Unterwegs in Regensburg und an der Uni beobachten wir immer wieder ein Phänomen, das wir von Social Media kennen: den Performative Male. Erkennbar ist er für uns am selbstbewussten Gang, Vintage Klamotten, Silberschmuck, Ohrringen oder Piercing und weiter Hose. Gerne auch mit Freitag Tasche, Club Mate und Pueblo Tabak. Aber was steckt eigentlich hinter dem vermeintlich performativen Auftreten? Was ist ihre Selbsteinschätzung? Sind sie reflektiert? Um dem Ganzen auf die Spur zu gehen, begeben wir uns in ihr natürliches Habitat. Im PT-Gebäude, in der PLK und in der Couch werden wir fündig.
von Julia Reitmeyer und Charlotte Schmidt
Der Skater
Wir treffen ihn auf einem Techno-Event. Er hat lockige Haare, einen Schnauzer und trägt drinnen eine Mütze. Er sagt sein Lebensstil sei: »Ich lebe im Moment«. Ist er etwa ein Performative Male? »Nein, ich bin einfach Skater. Im Endeffekt hat man 1970 auch schon als Skater so Klamotten getragen und ich mach Musik und bin bunt und deswegen zieh ich das an, weil es mir gefällt.« In seiner Jugend hätte er sich aber auch schon mal Dunks gekauft und fand die dann schon ziemlich cool. Er kennt den Begriff Performative Male nicht, daher einigen wir uns auf »Poser«. Dass es davon so viele gibt, fände er »madig« und es »fuckt ab«. Vor allem in der DJ-Szene sieht er das als Problem. »Die Leute verkaufen sich auf Insta, weil sie cool aussehen und sich vielleicht ein bisschen auskennen, aber legen sehr schlecht auf.«
Für ihn ist Skaten und Auflegen eine Art von Kunst. Die Poser von den wahren Künstlern zu unterscheiden, falle ihm leicht, er könne überhaupt gut in Menschen reinschauen und sich ein Bild machen. »Ich finde, es kommt darauf an, wie lange man schon ein Künstler ist und ob man wirklich was drauf hat. Dann lebt man das ja auch.« Er findet: »Es muss irgendwie eine Grundlage an Talent geben und dann kann Style ein nices On-Top sein. Aber du kannst niemals deine Persönlichkeit um Style bauen.« Gleichzeitig denkt er, einen bestimmten Style müsse man schon haben. »Beim Skaten hat man ja viel Pop, wenig Pop, jeder skatet anders, aber Skaten zeichnet schon auch viel Style aus. Wenn du deine Tricks ausführst, siehst du automatisch mit einer breiten Hose cooler aus.« Und bei Musik? »Bei Musik muss man seine eigene Richtung machen, jeder legt verschieden auf. Ich zum Beispiel beschreibe oft mit Fingernägeln oder bunten Klamotten, wie mein Sound ist. Es ist alles ein bisschen funky.« Beide Welten verknüpft er mit seinem Style: »Ich skate mit dem Style und ich mache Musik mit dem Style.«
Also ist er jetzt ein Poser, ja oder nein? »Also ich würde sagen: Nein. Ich lebe Skaten und Auflegen einfach, es ist ein Teil von mir, ohne würde nicht gehen, dann geht es mir schlecht! Also verstell ich mich dabei nicht, habe meine Persönlichkeit gefunden und darf mich auch dementsprechend präsentieren wenn’s um Klamotten oder Internet geht.« Er hat einen Skate- und einen DJ-Account. Auf der Performative-Male-Skala (PMS) gibt er sich eine 0/10.
