Durch das Referat zweier Kommilitoninnen stoße ich zum ersten Mal auf das Thema »Manosphere«. Ich beschließe, ihm meine Hausarbeit zu widmen. Fasziniert und schockiert beginne ich meine Recherche – und falle in ein unendlich tief scheinendes Rabbit Hole. Gerade mitten während des Schreibprozesses meiner Arbeit entdecke ich den ersten Clip auf Instagram: eine neue Dokumentation des Journalisten Louis Theroux ist auf Netflix erschienen, das Thema – die Manosphere.
von Esther Nußstein
Die Manosphere ist über digitale Plattformen, besonders TikTok, Instagram, YouTube und Streams gewachsen. Sie beschreibt eine Community an Männern, die von antisemitischen, über frauenfeindlichen, homophoben bis hin zu rassistischen Ideologien alles abdecken – und diese im Internet verbreiten. Der Rechtsruck in unserer Gesellschaft ist, auch hier, nicht zu übersehen, einige von ihnen sprechen sich in der Doku auch direkt offen als Trump-Supporter aus. Die Anhänger der Manosphere sind der Meinung, es bedürfe eines neuen Männlichkeitsbildes, da Männer zu verweichlichen und sich vom Feminismus unterdrücken lassen zu scheinen. Dass Feminismus auch Männer befreien kann, steht in ihren Diskursen gar nicht erst zur Debatte.
In der Dokumentation taucht Louis Theroux in diese Sphäre ein, spricht mit insgesamt vier sehr bekannten Leitfiguren der Manosphere, auf deren sozialen Accounts sich bildliche Ameisenhaufen toxischer Männlichkeit tummeln. Immer wiederkehrende Bilder: große Muskeln, teuer aussehende Anzüge, die in noch teureren Autos sitzen, die zu riesigen Häusern fahren. Die Manosphere scheint ein neues Phänomen zu sein, doch sie ist nur die digitale Fortsetzung einer schon längst ausgebrochenen Bewegung von Männern. Unzählbar viele misogyne Aussagen äußern die von Theroux befragten Männer Harrison Sullivan – bekannt als HSTikkyTokky, Amrou Fudl – bekannt als Myron Gaines, Justin Waller und Sneako in den 90 Minuten geschnittenen Doku-Materials. In einem Videoausschnitt lautete eine Aussage von Myron Gaines: »I dictate when I put my dick in you«. Als Theroux ihn fragte, ob er sich als Misogynist bezeichnen würde, antwortete er nein, er liebe Frauen und er verstehe sie tatsächlich, deshalb wisse er auch, was für sie am besten sei. Eine Antwort, die klingt, als würde vielmehr ein Herrchen über sein Haustier sprechen, als ein Mann über seine Partnerin in einer Beziehung auf Augenhöhe. Wenn Frauen in der Doku gezeigt werden, wirken sie oft entweder schüchtern und trauen sich nicht viel zu sagen, und wenn doch werden sie – von den Männern – unterbrochen. Frauen-Verstehen scheint auch Justin Waller gemeistert zu haben, er führt mit seiner Frau eine sogenannte »one-sided monogomy«, er darf mit anderen Frauen (sexuell) interagieren, sie mit anderen Männern nicht. »Women don’t wanna sleep with other men when they love a man«, erklärt er ganz selbstverständlich, »[…] they are looking for husbands to have families«. Diese traditionellen Rollenbilder erstrebt die Manosphere zurückzuerobern.
»Females don’t have independent thoughts. They don’t come up with anything. They’re just empty vases waiting for someone else to install the programming«, sagte Andrew Tate, einer der berühmtesten und gleichzeitig kontroversesten Männer der Sphäre – und immer noch beteuern alle »I love women!«. Doch je tiefer man in die Manosphere eindringt, diese Inhalte rezipiert, die Kommentare liest, umso deutlicher wird jedes »Wir lieben Frauen, deshalb wollen wir sie doch nur beschützen!« nur ein verschleiertes »Wir wollen Frauen kontrollieren«.
Um das zu schaffen, gibt es in der Manosphere eine symbolische Medizin, die »Red Pill«. Analog zum Film »Matrix« steht auch in der Manosphere die rote – oppositionell zur blauen Pille – für das Erwachen und Erkennen der gegenwärtigen Realität – nämlich der, dass der Feminismus die Gesellschaft manipuliert. Männer seien tatsächlich in einer Matrix gefangen, die so konstruiert sei, dass Männer zum Scheitern verurteilt seien und nur die Red Pill könne dabei helfen, dem zu entkommen. Immer wieder treffen sie Fans, wenn Theroux mit den genannten Männern draußen unterwegs ist. Die Fans sind ausschließlich junge Männer. Sie bitten ihre Idole um Selfies und bedanken sich bei ihnen, für den Weg, auf den sie sie gebracht hätten. Wie es häufig die Ursache in rechtspopulistischen Kontexten ist, mag es auch hier so sein, dass viele, besonders junge Männer, sich in der Männlichkeitsfrage verloren fühlen und durch die Manosphere zwar eine fragwürdige, aber eindeutige Antwort erhalten. Auch Louis Theroux spricht in der Doku die Problematik an, dass für junge Menschen die Inhalte, die verbreitet werden, aufgrund mangelndes Einschätzungsvermögens nicht geeignet seien. Es ist nicht so, dass die Content-Creator, die eine große Followerschaft haben, sich ihrem Einfluss nicht bewusst sind, im Gegenteil: je mehr Leute zusehen, desto besser. Harrison Sullivan antwortet auf Theroux’s Frage »Why not try to be a good person?« nur: »If I’d done just good things I would never have really blown up on social media in the first place«. Extreme Inhalte bringen viele Clicks und viele Clicks bringen Geld. Geht es aber in der Manosphere tatsächlich nur um Geld? Um das Kommerzialisieren und Ausnutzen von Schwachstellen eines männlichen Publikums? Oder geht es um Macht? Und wenn ja, warum ist das alles notwendig, um sich wie ein »richtiger Mann« zu fühlen?
»Warum« ist in dieser Welt kein leicht zu beantwortendes. Louis Theroux versucht zu verstehen, was diese Männer dazu antreibt, ihre extremistischen Botschaften im Internet zu verbreiten, und befragt sie zu ihrer Kindheit. Natürlich zeigen sich Muster: Sullivan wurde von seiner Mutter allein erzogen, der Vater abwesend. Justin Waller wuchs in ärmlicheren Verhältnissen mit Gewalt durch die Eltern auf. Er und sein Bruder seien fast in Obhut genommen worden, erzählte er Theroux, während sie in Wallers Lamborghini an dem Trailerpark in Louisiana vorbeifahren, in dem er als Kind lebte. Es ist bekannt, dass Kindheitsverhältnisse das spätere Leben prägen, aber was ist mit all den anderen Männern, die sich in der Sphäre befinden?
Als der Abspann der Doku läuft, frage ich mich wieder einmal, wie es passieren konnte, dass so viele Männer sich derart unsicher fühlen, dass sich ein so großer Teil von ihnen sogar generationenübergreifend in die Manosphere flüchtet. Theroux’s Worte am Ende hallen in meinem Kopf nach: »We’re all inside the manosphere and it’s up to us how we get out.«
Manosphere Collage © Esther Nußstein

