von Esther Nußstein
Am Mittwoch, den 25. März hat Stefan Tiefel seine Vernissage im W1, er ist Künstler und Kunststudent an der Universität Regensburg. »Flimmern« zeigt insgesamt 11 Malereien, eine Plastik und es gibt fünf physische Versionen von Stefans Sketchbooks, von denen er auch Seiten, die ihm besonders gefallen, an die Wand projiziert.
Nach einer kurzen, herzlichen Ansprache von Stefan gehen wir die Holztreppe des W1 hoch, Stefan öffnet die Tür, alle treten ein, und ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll mit Betrachten. Stefans Werke strahlen genau das aus, was er mir in einem Gespräch vorab erzählt hat: »Man kann das Malen mit nichts anderem vergleichen, weil man schafft sein eigenes Bild, seine eigene Welt, es stecken so viele Gedanken und Emotionen darin, die immer wieder in mir herumschwirren«. Die Welten, vor denen ich in der Galerie stehe sind bunt, vielfältig, wimmelbildartig. Eines meiner Lieblingsbilder, das eine ganz besondere Wirkung hat, heißt »The risk of being alive«. Es scheint, als ob nicht nur eine Welt, sondern zahlreiche Welten auf der Leinwand stattfinden, verschwimmen, in ihren Bann ziehen. »The risk of being alive is the fear of getting hurt but the reward is love«, steht in versteckten Buchstaben mit in dem Kunstwerk. Ich beobachte, wie manche Besucher die Schrift bemerken, manche nicht, manche erst nach langem Betrachten des Bildes. »Ich will, dass man meine Bilder anschaut, und dass man ganz oft draufschauen kann und immer wieder was neues entdeckt« , erzählte Stefan mir, genauso äußert sich sein Wunsch bei der Ausstellung; immer wieder wandern Menschen von Bild zu Bild, bleiben lange stehen, deuten auf Pinselstriche und Figuren und überlegen, was sie sehen. Wenn man ganz nah vor einem Bild steht, sieht man Farben, ein Stück zurück und man sieht Pinselstriche, noch ein Stück Welten, noch ein bisschen; Galaxien. Fantasien, Emotionen, Grenzen, die überschritten werden und Wunderbarem, was dadurch entsteht.
Je mehr man sich umschaut, und je mehr man sich in die Bilder vertieft, umso mehr fällt vielleicht auf, dass Stefans Bilder nicht immer zum Verstehen gedacht sind, es geht nicht per se um das, was abgebildet ist – sie sind zum Genießen, zum Akzeptieren dessen, was man sieht, ohne den Drang zu verspüren, ihm eine Bedeutung aufzwingen zu müssen. Es spiegelt das wieder, was Stefan schon erkannt hat: »Wenn man akzeptiert was auch immer da ist, kann man es zu seinem Vorteil nutzen, weil es am Ende sowieso so rauskommen wird – was das einfach ich bin«. Für ihn sei Kunst, dass man die Eigenheiten, mit denen man auch selbstkritisch sei, nutze und das, was schon da sei, kanalisiere. Mit dem Malen verarbeitet Stefan, er lässt sich fallen, es beruhigt ihn. »Ich wollte, dass meine Bilder heilend sind. Für mich selbst, in erster Linie, ich verbringe auch die meiste Zeit im Leben mit mir selbst – logischerweise, das machen wir alle – und wenn ich male, hat das auch eine therapeutische Qualität für mich. Wenn davon nur ein kleines bisschen rauskommt, so ein Flimmern, von dem, was es mir gibt, dann freut mich das schon.«
Durch das in sich Aufnehmen seiner Werke heilt man nicht nur, man lernt man auch viel über ihn selbst: Der wimmelartige Stil hat beispielsweise seinen Ursprung in Stefans Kindheit: «Ich war zwar inspiriert von Kinderbüchern, aber ich wollte immer mein eigenes Ding machen, ich wollte immer erschaffen.», es machte ihn glücklich in sich zu gehen, wo er sich all diese Welten und Wesen vorgestellt hatte. Stefan erschafft nicht nur neue Welten, er dokumentiert auch die, in der wir leben, besonders in seinen Sketchbooks. Sie bieten einen Einblick in sein Schaffen, zeichnen auf was er erlebt und was ihn bewegt, seine Sketchbooks hat er immer dabei, ob auf Reisen oder im Bus. Sie markieren den Anfang seines täglichen Malens, erzählte er mir, wie ein Schwellenübertritt. Beim Durchblättern eines Sketchbooks höre ich eine Frau, die die Seite mit einem Bild eines Jungen hochhält, sagen: »Na, erkennst du den?«. »Ah, den hat er an meinem Geburtstag gemalt!«, antwortet eine andere lächelnd. Stefan hält tatsächlich seinen Alltag fest, auf die schönst mögliche Weise. Das fünfte und aktuelle Sketchbook ist noch zur Hälfte leer, es gibt viel was noch kommt, viel zu erleben, viel zum Seiten füllen.
Dass Stefan Talent mitbringt, zeigt sich in den vielfältigen Abbildungen diverser Dinge und Personen, und Stilrichtungen, die er auf seine Leinwände bringt, so enthält das Werk »Begegnung« beispielsweise sogar meta-künstlerisch die Figuren aus »Der Kuss« von Gustav Klimt. Wie viel Talent steckt aber überhaupt in Kunst, fragte ich Stefan bei unserem Gespräch. »Alles, was du erreichen willst, wenn du genug Zeit und Aufwand und Herzblut reinsteckst, wird dir auch gelingen. Es wird natürlich ein bisschen brauchen und es wird auch nicht einfach sein und die Herausforderung des Lebens ist da, aber ich male nicht, um irgendwo anzukommen, sondern weil es mir Spaß macht. Je mehr ich den Anteil, der sich Sorgen macht abschalten kann, desto mehr Erfolg habe ich und kann das Talent, dass ich teils angeboren bekommen habe und mir teils antrainiert habe, nutzen. Ein Spruch, der mir gefällt lautet: Ego equals effort – wenn etwas so aufwändig ist, dass du dich dafür quälen musst, ist es wahrscheinlich nicht der richtige Ansatz. Alle Sachen, vor allem in der Kunst, kommen von selbst, sie sind einfach da, wenn man lernt sie zuzulassen, wenn man nicht so selbstkritisch ist.«
Als ich gerade Sketchbook Nummer drei betrachte, tritt eine Freundin neben mich und fragt mich, ob ich kurz alleine klarkomme, und ich nicke; beim Anblick von Stefans Bildern fühle ich mich gut aufgehoben.
© Esther Nußstein


Ich bin kurz eingetaucht in Stefans Welt und habe Lust auf seine Ausstellung bekommen. Vielen Dank für diesen inspirierenden Text, der mich voll und ganz abgeholt hat.