Misogynie ist trotz gesellschaftlicher Maßnahmen und progressiver Denkansätze nie weit. Man begegnet ihr vor allem in den bekannten Räumen, beispielsweise am Arbeitsplatz, auf der Straße und in den sozialen Medien. Oft jedoch verstecken sich diskriminierende Strukturen ebenso an Orten, die eigentlich davon unberührt sein sollten.
von Amelie Steinwagner
Die Friedrich-Ebert-Stiftung definiert Misogynie als »Ideologie- oder Glaubenssystem des Patriarchats«, das Frauen* seit Jahrhunderten systematisch herab würdigt und gesellschaftlich außen vor lässt. Synonym kann auch von »Frauenhass« gesprochen werden. Dieser Hass ist zutiefst emotional aufgeladen und betont die untergeordnete Stellung der Frau in Politik, Arbeit und Gesellschaft.
Misogynie kann jedoch nicht allein betrachtet werden, sondern ist mit anderen Arten von Diskriminierung verwoben, wie etwa Homophobie, Trans-Feindlichkeit und Rassismus. Durch solch ein Zusammenspiel entstehen vollständig neue Diskriminierungsarten, die sich nicht durch bereits existierende Parameter beschreiben lassen.
»Ich kann niemanden diskriminieren!«
In queeren Räumen wird misogyne Diskriminierung oder Belästigung häufig abgestritten. Verhaltensweisen, Vorurteile und strukturelle Problematiken werden nur in bestimmten Kontexten sichtbar gemacht und aufgearbeitet. Es entsteht eine ganz neue Problematik, wenn die Möglichkeit von Misogynie von vornherein abgestritten wird. Vor allem weiße, schwule Cis-Männer profitieren trotz ihrer sexuellen Orientierung von patriarchalen Strukturen, sind sich dessen aber nicht bewusst oder streiten das daraus resultierende misogyne Verhalten ab.
Ernsthafter Austausch scheint schwer möglich; in einzelnen, vorwiegend durch Männer dominierten Teilen der Community greift häufig das Prinzip »Unterdrückte können nicht unterdrücken«. Aggressoren übernehmen die Verantwortung für ihr Verhalten nicht und sprechen die von anderen wahrgenommene Gewalt ab, wie beispielsweise sexuelle Belästigung. Queere Frauen* berichten von unangemessenen Berührungen, »scherzend« gemeinten Beleidigungen und Ausgrenzung aus für sie als Safe Spaces gedachten Bereiche.
Die Annahme, dass sexuelle Belästigung etwas mit sexueller Anziehung zu tun hat, ist falsch. Im Vordergrund steht hier die Machtausübung einer Person über die andere. Das muss nicht zwingend erregend gefunden werden, um übergriffig zu sein. Ein schwuler Mann kann Frauen* ebenso belästigen wie ein heterosexueller Mann. Das Privileg sichtbarer Männlichkeit lebt in queeren Räumen weiter und führt zu Ausgrenzung und Unwohlsein. Besonders schwarze Frauen* leiden unter den Folgen.
Die Abwertung von Weiblichkeit
Solche aggressiven Verhaltensweisen sind allerdings nicht das einzige Problem. Femininität ist vor allem in bestimmten lesbischen und schwulen Teilgruppen immer noch ein Zeichen von Schwäche. Typisch »feminine« Attribute werden abgewertet und das Zeigen von Emotionen wird als etwas Negatives empfunden. Da Schwulsein oft traditionell mit Weiblichkeit in Verbindung gebracht wird (ein Beispiel ist die »Twink«-Kultur), versuchen sich manche Männer, die sich als schwul identifizieren, bewusst von solchen Vorurteilen zu distanzieren und betonen beispielsweise ein »männliches« Aussehen auf schwulen Datingplattformen wie Grindr und Sniffies.
Schwule Männer werden von anderen Männern oft als »weniger Mann« betrachtet, dadurch abgewertet und suchen Wege, um sich wieder als dominante gesellschaftliche Partei zu etablieren. Die Angst vor zu großer Weiblichkeit ist hier zutiefst frauenfeindlich, weil Frauen* und Weiblichkeit somit als nicht anstrebsam und unterlegen gelten.
Eine weitere Form dieser Abwertung geschieht durch die Parodierung von typischer Weiblichkeit im Drag. Während die Kultur des Drag ihre Wurzeln in Widerstand und Empowerment hat, bedient sie sich überspitzt dargestellter und nicht immer wohlwollender Bilder von Frauen*. Es lässt sich debattieren, ob es sich hierbei um ein Randphänomen handelt. Eine Problematik entsteht nur, wenn biologische Frauen oder Trans Frauen, die sich ebenfalls an Drag beteiligen wollen, aufgrund ihrer Geschlechtsidentität kritisiert und ausgegrenzt werden.
Ein gemeinsamer Feind?
Natürlich sind nicht nur schwule Männer das Problem. Menschen mit jeder möglichen Geschlechtsidentität und sexuellen Orientierung können Misogynie reproduzieren und dadurch Schaden anrichten. Es geht nicht darum, eine bestimmte Gruppe zu isolieren und mit dem Finger auf sie zu zeigen. Trotzdem ist es entscheidend, die Struktur hinter dem Problem aufzuzeigen und zu erkennen zu geben, dass patriarchale Machtgefälle auch in der LGBTQ+-Community existieren und Ausgrenzung begünstigen.
Erfahrungen mit Homophobie schaffen nicht gleich Verständnis für Erfahrungen mit Misogynie und Rassismus. Es ist entscheidend, sich bewusst zu machen, dass sich strukturelle Ungleichheiten für jeden anders äußern. Ein tiefergehender Austausch darüber ist unabdingbar, um innerhalb der queeren Gemeinschaft ein langfristiges Bewusstsein für verschiedene Formen von Diskriminierung zu schaffen.
Titelbild © Rada Mironova
Quellen:
https://everydayfeminism.com/2015/03/misogyny-queer-community/
https://newsisout.com/2025/01/trans-and-femme-voices-on-misogyny-in-lgbtq-communities/29723/
https://cherwell.org/2022/03/22/not-your-best-judy-the-gay-mans-misogyny/
https://www.artefactmagazine.com/2023/01/30/toxic-masculinity-misogyny-amongst-lesbians/
https://www.feministcurrent.com/2019/04/30/in-metoo-we-need-to-call-out-gay-mens-misogyny-as-well
https://www.fes.de/wissen/gender-glossar/misogynie
https://www.feministcurrent.com/2019/04/30/in-metoo-we-need-to-call-out-gay-mens-misogyny-as-well

