Oppenheimer – ein Prophet der Zerstörung?

Oppenheimer – ein Prophet der Zerstörung?
»Manhattan Project« feierte am 31. Januar im Antoniushaus Premiere

von Anne Nothtroff

Das Bühnenbild ist Chaos. Blätter liegen verteilt auf dem Boden, dazu fünf Männer am Faulenzen, Schlafen, Rauchen und Saufen. Man könnte meinen, das erklärt eigentlich schon das ganze Problem. Doch so leicht lässt sich die Geschichte, die sich im Antoniushaus des Theater Regensburg abspielt, nicht erklären. Wie so oft ist die Welt nicht schwarz und weiß. Deshalb muss weiter ausgeholt werden:

Die Geschichte fängt mit einem verschlossenen Koffer am Fußende des Bettes einer bescheidenen Pension im Jahr 1938 in New York an. Er gehört dem jüdisch-ungarischen Physiker Léo Szilárd (Clemens Maria Riegler). Auspacken möchte er ihn nicht, denn man packt den Koffer erst aus sobald man angekommen ist. Und das ist nicht der Fall, denn er befindet im Exil, auf der Durchreise, wie die Patriarchen in der Bibel. Und so beginnt der circa dreistündige Theaterabend »Manhattan-Project« nach der Textfassung des italienischen Schriftstellers und Dramaturgen Stefano Massini. Manhattan-Project ist ein Codename. Er steht für die Entwicklung der größten Vernichtungswaffe der Welt, der Atombombe. Leitung des Projekts ist der US-amerikanische Physiker Robert J. Oppenheimer. Das Schauspiel steht in dieser Spielzeit in einigen deutschen Theaterprogrammen und ist derzeit in mehreren deutschen Städten zu sehen. Anlass ist sicherlich weniger Christopher Nolans preisgekrönter Film »Oppenheimer« aus dem Jahr 2023, sondern vielmehr die 70-jährige Jährung der Atombombenangriffe auf Hiroshima und Nagasaki im August letzten Jahres.

Im Exil, innerlich gespalten

Zurück auf die Bühne: Die schlafenden Männer sind mittlerweile erwacht: Allesamt jüdisch-ungarische Physiker, die zur Kernspaltung forschen. Neben Léo Szilárd, der noch immer nicht seinen Koffer auspacken will, gibt es Paul Erdős (Joscha Eißen), dessen Name eigentlich irrelevant ist, da er immer auf der Suche nach dem kürzesten Weg ist und Namen nur davon ablenken würden. Alexander Sachs (Jonas Schlagowsky) mit hochglanzpoliertem Aktenkoffer, sowie einem Händchen für Finanzen und Ed Teller (Max Roenneberg), der wütende Motor der Truppe, werden ergänzt durch Jenő Wigner (Jonas Julian Niemann) den dringend notwendigen und ausgleichenden Ruhepol.

Jonas Julian Niemann, Joscha Eißen, Guido Wachter, Max Roenneberg & Clemens Maria Riegler © Sylvain Guillot

Schnell wird klar, Atome sind nicht das Einzige was gespalten wird. Auch die Physiker sind allesamt gespalten. Innerlich gespalten, zerrüttet von den Umständen und Ungerechtigkeiten ihrer Zeit mussten sie ihr Heimatland Ungarn verlassen und ins Exil gehen. Sie sind nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Menschen und die sind sich einig: Mithilfe der Kernspaltung und einer sehr hohen Menga an Uran könnte eine Waffe entwickelt werden, die das Nazi-Regime vernichten würde. Um jeden Preis müssen die USA diese Waffe schneller entwickeln als Hitler es tut.

Oppenheimer (Guido Wachter) ist zunächst stiller Teilhaber des Geschehens. Bis er mit der Leitung des Projekts beauftragt wird. Er ist keine einfach zu lesende Person, jemand der abwägt und abwartet. Seit seiner Kindheit auf der Suche nach der »Formel des Schmerzes« wird er von Guido Wachter überzeugend gespielt.