Der Musiker
Unser Gespräch findet in der Couch statt, er kommt mit Rennrad und Jutebeutel. Trotz 25 Grad Raumtemperatur lässt er seine Mütze auf. Wir fragen ihn nach dem Grund, er muss lachen: »Also meine Haare sind ein bisschen durcheinander, einerseits, und andererseits gehört es zum Outfit.« Er gibt sich eine 3,5 auf der PMS, weil er die Style-Ideale ganz cool fände, »aus einer modischen Sicht.« Außerdem räumt er ein, dass man durch diesen Style dazugehören, anerkannt werden und ein gutes Bild von sich präsentieren wolle. In diesem Aspekt unterscheide er sich nicht so sehr vom Performative Male. Wo er sich nicht sehe, sei, gewisse Dinge nur deswegen zu machen. »Zum Beispiel, wenn ich mich im Sommer an die Donau hocke und ein Buch lese. Dann mach ich es nicht, weil ich will, dass Leute mich dabei beobachten, sondern weil ich die Sonne genießen und lesen will.« War er trotzdem schonmal ein situativer Performative Male? »Doch, ja doch, doch. Zum Beispiel auf Dating-Apps. Da gibt es ja immer vier, fünf Bilder die man auswählen kann. Und dann habe ich zum Beispiel ein Bild genommen, wo ich Gitarre spiele. Und gewissermaßen könnte man das da drunter zählen.« Und wie war die Resonanz? Er lacht. »Also ich würde sagen, das Musikding hat schon funktioniert.«
Der Soft Performative Male
Mal wieder in der Couch, sitzen wir diesmal einem Performative-Male-Ersti gegenüber. Seinen Style beschreibt er folgendermaßen: »Schon viel Second Hand, Vintage, sonst aber eher viel Monochrom.« Und war er schonmal ein Performative Male? »Ich glaube ja, sicher schonmal ein bisschen. Ich hatte auch schonmal eine Mate in der Tasche.« Ein wahrer Performative Male ist seiner Meinung nach aber extremer. »So, als ob Du dich jetzt wirklich mit Franz Kafka ins Café setzt.« Könnte man also sagen, er sei ein Soft Performative Male? Er bejaht. Im Vergleich zu seinem früheren Style fühle er sich mit den performativen Elementen jedoch deutlich wohler. Und wenn man selbstbewusster sei, werde man auch anders wahrgenommen
Der Feminist
Das erste Mal sehen wir ihn in der PT-Bib. Er trägt eine Lederjacke, trotz Schnee, einen neon pinken Schal und zieht aus beiden Hosentaschen jeweils eine Mateflasche. Im Interview beschreibt er seinen Style als »angelehnt an was man grade trägt«, »bunt und trotzdem einfach« und »Second-Hand«, bzw. als den »PT-Style«. Von seinem Style geschlossen, würde man ihn als links einordnen, was auch stimme. Trotzdem würde er sich seine politische Einstellung »jetzt nicht aufs T-Shirt schreiben«. Performative Males definiert er folgendermaßen: „Dass man sehr darauf schaut, ein bestimmtes Bild rüberzubringen mit Fokus auf linken, feministischen, weltoffen Themen. Aber nicht wirklich mit Substanz dahinter.« Und ist er dann ein Performative Male? »Eigentlich nicht. Ich glaube, die Aspekte, die ich davon habe, sind nicht nur Show, sondern es steckt auch was dahinter.« Auf der PMS schätzt er sich selbst als 6/10 ein, vermutet aber, dass andere über ihn 8/10 sagen würden. Einige Dinge, die er von Haus aus mache, seien deckungsgleich mit der Idee eines Performative Males. Darunter zählen Mode oder lackierte Fingernägel. Zudem lese er gerne Klassiker und Weltliteratur, weil er den Anspruch habe, in dieser Richtung gebildet zu sein. Eine performative Situation fällt ihm trotzdem ein. »Ich glaube, das extremste Beispiel war mal, dass ich mir ein Reclam gekauft habe, das »Feminismus« hieß. Aber einfach nur, weil es mich wirklich interessiert hat. Die Entscheidung war zwischen Feminismus und Psychologie, weil mich beides interessiert und dann habe ich mich für das eine entschieden, auch weil es pink war und besser aussah als grau. Ich hab die erste Hälfte daheim gelesen, es dann immer mitgenommen und dann schon zwei, drei Wochen in meiner Hosentasche rumgetragen.« Und wie ist er dann mit seinem erworbenen feministischen Wissen umgegangen? Er glaube, er habe es nicht nach außen getragen, aber konnte besser in Mensadiskussionen und Gesprächen mit seiner Mama mitreden.
