte mit einer der Verantwortlichen sprechen.

Gespräch mit dem Colosseum-Verein
Der Leerstand eines Raumes im Colosseum eröffnete den Gründern des Colosseum-Vereins Kersten Osterhaus, Elias Nunner, Johannes Kroeker, Kai Zimmermann und Carla Rösch die Möglichkeit, einen modernen Gedenkort unmittelbar am Ort des damaligen Geschehens zu verwirklichen. Die Motivation dahinter formuliert Carla Rösch so: »Unserer Meinung nach gab es zu wenig Aufarbeitung, zu wenig Kontextualisierung und zu wenig Nutzung [des Gebäudes], die sich auch positiv auf eine demokratische Gesellschaft auswirkt und sie stärkt.« Sie wollten einen Raum schaffen und beleben, einen Raum, in dem beides geht: Sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen und trotzdem in die Zukunft schauen. Und obwohl Stadtamhof bereits einiges an Gastronomie zu bieten hat, wollten auch sie deswegen eine Gastro sein: »Weil wir das toll finden, wenn Leute miteinander an einen Tisch kommen, sich wohlfühlen und miteinander sprechen. Auch über Themen reden, die durch die Geschichte des Hauses angestoßen werden, aber auch weitergedacht werden.«
Wenn man den Raum betritt, kommen nicht gleich Museumsassoziationen hoch und das ist so gewollt: »Wir haben das Konzept, dass man sich eher kreativ an die Thematik der Erinnerung und der Aufarbeitung annähert, zum Beispiel durch die Bierdeckel, auf denen Fragen draufstehen, die uns beschäftigen, den Raum beschäftigen, wo die Leute teilnehmen können.« Wer einen der Bierdeckel mit seiner Antwort beschriftet hat, kann diesen an den Wänden für alle sichtbar anbringen. So möchte der Colosseum-Verein erzielen, dass Erinnerung und politisches Standing im Raum immer präsent sind, »aber nicht so informativ, dass man einfach von Text erschlagen wird.« Für Interessierte liegen stattdessen kleine Heftchen aus, deren Inhalt auf 20 Seiten deutlich mehr Geschichte enthält und von Kai Zimmermann recherchiert wurde. Gegenüber der Café-Theke bieten sich außerdem eine Reihe Bücher zum Schmökern an. Darin kann zudem über andere interessante Episoden der Colosseum-Geschichte gelesen werden, wovon auch Carla Rösch zu berichten weiß: »Dieses Haus hat so viele verschiedene Nutzungen erfahren, es gab eine Zeitlang ein Bauerntheater, genau in dem Saal, in dem damals die Häftlinge untergebracht waren. Es war mal ein Strip-Lokal, ein Tanzsaal, wo ganz viel Beat- und Livemusik gespielt wurde und sonst grundlegend eine Gastro.« Ein ausgestelltes Foto dokumentiert zwei Männer, die vormals im Colosseum inhaftiert waren, und später an den Ort des Geschehens zurückkehrten, wo sie mit einem Vertreter des Bauerntheaters ein Bier tranken.

Das Projekt, das aktuell auf Spenden angewiesen ist, hofft sich später durch die Gastro finanzieren zu können. Für zwei Jahre hat sich der Verein verpflichtet, aber »wenn’s gut läuft, dann sind wir auch total offen, das länger zu machen.« Ausstellungen, Lesungen, Diskussionen, Panels, Tanzen und Musik sind bis dahin angedacht. Der Eröffnungstag machte bereits den Anfang, am Nachmittag wurde im gut gefüllten Raum der Kurzfilm »The Walk« von Adam Fried gezeigt, in dem sich der Regisseur mit seiner Herkunft und der NS-Zeit auf ganz persönliche Art auseinandersetzt. Fried selbst war ebenfalls für eine anschließende Fragerunde mit dem bewegten Publikum anwesend. Schon im Vorfeld haben die Vereinsmitglieder im Rahmen ihrer offenen Baustelle viele positive Erfahrungen mit Neugierigen gemacht, wobei sie »das Gefühl [bekamen], dass viele Leute Bescheid wissen, mehr als man vielleicht annehmen könnte.« Bedenken, zu polarisieren oder negative Erfahrungen mit rechten oder extremistischen Vorfällen wie aus anderen KZ-Gedenkstätten bekannt, zu machen, blieben bisher unbegründet. »Wir hoffen auch, dass da nichts passieren wird. Da bleiben wir erstmal optimistisch und zehren von den schönen Begegnungen.«
Quellen
Halter, Helmut: Stadt unterm Hakenkreuz. Kommunalpolitik in Regensburg während der NS-Zeit. Regensburg 1994.
Heigel, Peter: Regensburg unterm Hakenkreuz. Ein Stadtrundgang von 1933-1945. Regensburg 1994.
Kick, Wilhelm: Sag es unseren Kindern. Widerstand 1933-1945 Beispiel Regensburg. Berlin 1985.
Titelbild © Pauline Kral

