»Das Patriarchat im Uterus«: Lesung und Gespräch mit Dr. med. Alicia Baier und Dr. med. Margit Kollmer

Lesung Patrichat im Uterus
Schwangerschaftsabbrüche sind ein polarisierendes Thema, bei dem sich die Geister häufig scheiden. Es gibt verschiedene Perspektiven, die allerdings oft durch Fehlinformationen und Halbwissen konstituiert werden. In ihrem neuen Buch hat Dr. med. Alicia Baier alle Fakten zusammengetragen und ermöglicht so einen verständlichen Überblick über die momentane wissenschaftliche, rechtliche und soziale Lage. Im Gespräch mit Eva-Maria Meier, Dr. Katharina Asen-Molz und Dr. med. Margit Kollmer wurden die zentralen Aussagen des Buches aufgeschlüsselt.

von Amelie Steinwagner und Katharina Grantner

Der Saal des Ostentorkinos ist rappelvoll am Freitag, den 13. Februar. Als das Licht um 19 Uhr gedimmt wird, stellt sich eine Reihe von Organisatoren und Unterstützern vor, die an der Realisierung der Veranstaltung beteiligt waren. Die Lesung wurde von ProFamilia Niederbayern/Oberpfalz ins Leben gerufen, die Organisation wird unterstützt durch die PIAs (ProFamilia in Action) und Medical Students for Choice. Die Buchhandlung Dombrowsky ist ebenfalls mit einem Bücherstand vertreten, an dem das Publikum nach Ende der Veranstaltung eine eigene Ausgabe des besprochenen Buches erstehen kann. Moderiert wurde das Gespräch von Eva-Maria Meier (Vorsitzende von ProFamilia Niederbayern-Oberpfalz) und Dr. Katharina Asen-Molz (Mitglied bei ProFamilia).

Die Entstehungsgeschichte des Buches

Dr. med. Alicia Baier ist selbst Gynäkologin und die Gründerin der ersten Medical Students for Choice. Seit ihrer Studienzeit engagiert sie sich für reproduktive Rechte und eine bessere Aufklärung und Ausbildung für Ärzt:innen.

Baier erzählt, dass sie sich ein solch großes Projekt lange Zeit nicht zugetraut habe. Trotz ihrer langfristigen aktivistischen Arbeit und ihrem weitreichenden Engagement musste sie von ihrer Chefin animiert werden, um diese Chance zu ergreifen. Die Netzwerke und das dazugehörige Wissen existierten bereits lange vorher und wurden lediglich zusammengetragen und wie verschiedene Puzzleteile in diesem Buch »Das Patriarchat im Uterus« zusammengesteckt. Es wurde erstmals 2025 veröffentlicht.

Das 101 zu Schwangerschaftsabbrüchen

Die im Volksmund unter »Abtreibungen« bekannten Eingriffe gehörten zu den einzigen medizinischen Eingriffen, die im deutschen Strafgesetzbuch stehen, erklärt Baier. Es gebe Instanzen, bei denen ein Schwangerschaftsabbruch erleichtert werde, beispielsweise im Falle einer Vergewaltigung oder sollte eine medizinische Not bestehen. Einzig und allein der Wille und die Entscheidung zu einer Beendigung der Schwangerschaft sei aus staatlicher Sicht kein triftiger Grund und werde offen missbilligt.

Eine Schwangerschaftsbeendigung unter »normalen« Umständen sei bis zur zwölften Schwangerschaftswoche möglich. Zuvor werde eine Pflichtberatung für die Schwangere anberaumt, die wahrgenommen werden müsse, bevor der tatsächliche Abbruch eingeleitet werden könne. Ebenso gebe es eine verpflichtende, einwöchige Bedenkzeit, in der die Entscheidung abgewogen werden solle. Laut Baier seien diese Pflichtberatungen alles andere als neutral. Sie dienten zur Umstimmung, zum Schutze des ungeborenen Lebens und seien nie im Sinne der Schwangeren. Es gehe um eine moralische Korrektur durch den Staat und eine daraus resultierende Fortführung der Schwangerschaft. Eine Pflichtberatung verzögere den Abbruch nur. Die meisten Menschen gingen bereits entschlossen in diese Gespräche.