PT-PM
Wir sehen ihn täglich in der Bib, meistens mit Freitag-Tasche und Trenchcoat. Seinen Style beschreibt er als »das, was auch gerade angesagt ist, aber schon auch noch mit persönlichem Touch.« Und möchte er damit eine politische Message transportieren? »Also normalerweise achte ich nicht mega aktiv darauf. Aber heute habe ich zum Beispiel diesen Hoodie an, den ich mal mit Siebdruck gemacht habe.« Auf seinem Hoodie steht: »Kein Mensch ist illegal.« »Das oder der Schlüsselbund zeigen zum Beispiel schon eher eine linke Einstellung.«
Und ist er dann jetzt ein Performative Male? »Ich check schon, dass ich da ein bisschen reinpassen könnte, vom Äußeren her. Von der Intention würde ich eigentlich schon sagen, dass ich recht authentisch bin. Ist ein blödes Wort, aber alles, was ich trage und wie ich mich verhalte, mache ich, weil ich es mag.« Feministische Ansätze fände er gut, aber er sei »nicht so krass in dem Game drin.« »Also ich habe nie feministische Literatur gelesen oder so. Schleppe deswegen aber auch kein Buch mit mir rum.« Auf der PMS würde er sich eine 5/10 geben.
Als seine performativsten Handlungen sieht er die Darstellungen seiner Reisen auf Instagram und seine lackierten Fingernägel. Zu den Fingernägeln räumt er jedoch ein, er mache das auch eigentlich schon lange und meistens nur mit Mustern. »Und ich mache das, weil ich keine Tattoos habe und mir auch nicht stechen lassen werde. Und das ist ein bisschen meine Alternative, dass ich was auf meinem Körper repräsentieren kann.«
Und was unterscheidet ihn von einem Performative Male? Er lacht. »Meine Persönlichkeit. Nein, aber letztendlich glaube ich kannst du mega viele Leute als performativ einordnen. Und ich weiß nicht ganz, mit wem oder was ich mich vergleichen soll und will mich auch nicht selbst profilieren, dass ich mich von denen abhebe. Aber ich finde es zum Beispiel auch kacke, wenn Leute zu sehr mit sowas nach außen prahlen. Oder zum Beispiel sagen, boah, ich bin mega links. An sich, klar, gut. Aber ich halte mich da eher zurück. Meistens, weil ich politisch nicht so super krass gebildet bin, dass ich denke, in einem richtigen politischen Diskurs mithalten zu können.«
Der tätowierte Performative Male
Laut unserem nächsten Gesprächspartner trägt ein Performative Male »Vintage-Klamotten, Mullet, Beanie, Mustache, Ohrringe, Silberschmuck, Tote-Bag, Kabelkopfhörer«, wolle »eher links-alternativ, unkonventionell wirken« und sei »down for everything.« Zudem gebe er vor, etwas anderes zu sein als er ist, aus dem „sexuellen Aspekt heraus«; also mit dem Ziel jemanden aufzureißen. Wir stellen fest, dass zumindest die meisten äußerlichen Aspekte auch auf ihn zutreffen. Aber war das schon immer so? Oder wann ist er zum Performative Male geworden? »Im Laufe des Lockdowns. Also ich war davor ein bisschen unzufrieden, wie ich bin oder nach außen wahrgenommen werde, weil ich mich damit nicht wohl gefühlt habe. Und dann habe ich die Zeit zu Hause für ein paar optische und ästhetische Experimente genutzt. Aber ich würde nicht sagen, dass das der Beginn meiner Performative-Male-Zeit ist, weil es eigentlich drum ging, dass ich mich mit mir selber wohl fühle. Und da war nie der Ansatz, dass ich dann mit meinem Aussehen irgendwie andere Leute catche.