Ist Carolyn Bessette-Kennedy die 90’s Version eines »Clean Girl«?

Ist Carolyn Bessette-Kennedy die 90’s Version eines »Clean Girl«?
Der minimalistische Stil von Carolyn Bessette-Kennedy erlebt durch die Serie »Love Story« gerade ein Comeback und wird als Inbegriff von »effortless«  gefeiert. Doch wie mühelos ist die 90s Ästhetik wirklich und erinnert sie an das heute »clean girl« Ideal?

von Esther Nußstein

»Love Story« ist bisher eine der gehyptesten Serien des Jahres, die mit Sarah Pidgeon und Paul Anthony Kelly in der Hauptrolle die Liebesgeschichte des Sohnes des Präsidenten, John F. Kennedy Junior, und der Calvin Klein PR-Managerin Carolyn Bessette erzählt. Jeder spricht von »Love Story« , tolles »yearning«, New York in den Neunzigern, als Partys noch Stil und Glamour hatten und keiner sich neben dir im Club auf die Tanzfläche von zu viel Vodka Bull übergeben musste. Diesem besonderen Stil der 90s wird von der Gen Z oft nostalgisch nachgetrauert, obwohl wir ihn gar nicht miterlebt haben. Im Zentrum dieser Serie, die Einblicke in das schicke New York High Life zeigt, steht die junge, blonde, wunderschöne Carolyn Bessette. Sie ist die Frau, in die sich John F. Kennedy Jr. verlieben wird. Eine Carolyn Bessette ist ungefähr das Gegenteil einer Carrie Bradshaw, sie rennt keinem Mr. Big hinterher – sie lässt sich von einem Kennedy, der 1988 zum »sexiest man alive« erklärt wurde, erobern. Sie trägt keine exzessiven, bunten, auffälligen Outfits, Manolo Blahnik oder Jimmy Choos – ihr Look ist minimalistisch.

Die scheinbar mühelose Ästhetik des 90s Minimalismus

Der »90’s Minimalism« Look war auch vor »Love Story« schon in Paparazzi Bildern von Jennifer Aniston oder Kate Moss zu finden, aber jetzt, nach Kollektivbingen dieser Serie, fluten Pinterestboards und Instagramcollagen die For You Page aller, die Carolyn Bessette‘s »ikonischen Stil« bewundern und unbedingt so aussehen möchten wie sie. In einem Interview mit der Vogue sagte Sarah Pidgeon: »The thing that strikes me about Carolyn is that you really see her first, despite wearing very architectual pieces. You see her face and her aura immediately.«, woraufhin die Journalistin antwortete »The clothes don’t wear her«, »Exactly« bestätigte Pidgeon. Exakt, die Klamotten tragen nicht sie, sie trägt die Klamotten. Immer wieder und auf allen Plattformen, in allen Artikeln, Chats, Blogs wird CBK zur Stilikone erklärt, »a master at timeless, elegant, 90s minimalistic style«. Noch ein Begriff der häufig fällt, ist »effortless«. Ganz mühelos, ganz zufällig ist Carolyn die scheinbar bestgestylte – aber nicht so gestylt, dass es zu angestrengt wirkt – Frau des New Yorks der 90er. Sie trägt beinahe nie Farben, wenig bis keinen Schmuck, keine sichtbar-aufrdringlichen Labels, sie verkörpert den »quiet luxury«. Sie macht es so gut, dass man am liebsten sofort den eigenen Kleiderschrank um alle enthaltenen, farbigen Stücken erleichtern und durch schlichte aber schicke,  schwarz, weiß, graue und beige Teile ersetzen möchte. In den 90ern gab es noch keine trendy Social Media Phänomenbegriffe, heute frage ich mich aber: ist CBK die 90s Version eines »Clean Girl«?  Und wäre sie dafür gefeiert worden?

Das »Clean Girl«-Ideal

Was ist ein »Clean Girl«? Clean Girls haben »den Glow«. Sie tragen wenig bis kein Makeup – oder Makeup, das so aussieht, als würden sie keines tragen. Sie meditieren, essen clean, daher natürlich »der Glow«, sie haben eine feste Skincare Routine. Mögen diese Dinge alle erst mal für etwas positives stehen, so erfährt der Clean-Girl-Trend neben extremen Hype aber von der anderen Seite extreme Kritik. Er vermittele ein unrealistisches Bild. Aus einer marxistisch-feministischen Perspektive könnte man feststellen: Ja, vielleicht ist Clean Girl nur wieder eine neue verpackte, alte Marketingstrategie, die Frauen Unsicherheiten aufzwingt, um diese dann auszunutzen und damit große Gewinne einzufahren. Wie etwa mit einer Hydrating Rice Water Face Mask, ein Produkt, welches den natürlichen, angestrebten »Glow« des Clean Girl Lifestyles verspricht. Clean Girls strahlen, von innen, wie von außen, und deshalb brauchen sie auch keine typischen Eye Catcher Kleidungsstücke, sie sind der Eye Catcher. 

Effort-Less?

Carolyn wäre vielleicht kein klassisches 2020er clean girl, sie raucht beispielsweise in der Serie, statt grüne Smoothies zu trinken, aber sie hat die Ausstrahlung. Sie hat »den Glow«, die Aura. Und das alles ohne großen »Effort«, ohne »trying too hard«. Möglicherweise ist es auch das, was an clean girls für eine Teilöffentlichkeit mittlerweile so kritikwürdig erscheinen mag: sie versuchen anscheinend so sehr mühelos diese Ästhetik zu leben, so sehr, dass es sehr anstrengend wirkt. Was eigentlich leicht und natürlich aussehen soll, erscheint dadurch fast inszeniert. Aber müsste die kritische Frage in diesem Fall nicht eigentlich lauten: Wer hat überhaupt beschlossen, dass CBKs Style so »effortless« ist? Und warum? Würden wir dasselbe über eine nicht-weiße und normschöne Frau sagen, die nicht von einem Kennedy auserwählt wurde? Woher sollten wir wissen, ob Carolyn tatsächlich wie in der ersten Szene von »Love Story«  aus herumliegenden Klamotten willkürlich ein paar herauspickt und zufälligerweise das perfekte, schick-elegante, all-black Outfit zusammenstellt – oder ob sie vielleicht doch schon am Abend zuvor bereits ihre Kleidung für den nächsten Tag rausgelegt hat, um am Morgen nicht ein Kleiderschrank-Dilemma erleiden zu müssen?

Die Frage der Zeitlosigkeit

Zugegebenermaßen hat sich auch meine Garderobe nach Love Story etwas verändert, was bleibt ist aber mein Grübeln darüber, wie Carolyn Bessette und spätere Kennedy sich kleiden würde, würde sie zur heutigen Zeit leben. Würde sie »ihren« Stil weiterleben, der doch so zeitlos ist? Würde man sie dann als clean girl abtun? Oder wäre sie immer noch die mühelos-glamouröse Frau, die sie einst verkörperte?


Titelbild © Esther Nußstein

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