Schwangerschaftsabbrüche dieser Art dürfen nicht von den Krankenkassen übernommen und nur von der Schwangeren selbst getragen werden. Ab einer gewissen Einkommensgrenze dürfe zwar eine Kostenübernahme beantragt werden, doch Baier verurteilt diese Maßnahme als sozial ungerecht gegenüber den Menschen, die nur ein wenig über dieser Grenze liegen und den Abbruch somit selbst zahlen müssten.

Baier fasst zusammen: Beratungen seien nicht grundlegend schlecht, müssten aber auf Freiwilligkeit beruhen. Gerade Frauen in prekären Lebenssituationen litten oft unter der großen Anzahl an Terminen und dem fehlenden staatlichen Glauben an ihre eigene Entscheidungsfähigkeit. Gleichzeitig wäre eine Kostenübernahme der Eingriffe durch die Krankenkassen wünschenswert – dies würde allerdings erst durch eine Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen zukünftig möglich sein.

Das hausärztliche Gegenstück

Dr. med. Margit Kollmer zeigt eine neue Perspektive auf. Im Gegensatz zu Alicia Baier begann ihr Engagement im Bereich reproduktive Rechte vor vier Jahren. Sie betreibt eine Hausarztpraxis in Niederbayern und führt dort medikamentöse Abbrüche durch. Kollmer betont die große Bedeutung von Hausärzt:innen, wenn es um den erleichterten Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen gehe. Sie zitiert das irische Beispiel; das erweiterte Angebot durch Hausarztpraxen dort führte zu einer besseren Versorgungslage. Auch in Deutschland könne das funktionieren. Leider gebe es immer noch zu wenige Angebote. Kollmer erzählt, dass ihre Praxis die riesige Nachfrage nicht stemmen könne. Wichtig sei nun, weitere Ärzt:innen zu animieren und weiterzubilden.

Das Forum Hausärztinnen bietet eine entsprechende Weiterbildung an. Allgemeinmediziner:innen könnten und sollten Abbrüche durchführen, allerdings sei die Erwerbung der nötigen Lizenzen und des Wissens ein individueller Prozess. Es gebe keinen Leitfaden, so Kollmer.

Laut Dr. Baier ist vor allem der Südwesten schlecht versorgt, was für längere Wartezeiten, weitere Fahrtwege und höhere Kosten sorgt – dafür gebe es keine Rechtfertigung außer schlicht politischem Unwillen. Doch wie kommt es überhaupt zu jenen gravierenden Engpässen, die Dr. Kollmer aufzufangen versucht? Dr. Baier zufolge spielt die Lehre – oder eher deren Fehlen – dabei eine große Rolle. Ob und wie Schwangerschaftsabbrüche gelehrt werden, hinge vor allem von dem oder der Lehrverantwortlichen ab. In der gynäkologischen Ausbildung sei lediglich theoretisches Wissen vorgesehen, praktische Kenntnisse könnten oft gar nicht erworben werden, wenn Träger oder Chefärzt:innen sich dagegenstellen. Stattdessen müssen Studierende selbst die Initiative ergreifen, wie die Medical Students for Choice, die etwa ein Wahlpflichtfach selbst organisiert haben.

Eine Glaubensfrage?