Eine weitere Figur bewegt sich immer wieder zwischen dem Ensemble: Schauspieler Paul Wiesmann, in schwarzem Ganzkörperanzug in einer Rolle, die sich nicht zu leicht zuordnen lässt. Im Programmheft wird sie als Metapher der Zeit betitelt. Auf der Bühne wirkt sie eher wie ein omnipräsenter umherschleichender Schatten. Manchmal fungiert er als außenstehender Erzähler, manchmal wird er Teil der Handlung, überschattet sie mit einer unheilvollen Atmosphäre. Stellenweise, mit verbranntem Arztkittel und Baby auf dem Arm, stellt er Opfer des Krieges oder Atombombenabwürfe da und gibt damit den Opfern auch eine Rolle im Bühnengeschehen. Ein brillanter Regieeinfall von Regisseurin Joanna Lewicka, die den Abend nicht ohne die Erinnerung an den Tod erzählen wollte. Ohnehin sollte man sich den Namen Lewicka merken, denn die mit dem deutschen Theaterpreis ausgezeichnete Regisseurin wird sicherlich noch das ein oder andere sehenswerte Schauspiel auf die deutschen Theaterbühnen bringen.

Wir haben die Angst im Nacken

Die Bühne wird multimedial bespielt. Immer wieder wird Oppenheimers Gesicht auf eine im Bühnenbild integrierte Leinwand projiziert. Es wird Erde auf ihn geworfen, die immer wieder von ihm abfällt. Sie kann als Schuld, die abperlt und nicht so leicht zuzuweisen ist gedeutet werden.

Die Handlung spitzt sich zu: Die Japaner haben Pearl Harbour angegriffen. Die USA befinden sich im Krieg. Nun verliert selbst, Jenő Wigner, der Ruhepol der Gruppe die Fassung und Léo Szilárd packt seinen Koffer aus. Sie konnten den US-amerikanischen Präsidenten Roosevelt und seinen Berater Vannevar Bush (Michael Haake) von der Dringlichkeit ihres Vorhabens überzeugen. Die Zeit rennt, die Bühnenbeleuchtung flimmert, das Bühnengeschehen wird mit trabenden Elektrobeats hinterlegt. Oppenheimers Körper nackt auf die Leinwand projiziert. Vollständig entblößt und zur Schau gestellt; ein Schuldiger? Sein Mantel wird ihm zu eng, der omnipräsente Schatten greift ihm um die Kehle. Jede Nacht träumt er davon wie er wie Prophet Jeremia über Trümmer läuft. Sein Mund ist zunäht. Ein sprachloser Prophet.

Paul Wiesmann & Guido Wachter © Sylvain Guillot

Massinis Textfassung ist hektisch und fordernd – sowohl für das Publikum als auch für das Ensemble. Aufeinander eingestimmt meistert das eingespielte Regensburger Schauspielensemble diese Herausforderung mit Bravour. Die Originalfassung enthält kaum Dialoge und so wurde der Text auf das rein männliche Ensemble aufgeteilt. Die Eigenheiten der Charaktere sind humorvoll herausgearbeitet und die Anspielungen auf die Propheten des Alten Testament verleihen dem Schauspiel eine mystische Tiefe.
Aleksander Janas Bühnenbild ist vielfacher Hinsicht genial. Es zeigt eine heile Bürowelt, die Deckenbeleuchtung hat die Form des Pentagons. Gleichzeitig schafft eine an die Hiroshimaruinen angelehnte Holzkonstruktion ein Bild von Zerstörung. Marta Góźdź (El Bruzda) kleidet die Darstellenden in Anzüge der 1940er Jahre.

Zurück zu den schlafenden Männern des Anfangs: Das Stück zeigt eindringlich: Das Problem sind nicht die Männer und nicht Robert J. Oppenheimer. Sie tragen Verantwortung, und die Frage nach der Ethik in der Wissenschaft drängt sich dem Publikum auf wie keine andere. Trotzdem liegt das eigentliche Problem in der Angst und in dem, wozu Menschen fähig sind, wenn sie von ihr beherrscht werden.
Der Prozess ist nicht abgeschlossen, sobald sich der Bühnenvorhang schließt: Heute gibt es knapp 13.400 Atomwaffen weltweit, fast 4.000 davon sofort einsatzbereit. Einige davon gar nicht weit weg: Zwanzig US-Atomsprengköpfe lagern im rheinland-pfälzischen Fliegerhorst Büchel. Massinis Stück ist also nicht nur ein kollektives Erinnern, sondern auch eine kollektive Warnung, die als Appell verstanden werden will.


Weitere Informationen zum Stück gibt es auf der Website des Theater Regensburg (Theater Regensburg – Manhattan Project

Die Vorstellung wurde mit Pressekarten besucht.  

Beitragsbild: Ensemble © Sylvain Guillot

Comments

No comments yet. Why don’t you start the discussion?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert