Lucidity: Zwischen Musik und Wissenschaft

Lucidity: Zwischen Musik und Wissenschaft
Das Theater Regensburg zeigt erneut eine Oper von Laura Kaminsky

von Anne Nothtroff

Sie ist eine politische Komponistin, die mit Traditionen brechen will. Dafür interpretiert sie Oper neu und bringt zeitgenössische Themen auf die Bühne. In der Spielzeit 2023/2024 war bereits ihre Oper »As One« im Theater am Haidplatz zu sehen. Die in New York lebende Komponistin Laura Kaminsky gilt als erfolgreichste zeitgenössische Opernkomponistin. Nun feierte »Lucidity« Premiere und europäische Erstaufführung im Regensburger Theater am Haidplatz. Begleitet wurde der Abend von Musiker:innen des Philharmonischen Orchesters Regensburg unter der Leitung von Tom Woods.

»Es gibt ein Ort im Gehirn, wo Musik lebt«

Die Musik ist ergreifend, die Scheinwerfer sind auf den Star des Abends gerichtet: Renate Behle, die mit über 80 Jahren die Protagonistin der Handlung verkörpert. »Wer sie nicht kennt, sollte sie googeln«, fordert Intendant und Regisseur Sebastian Ritschl das Publikum im Premierenvorgespräch auf. Behle stand bereits auf vielen der großen Opernbühnen der Welt, darunter an der Mailänder Scala, der Metropolitan Opera in New York und der Wiener Staatsoper. Im Theater am Haidplatz spielt und singt sie Lili, eine in pensionierte Opernsängerin, die an Demenz erkrankt ist. Ihr Adoptivsohn Dante (Davide Piva), kümmert sich um sie und hat dafür seine Karriere als Pianist zurückgestellt. Um den Verlust ihrer Erinnerungen aufzuhalten, nimmt Lili an einer wissenschaftlichen Studie teil, die untersucht, inwiefern Musik den Verlauf einer Demenzerkrankung verlangsamen kann. Geleitet wird diese Studie von Dr. Klugmann (Svitlana Slyvia), die nicht nur ihre Gesangskarriere zugunsten der Wissenschaft aufgegeben hat, sondern auch eine ehemalige Schülerin Lilis ist. Die Studentin Sunny (Scarlett Pulwey) soll für Lili Klarinette spielen.

Svitlana Slyvia & Renate Behle © Sylvain Guillot

Es folgen Momente des Erinnerns, in denen Lili ihr früheres Publikum vor sich sieht, ebenso wie Augenblicke des Gedächtnisverlusts. Die drei weiteren Bühnenfiguren ringen mit den Opfern, die sie in ihrem Leben erbracht haben, um den Weg zu gehen, auf dem sie sich nun befinden. Das Publikum erfährt: Jede:r Protagonist:in trägt Unklarheiten in sich. Durch Konfrontationen innerhalb der Handlung werden Verbindungen zwischen den Figuren sichtbar, und verborgene Geheimnisse kommen ans Licht. So erklärt sich auch der Titel der Oper, »Lucidity« steht für Licht und Klarheit.

In einer der Schlüsselszenen stehen Lili und Dr. Klugmann einander gegenüber und singen davon, dass sie auf unterschiedlichen Inseln stehen – Sinnbild für ihre unterschiedlichen Lebensentscheidungen zwischen Musik und Naturwissenschaft – und einander über das Meer hinweg zurufen. Die Pointe: Naturwissenschaft und Musik sind eins. Eine recht schwammige Schlussfolgerung, die sicherlich nicht von allen Zuschauer:innen bejaht wird.

Danach verdunkelt sich die Bühne, die Musik nimmt an Tempo zu: treibende Percussion, schnelle Geigenläufe und ein beißender Klarinettenton, der abrupt und bewusst abbricht. Die Oper endet mit derselben Bild- und Lichtkomposition, mit der sie begonnen hat. Die Scheinwerfe sind erneut auf Renate Behle gerichtet, deren Bühnenpräsenz der nur gelobt werden kann.

Gute Idee, verhaltene Wirkung

Die Idee, zeitgenössische Themen auf die Opernbühne zu bringen, ist grundsätzlich sehr zu begrüßen. Die Umsetzung wirkte insgesamt eher unkreativ: Die Bühne wurde nicht vollständig genutzt, Requisiten erschienen häufig eher im Bühnenbild abgestellt als dramaturgisch in die Handlung eingebunden. Obwohl die Charaktere zunächst stark miteinander verwoben erscheinen, fügen sich am Ende lediglich Lili und Dr. Klugmann schlüssig zusammen. Schließlich betrifft die zentrale Aussage, dass Musik und Wissenschaft eins seien, ausschließlich diese beiden Figuren. Auch die Lichtgestaltung blieb zurückhaltend und schöpfte das emotionale Potenzial der Szenen nicht aus. Dadurch verlor die Inszenierung insgesamt an Wirkung; die zentrale Pointe blieb flach, der Applaus wirkte verhalten. In der Summe blieb die Umsetzung hinter der inhaltlichen Idee zurück.

Die Premiere fand in Anwesenheit der Komponistin Laura Kaminsky und des Librettisten David Cote statt, die eigens aus New York angereist waren. Im Vorgespräch erklärten sie, dass die besten Opernkompositionen nur dann funktionieren, wenn Komposition und Libretto von Beginn an auf einer gemeinsamen erzählerischen Vision beruhen. Bei Kaminsky und Cote war dies der Fall, da beide persönliche Erfahrungen in den Entstehungsprozess einbrachten: Kaminsky verarbeitete die Demenzerkrankung ihres Vaters, Cote den Verlust seiner Frau durch eine Krebserkrankung. Diese emotionale Grundlage ist der Oper deutlich anzumerken.


Weitere Informationen zum Stück gibt es auf der Website des Theater Regensburg (Theater Regensburg – Lucidity

Die Vorstellung wurde mit Pressekarten besucht.  

Beitragsbild: Renate Behle © Sylvain Guillot

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