Weltweit existieren vielfältige alternative Vorstellungen von Geschlecht, die sich deutlich von der binären Ordnung von Mann und Frau unterscheiden. Besonders in zahlreichen indigenen Kulturen Lateinamerikas finden sich Geschlechterkonzepte, die weit über dieses westlich und christlich geprägte Modell hinausgehen.
von Vicky von Huth
»Früher gab es das nicht, das ist doch dieser neue Trend« – solche Aussagen müssen sich transgeschlechtliche Menschen bis heute anhören. Dabei wird vergessen, dass alternative Geschlechterordnungen in zahlreichen Kulturen und Epochen der Menschheitsgeschichte existiert haben und im Gegensatz zum eurozentrischen Zwei-Geschlechter-Modell stehen. Begriffe wie queer, genderfluid oder non-binary sind zwar sprachlich modern, doch die dahinterstehenden Identitäten sind keineswegs neue Phänomene. Gerade in Lateinamerika zeigt sich, wie die europäische Kolonisation und die damit verbundene Missionierung durch christliche Moralvorstellungen zur systematischen Unterdrückung indigener Konzepte von Geschlecht und Identität führten. Einige vorkoloniale Gesellschaften kannten mehr als zwei Geschlechter oder verstanden Geschlecht als fluides und spirituelles Prinzip. Diese Vorstellungen standen jedoch im Widerspruch zum dualistischen Geschlechtermodell des Christentums, das strikt zwischen Mann und Frau unterscheidet und infolgedessen rückten indigene Geschlechterrollen in den Hintergrund – ein Prozess, dessen Auswirkungen bis heute nachwirken.
Muxes – eine kulturell und sozial geprägte Identität
Das binäre Geschlechtermodell wird im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca durchbrochen: Die Muxes berufen sich auf die kulturellen Traditionen ihres ursprünglichen Volkes und verkörpern eine alternative Geschlechtsidentität, die weder männlich noch weiblich ist. Dieses Konzept reiht sich neben den binären Geschlechtern ein. Sie sind in der Region des Isthmus von Tehuantepec verbreitet, besonders jedoch in der Stadt Juchitán de Zaragoza, wo sie stark im öffentlichen Leben präsent sind. Ein häufig sichtbares Merkmal ist das Tragen folkloristischer, traditionell weiblich konnotierter Kleidung.
Dennoch existiert keine einheitliche Art, Muxe zu sein: Nicht alle Muxes kleiden sich gleich oder erfüllen dieselben sozialen Rollen. Die Ursprünge dieser Geschlechtsidentität liegen in der zapotekischen Kultur, auch wenn ihre genaue historische Entstehung unklar ist. Muxes besitzen eine tiefe Verbindung zu ihrer Kultur und nehmen aktiv am sozialen und kulturellen Leben ihrer Gemeinden teil. Trotz der kulturellen Verwurzelung sind Muxes heutzutage Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt. Dies könnte mit der zunehmenden kulturellen Durchmischung zusammenhängen. Viele Gemeinden sind nicht mehr rein zapotekisch geprägt, sondern setzen sich aus verschiedenen ethnischen Gruppen und religiösen Traditionen zusammen, darunter auch nicht-indigene Bevölkerungsgruppen und christliche Gemeinschaften.
Machis – ein rituelles, fluides und spirituelles Konzept
Bei den Mapuche, einem indigenen Volk, das vor allem in Chile und Teilen Argentiniens lebt, existiert die Rolle der Machi, die ein sogenanntes Co‑gender verkörpert. Mit diesem Begriff wird ein Geschlechterkonzept beschrieben, das sich nicht in die eurozentrischen Kategorien einordnen lässt: Eine Person vereint gleichzeitig männliche und weibliche Geschlechtsmerkmale, -rollen oder -energien. Machis werden daher nicht als ein »drittes Geschlecht«, anders als Muxes, neben männlich und weiblich verstanden, sondern als eine Identität, die beide Energien in sich kombiniert und somit über der Geschlechterordnung steht.
Machis gelten als religiöse Autoritäten und übernehmen die Rollen von Heilerinnen und Heilern oder Schamanen, da sie das kosmische Gleichgewicht der Mapuche aufrechterhalten können, dass auf einer dualistischen Weltsicht beruht. Diese verbindet gegensätzliche und zugleich komplementäre Konzepte wie Himmel und Erde oder Gut und Böse. Machis können zwischen der irdischen und der spirituellen Welt vermitteln und Heilung bewirken, indem sie männliche und weibliche Energien miteinander kombinieren und ausbalancieren. Das Geschlecht der Machi wird somit durch Spiritualität definiert, da gerade diese Geschlechterfluidität ihnen die Fähigkeit verleiht, mit der spirituellen Sphäre zu interagieren.
Ein vielseitiges Verständnis von Geschlecht
Diese beiden Beispiele verdeutlichen bereits, wie vielfältig und zugleich widersprüchlich unterschiedliche kulturelle Modelle von Geschlecht sein können. Zugleich zeigen sie auch, wie fluid und individuell Geschlechtsidentität ist und dass es nicht den einen Weg gibt, die eigene Identität zu leben.
Weltweit existieren zahlreiche weitere kulturelle Geschlechterkonzepte, wie etwa die Hijra in Indien oder die Kathoey in Thailand, die sich deutlich von der eurozentrischen und christlich geprägten Vorstellung einer naturgegebenen Zweigeschlechtlichkeit unterscheiden. Das im Westen verbreitete binäre Geschlechtersystem ist daher keineswegs universell. Vielmehr gibt es eine weitaus größere Bandbreite an Identitäten, als vielen Menschen bewusst ist. Die fließenden Geschlechtervorstellungen indigener Kulturen können dabei als Impuls verstanden werden, sich von einer starren binären Geschlechtertrennung zu lösen und die eigene Identität nicht auf wenige Kategorien zu reduzieren.
Titelbild © Vicky von Huth
Quellen:
https://nhm.org/stories/beyond-gender-indigenous-perspectives-mapuche

