»Female Gaze Loading…« – filmische Kunstwerke zum feministischen Kampftag

»Female Gaze Loading…« – filmische Kunstwerke zum feministischen Kampftag

von Esther Nußstein

Als Clara Zetkin sich Anfang des 20. Jahrhunderts als Teil einer Arbeiterinnenbewegung für Frauenrechte und Gleichberechtigung einsetzte, wusste sie vermutlich noch nicht, dass jetzt, 116 Jahre später, nicht nur mitunter deshalb ein Weltfrauentag existiert, sondern auch, dass es immer noch so viel gibt wofür – oder eher wogegen – Frauen zu kämpfen haben. An diesem bedeutenden Tag demonstrieren überall auf der Welt Frauen für ihre Rechte, gegen Gewalt gegen Frauen, und immer noch bestehende Ungleichheiten. Deshalb wird der Tag neben »Weltfrauentag« auch feministischer Kampftag genannt.

Das internationale Kurzfilmfestival in Regensburg leistet seinen Beitrag zu diesem Aufruf in Form eines Programmtages unter dem Titel »Female Gaze Loading…« an diesem 8. März, der Kinosaal des Ostentorkinos ist komplett gefüllt. In sieben Geschichten aus weiblich und feministischer Perspektive auf den weiblichen Körper wird Kritik am sozialen Konstrukt des Frauenkörpers – wie die patriarchale Gesellschaft es errichtet hat – geübt.

»Mango« von Joan Iyiola eröffnet die Filmreihe und erzählt von der Geschichte einer schwarzen Frau namens Zadie, die unter Myomen zu leiden hat, gutartigen Muskelknoten der Gebärmutter, die zu starken Blutungen, Schmerzen und dem Empfinden führen, dass ihr Körper unaufhaltsam größer wird. Body-Horror mit Filmbildern, die an ‚Carrie‘ erinnern, nicht zufällig ein weißer männlicher Arzt, der Zadie trotz ihrer geäußerten, starken Beschwerden immer wieder nur mit einem künstlich-lächelnden »you’ll be fine« abwürgt, ein lauter Schrei von Zadie, bevor der Screen schwarz wird. Zadie leidet alleine, ohne, dass ihr Umfeld viel davon weiß. Der Film geht nicht nur auf die Problematik der Doppelbelastung einer schwarzen Frau ein, er drückt die Wut und den Schmerz darüber aus, dass Frauen besonders in medizinischen Kontexten häufig nicht ernst genommen, ihre Symptome abgetan werden.

Ebenfalls mit einer medizinischen Problematik beschäftigt sich der Dokumentarfilm »The Wonder Within« von Nina Jeanne Landau. Das Citizen-Science-Projekt Isala an der Universität Antwerpen widmet sich dem »forgotten organ«, der Vagina, wie es im Film heißt. Es wird erforscht, welche Mikroorganismen sich in der Vagina befinden, und was ihre Aufgaben dort sind. Die 10 verschiedenen, gefundenen Bakterien werden erklärt, während 10 Synchronschwimmerinnen auf dem Screen performen. Auf bildlicher Ebene erreicht der Film eine dokumentarisch-untypisch angenehme Ästhetik, gibt sich viel Mühe mit einer guten Variation aus Schnitten aus Interviews mit den Teilnehmerinnen, Mikroskop-Einblicken, und Arbeit mit Testproben in Kombination mit Stimmen aus dem Off einen guten Überblick in diese  Pionierarbeit zu geben – erfolgreich.

Camila Kater gibt in ihrem animierten Film »Flesh« fünf Frauen eine Stimme, sie erzählen über ihre Beziehungen zu ihrem Körper in fünf Kapiteln, Kapitel mit den Namen der Garstufen von Fleisch. Mit ersten Jugenderfahrungen einer Frau, das erste Mal Menstruieren, das erste Mal körperliche Veränderung zu spüren bis zur Menopause und welche Gefühle sie Frauen spüren lässt, setzt »Flesh« ein Zeichen: Fleisch ist nicht gleich Körper – Frau ist nicht gleich Fleisch. Der Frauenkörper sei nur auf seine Nutzfunktion reduziert, sobald er keine Kinder mehr bekommen kann, werde er als wertlos abgestempelt, teilt eine Frau im Film. Männer hätten Frauen als Tiere gesehen, die bluten, ohne zu sterben, erzählte eine andere. Die große männliche Angst und teilweise sogar Ekel vor dem weiblichen Periodenblut – wo es doch das einzige Blut ist, das nicht durch Gewalt vergossen wird.