Was aber sind die Argumente, mit denen sich Abtreibungsgegner:innen so vehement gegen die wissenschaftliche Faktenlage stemmen? Häufig werde auf den christlichen Glauben verwiesen, um Schwangerschaftsabbrüche zu verteufeln, erklärt Dr. Baier. So betitelte Papst Franziskus Schwangerschaftsabbrüche als »Auftragsmord«. Doch wenn man schon ein mehrere tausend Jahre altes Buch als Richtlinie für die heutige Zeit heranziehen möchte, so Dr. Baier, werde man lediglich an einer Stelle fündig. Im Buch Exodus werde das Thema angeschnitten: Wenn zwei Männer sich prügeln, so heißt es dort, und dabei eine schwangere Frau verletzt wird, so handelt es sich nur dann um einen Mord, wenn die Frau selbst ums Leben kommt; verliert sie ihr ungeborenes Kind, so wird dies mit einer Geldstrafe geahndet. Demnach ist laut der Bibel klar: ein Mensch ist ein Mensch, sobald er geboren wurde. Weiter erklärt Dr. Baier, dass der schrittweise beseelte Embryo, ein Konzept von Aristoteles, erst viel später christlich umgedeutet worden sei und besage, dass man ab einem bestimmten Punkt in der Schwangerschaft eine Seele habe und demnach ein Mensch sei. Selbst die katholische Kirche habe also lange eine recht liberale Fristenlösung vertreten, ähnlich zu heute. Erst 1869 habe Papst Pius IX. schon die befruchtete Eizelle zu einem Leben erklärt, und somit jede Abtreibung, egal zu welchem Zeitpunkt, zum Mord. Dies stelle zum einen eine körperliche Entmündigung der Schwangeren dar, zum anderen gelte in Deutschland ja eigentlich eine säkulare, also nicht von Religion bestimmte Gesetzgebung.

Regensburg als Negativbeispiel

In Regensburg gebe es eine besonders gut vernetzte und finanzstarke Anti-Abtreibungs-Lobby, vertreten durch Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, Bischof Rudolf Voderholzer und Prof. Dr. Angela Köninger, die einen Lehrstuhl an der Universität innehat sowie Direktorin und Chefärztin der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe ist. Auch sie berufen sich auf den katholischen Glauben. Zudem gebe es in Regensburg drei große Kliniken, von denen jedoch keine den Eingriff durchführe. Noch dazu sei die sogenannte Gehsteigbelästigung, also das Bedrängen von Menschen vor medizinischen Einrichtungen oder Beratungsstellen, zwar gesetzlich verboten, in Regensburg aber sei die Gebetswache weiterhin straffrei. Die Stadt steht dabei emblematisch für allgemeine Missstände – Länder kommen ihrer Pflicht zur Sicherung der Versorgungslage nicht nach, Gesetze werden nicht ausreichend durchgesetzt, Machtgefälle und Lobbyismus blockieren Fortschritte.

Wie kann es weitergehen?

Angesichts all dieser Tatsachen stellt sich natürlich die Frage: gibt es überhaupt positive Entwicklungen zu verzeichnen? Dr. Baier weiß: ja, die gibt es! Zum einen die Abschaffung von Paragraph 219a; über 218 werde zumindest diskutiert. In Europa entwickelten sich zudem viele Länder weiter. So habe etwa Frankreich 2024 das Abtreibungsgesetz in die Verfassung aufgenommen. Laut Dr. Kollmer gibt es zudem in Niederbayern zwei weitere Praxen, die Abbrüche vornehmen. Obwohl diese Fortschritte langsam erfolgten, beweisen sie doch: feministische Prozesse sind wirksam. Die beiden Ärztinnen betonen aber auch die Verantwortung des und der Einzelnen. 80% der Deutschen wünschten sich entkriminalisierte Abbrüche. Dr. Kollmer empfiehlt, sich direkt an den oder die örtliche:n Bundestagsabgeordnete:n zu wenden. Dr. Baier stellt klar: Abtreibung ist kein »Frauenthema« – es brauche mehr progressive feministische männliche Stimmen.

Bei all der Verzweiflung und Wut, die der Abend mitunter auslöste, keimt nun doch ein wenig Hoffnung auf. Wenn auch schleppend – wir bewegen uns in die richtige Richtung.  Das Engagement und Herzblut der Veranstalter:innen und Gäst:innen zeigen: wir alle können Teil der Lösung sein.


Titelbild©Amelie Steinwagner

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