« Inspiriert habe ihn hierbei sein Cousin, Social Media habe er zu der Zeit eher nicht genutzt. Die Veränderungen hätten dazu geführt, dass er sich wohler in seiner Haut gefühlt habe. »Wie ich mich im Inneren fühle und wie ich nach außen wirke waren dann kongruenter.« Manche seiner damaligen Veränderungen findet er jedoch mittlerweile ein bisschen übertrieben. »Also ich hab mir ab der Oberstufe, eineinhalb Jahre bestimmt, die Fingernägel lackiert. Im Nachhinein denk ich mir, kann man mal machen, aber so exzessiv muss es jetzt nicht mehr sein. Ich fühl mich jetzt wahrscheinlich zu alt dafür.« Und war er im Dating-Kontext schon mal performativ? »Ich hatte mir irgendwann eingebildet, dass ich ein Tattoo haben will. Aber mir war es dann irgendwie zu teuer, ins Studio zu gehen. Und dann hab ich eine kennen gelernt, mit der ich mich auch ganz gut verstanden habe, aber wo ich gemerkt hab, für mich ist das nichts Romantisches. Aber ich hab es weiterlaufen lassen, weil es sich irgendwie im Dating Kontext ergeben hat, dass sie tätowiert. Und aus nem Spaß wurde dann ein ernsthaftes Ding, dass sie es machen würde. Und dann dachte ich mir, das nehmen wir jetzt mal mit.« Auf der PMS gibt er sich eine 5/10.
Der ironische Performative Male
Für ihn täuscht ein performative Male Interesse an Dingen vor, die von der Gruppe, zu der er gehören will, momentan als cool befunden werden. Er selbst gibt sich auf der PMS eine 4/10. Das begründet er damit, dass andere das denken könnten und er nicht frei von äußeren Style-Einflüssen sei, insbesondere nicht von Pinterest. Und was unterscheidet ihn vom Performative Male? »Ich habe echte Interessen. Manche davon decken sich damit, was gerade cool ist, einige nicht. Der größte Unterschied ist, dass ich meine Interessen auch wirklich umsetze, aber gleichzeitig nicht großartig teile.« Als Beispiel nennt er, dass er sich ein Vintage-Rennrad gekauft habe. Damit sei er tatsächlich zum Gardasee und nach Wien gefahren, aber er versuche, nicht damit anzugeben. Auch gehe er gerne in Museen oder trage Cowboystiefel und Dickies, tue dies jedoch schon seit Jahren. Trotz oder gerade wegen diesen Vorlieben sieht er sich eher als ironischer Performative Male. »Weil dieses Narrativ so überspitzt ist, finde ich es auch lustig, davon Teil zu sein.«
Er berichtet, es habe schon einmal eine Zeit in seinem Leben gegeben, wo man ihn als Performative Male eingeschätzt haben könnte. Denn er habe mit 15 das Skaten angefangen, da er es sehr cool bei anderen fand. »Aber mit der Zeit hat es mir dann ehrlich Spaß gemacht.« Ob es eine Rolle gespielt habe, dass Mädchen damals Skaten cool fanden? »Ja, doch schon. Mir war schon bewusst bzw. ist mir bewusst geworden, dass es gut ankommt. Das will ich auch nicht von mir weisen.« Er lacht. »Meinen ersten Kuss zum Beispiel, den hatte ich auf dem Skateplatz.« »Bei meinem ersten Date habe ich mir zum Beispiel von ihr die Fingernägel lackieren lassen oder war dann mit ihr beim Vino-Kilo-Sale.« Später habe er einem Date erzählt, dass der Alchemist sein Lieblingsbuch sei, um intellektuell zu wirken. War es aber auch wirklich sein Lieblingsbuch? »Ja wahrscheinlich schon, aber auch, weil ich es cool fand, so etwas actually zu lesen.« Wir fragen, was ihm aus dieser Zeit geblieben sei. Er lacht. »Kleidung, Style, … ja, und meine Freundin.«
Titelbild © Julia Reitmeyer