Franziska Beck und Casey Raabe erzählen mit »Ex Uteri« als Uraufführung in Regensburg von der Frau Isolde, die unter schmerzvoller Endometriose leidet und deshalb durch einen illegalen Eingriff in einer Untergrundklinik ihren Uterus entfernen lässt. Die Regisseurinnen und Produzentinnen entschieden sich für einen Mixed-Media Film  mit surrealen Elementen, innere Welten ließen sich digital gut darstellen, beantworteten sie bei der dem Film angeschlossenen Fragerunde. Der Uterus, der Isolde im Film entnommen wird, ist selbstgebastelt, plastisch, um die Scheu davor zu nehmen. »Mit einem Traum und Kleber kann man viel erreichen«, erklärt eine der am Film beteiligten.

Maria Teixeira, ebenfalls an diesem Tag anwesend, stellte ihren Film »Inside me« vor, in dem eine junge Frau von ihrer Abtreibung spricht. In schwarz-weiß gezeichneter Animation mit Voiceover vermittelt der Film gekonnt die Schwere der Entscheidung eines Schwangerschaftsabbruches und die Schuldgefühle (die auch die Gesellschaft einer Frau dafür aufdrängt). Nicht schwarz-weiß sei jedoch die Debatte um und über Abtreibung, wie die Regisseurin dem Publikum mitteilt, es gebe kein okay-oder-nichtokay bei einem komplexen Thema wie diesem. Fakt ist, dass Maria Teixeiras Film ein nachdenkliches Gefühl hinterlässt und Frauen, die schon einmal eine Abtreibung erlebt haben, eine Stimme gibt und vielleicht auch Trost spendet, mit dem Wissen, nicht alleine zu sein.

Der an der HFF entstandene Film »I love my #hairlegs« unter der Regie von Camille Tricaud, Charlotte Funke und Mila Zhluktenko schafft es in nur 2 Minuten Behaarung auf weiblichen Beinen zu zelebrieren, circa 10 Beinmodels haben an diesem Film mitgewirkt. Die Stärke von »I love my #hairlegs« liegt in seinem Humor – die Werbeoptik und -Ästhetik mache das Thema zugänglicher, freier. Der Film ermutigt Frauen, alle durch patriarchale Schönheitsideale entstandene Scham ad acta zu legen und ihrer natürlichen Behaarung nicht nur auf dem Kopf freien Lauf zu lassen. »Ich habe jetzt auch Beinhaare!«, verkündet Mila Zhluktenko stolz auf der Bühne, nachdem der Film gezeigt wurde, und alle Frauen im Publikum applaudieren ihr. Ein Hoch auf unsere Beinhaare!

Über den lautesten Jubel und Applaus aus dem Publikum durfte sich »Breaking it all«, »Tout casser« im Originaltitel, freuen. Das Versprechen des Titels wird mehr als erfüllt und bringt gleichzeitig großen Spaß am Schauen, als eine zusammengefundene Gruppe aus Frauen, die alle bereits negative, übergriffige Erfahrungen mit Männern machen mussten, bei einem Vergewaltiger einbrechen und seine Wohnung mit Wut und Hämmern verwüsten. Sehr viele Themen wie Slutshaming und Belästigung von Frauen im öffentlichen Raum, werden in »Tout casser« behandelt, zu denen alle Frauen im Saal Bezug fanden, was sich an Seufzern, verzogenen Gesichtern und auch Tränen bemerkbar machte. Die Misere in diesem Film findet sich in der Realität, dass Vergewaltigungsprozesse vor Gericht aufgrund mangelnder Beweise oft eingestellt werden, den Taten keine Konsequenzen folgen, die betroffenen Frauen – die geschlechtsspezifische Markierung ist hier bewusst gewählt – bleiben zurück. Die Hoffnung in diesem Film findet sich im Gefühl der Gemeinschaft und der Kraft durch Frauenfreundschaften. Bevor die Frauen die Wohnung des Täters verlassen sieht ihm eine noch in die Augen und sagt: »We don’t forget.«

Wir, als Frauen, sind eins. Wir sind hier, und, wir sind laut.


Kurzfilmfestival Regensburg Kino © Aaliyah Meier

Comments

No comments yet. Why don’t you start the discussion?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert